21.01.2020 | 18:17 Uhr Erste muslimische Bestattung auf dem Friedhof in Görlitz

Auf dem Städtischen Friedhof in Görlitz ist zum ersten Mal eine muslimische Bestattung durchgeführt geworden. Das hatte im Vorfeld zu teils heftigen Diskussionen geführt. Ermöglicht wurde die Beerdigung durch eine Spendenaktion des Görlitzers Joachim Trauboth.

Städtischer Friedhof Görlitz
Trauernde am Grab des Syrers auf dem Städtischen Friedhof in Görlitz. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Dienstagnachmittag auf dem Städtischen Friedhof in Görlitz: Ein Syrer wird nach muslimischer Tradition, mit dem Gesicht nach Mekka ausgerichtet, zur letzten Ruhe gebettet. Um das Grab haben sich sowohl die islamische Gemeinde als auch zahlreiche Görlitzer versammelt. Es ist die erste muslimische Beerdigung in der Neißestadt. Sie findet unter Polizeischutz statt.

Heftige Diskussionen im Internet

Als die Stadtverwaltung im Vorfeld über diese Beerdigung informiert hatte, war es sofort in den sozialen Netzwerken zu Diskussionen gekommen. "Hier hat es ganz furchtbare Auseinandersetzungen gegeben, die mit dem Begriff rassistisch und fremdenfeindlich noch unzureichend freundlich bezeichnet werden können", sagt Joachim Trauboth. Mit einer Spendenaktion für die muslimische Bestattung hatte der Görlitzer die Debatte ausgelöst. Der Rentner hatte von dem Schicksal der syrischen Familie erfahren, das ihn sehr berührte.

Der Verstorbene, Mohamad H., war vierfacher Familienvater und aus der syrischen Armee desertiert, wie Trauboth berichtet. Anschließend versuchte er sich mit seiner Frau und den vier Kindern nach Europa durchzuschlagen. Das Ziel war Görlitz, wo die Großeltern nach ihrer Flucht aus Damaskus bereits seit vier Jahren lebten. Doch die Familie kam nur bis zur türkisch-syrischen Grenze, dann ging ihr das Geld aus. Es wurde beschlossen, dass Frau und Kinder zunächst wieder nach Damaskus zurückkehrten, um später nach Deutschland nachzukommen. Der desertierte Vater machte sich allein weiter auf den Weg. Er schaffte es bis Ungarn. Dort kam er unter bislang ungeklärten Umständen in einem Wald ums Leben.

Spendenaktion für die letzte Ruhestätte

Ein Vater sitzt mit drei Kindern in einem Garten.
Mohamad H. mit drei seiner Kinder in Syrien. Am Dienstag wurde er auf dem Städtischen Friedhof in Görlitz beigesetzt. Bildrechte: Joachim Trauboth

"Es war eine unglaubliche Trauer in der Familie und gleichzeitig eine große Hilflosigkeit", erinnert sich Trauboth an die Zeit, als die Angehörigen von dem Tod erfuhren. Der Wunsch der Eltern war, dass ihr toter Sohn in Görlitz würdevoll seine letzte Ruhe findet, dort, wo ihre neue Heimat ist. Doch dafür fehlte das Geld. Trauboth initiierte daraufhin eine Spendenaktion. "Es war für mich ein ganz großes Fragezeichen, ob wir überhaupt die Kosten für den Transport und die Bestattung hier zusammenbekommen", sagt der einstige Unternehmensberater. Doch es gelang. Mit dem gesammelten Geld konnte der Leichnam des Syrers von Ungarn nach Görlitz übergeführt und ein Grab auf dem Friedhof für 25 Jahre gesichert werden.

Nun findet auf dem Städtischen Friedhof in Görlitz der erste Muslim seine letzte Ruhe. "Wir sehen es als ganz normale, humane Pflicht unsererseits, dass wir das möglich machen", sagt die Friedhofschefin Evelin Mühle. Vor der ersten muslimischen Beerdigung in Görlitz hatte die AfD im Verwaltungsausschuss des Stadtrates darüber eine heftige Debatte ausgelöst. Doch die Friedhofschefin betont, dass so eine Bestattung kein Problem sei, denn bei dem Städtischen Friedhof handle es sich nicht um einen kirchlichen Gottesacker. "Wir sind ein kommunaler Friedhof. Die Erde hier ist nicht geweiht, sondern gewidmet." In dieser gewidmeten Erde haben bereits orthodoxe, katholische und evangelische Christen, Atheisten sowie Buddhisten und Hindus ihre ewige Ruhe gefunden.

Dem ersten Muslim auf dem Görlitzer Friedhof gaben am Dienstag etwa 80 Menschen das letzte Geleit.

Quelle: MDR/uwa/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 21.01.2020 | ab 08:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2020, 18:17 Uhr

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