Friedliche Revolution und Novemberpogrome "Der natürliche Weg" führt zur Rettung der Görlitzer Synagoge

Die Neue Synagoge in Görlitz wird derzeit aufwendig saniert und soll in wenigen Wochen als Europäisches Kulturzentrum wieder eröffnet werden. Doch kaum jemand weiß, dass vor 40 Jahren möglicherweise regimekritische Jugendliche in der DDR dafür den Anstoß gaben. Sie wollten den Verfall der Synagoge stoppen.

Neue Synagoge - Eingangsportal mit zerstörten Leuchtern
Bildrechte: Ratsarchiv Görlitz

Görlitz hat sich seit der Wiedervereinigung zu einer der schönsten Städte Deutschland entwickelt, mit rund 4.000 Baudenkmälern aus allen Epochen. Ein Baudenkmal davon ist die Neue Synagoge aus dem frühen 20. Jahrhundert. Doch was in den Wirren und in der schnelllebigen Zeit mittlerweile in Vergessenheit geraten ist, dass es aufmüpfige Jugendliche in der DDR waren, die möglicherweise bereits 1979 den Grundstein dafür legten, dass der monumentale Bau erhalten wurde.

Widersprüche im real existierenden Sozialismus aufgedeckt

Begonnen hatte alles 1979. Ein lockerer Freundeskreis aus Görlitz und dem Umland, die Mitglieder damals zwischen 17 bis 19 Jahre alt, orientierte sich am Leben der Naturvölker und deshalb ging es um alternative Lebens- und Umgangsformen unter dem Motto der „Natürliche Weg“. Der jugendliche Freigeist kollidierte natürlich mit der kommunistischen Ideologie der SED in der DDR. Obwohl einige der Jugendlichen in der katholischen und evangelischen Kirche verankert waren, agierte die Gruppe unabhängig. Keine Kirchgemeinde, kein Jugendpfarrer oder Bischof hielt deshalb eine schützende Hand über den losen Haufen, der damals unter anderem die Umweltverschmutzung im damaligen berüchtigten Schwarzen Dreieck (Zittauer Dreiländereck) anprangerte, die Militarisierung der Gesellschaft kritisierte oder die Widersprüche zwischen Theorie und Praxis im real existierenden Sozialismus auf Plakaten zwischen Görlitz und Greiz darstellte. Carsten Scholz, damals 22 Jahre alt, erinnert sich: "Wir waren immer auf der Suche nach irgendwelchen Nadelstichen, die man dem System verpassen konnte."

Kohlekraftwerk in Turow
Das polnische Kraftwerk gehörte vor seiner Sanierung zu den großen Umweltverschmutzern im Zittauer Dreiländereck. Bildrechte: imago images / epd

Gerade solche Fragen, wo die Moral oder die angebliche Moral der DDR so vorgeführt wurde, da haben wir gerne angedockt. Da hatte man die Möglichkeit, Missstände aufzudecken.

Carsten Scholz Zeitzeuge und damaliger Mitinitiator des stillen Protests

Und weil sich der Freundeskreis "Natürlicher Weg" auch für Kultur und Geschichte interessierte, wurden die Gruppe auch auf den Jüdischen Friedhof und die Synagoge aufmerksam und auf den Umgang der DDR mit den Verfolgten des Naziregimes. Die Juden als Minderheit wurden kaum beachtet, die verfolgten Kommunisten dagegen in der Mittelpunkt gerückt und als Helden verklärt.

Jüdischer Friedhof für Garagen platt gemacht

In dieser Zeit wurden Teile des Jüdischen Friedhofs für einen Garagenkomplex platt gemacht und gleichzeitig war die Neue Synagoge dem Verfall und der Zerstörung preisgegeben.

Wir hatten ja in der Stadt immer die Synagoge vor Augen und die war für uns immer ein großes Fragezeichen. Nahezu unzerstört hatte das markante Gebäude die Nazis überstanden und nun verfiel die Synagoge.

Carsten Schulz Zeitzeuge

Fragen zum Leben der jüdischen Mitbürger vor dem Nationalsozialismus konnte oder wollte in Görlitz niemand beantworten und auch wie es mit der Synagoge weiter gehen könnte. Auch die Novemberpogrome, die sogenannte Reichskristallnacht, war in Görlitz damals ein Tabuthema. Wahrscheinlich deshalb ist bis heute ungeklärt, warum die städtische Feuerwehr das damalige Gotteshaus am 09. November 1938 vor der Vernichtung bewahrte.
"Das war also ein festes Datum und wir haben gedacht, wenn das unbeachtet bleibt, wenn eine Gesellschaft einfach so an so einem Datum vorbeischlittert oder -schlendert, da stimmt was nicht", erinnert sich Carsten Scholz, einer der Initiatoren vom "Natürlichen Weg".

Neue Synagoge - Zerstörte Fenster
Die Neue Synagoge in Görlitz war in der DDR dem Zerfall und der Zerstörung preisgegeben. Bildrechte: Ratsarchiv Görlitz

Die Neue Synagoge am Stadtpark In Görlitz wuchs im 19. Jahrhundert die jüdische Gemeinde rasch an, sodass die am Rand der historischen Altstadt gelegene Alte Synagoge bald zu klein wurde. Im Februar 1909 wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, den die Architekten William Lossow und Hans Max Kühne aus Dresden gewannen. Bereits zwei Jahren später, am 9. März 1911, konnte die Neue Synagoge am Stadtpark eingeweiht werden. Der monumentale Bau zeugte vom neuen Selbstbewusstsein der jüdischen Mitbürger in Görlitz und zählt zu den wichtigsten Beispielen für den modernen Synagogenbau.

In Görlitz wurden damals modernste Technik mit der Tradition beim Bau von Gotteshäusern verknüpft. Immer wieder wurden in der damals preußischen Großstadt innovative Techniken beim Bau eingeführt. So erhielt die Synagoge ein Skelett aus Stahl und Beton mit der gewaltigen Kuppel. Auf dem beherrschenden Kuppelturm prangte weithin sichtbar der 1938 heruntergerissene Davidstern.

Die Synagoge bot etwa 500 Besuchern Platz.

Am 9. November 1938 wurde ein Brandanschlag auf die Synagoge verübt, doch die Feuerwehr löschte den Brand in der Pogromnacht. Warum, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Viele Mitglieder der jüdische Gemeinde hatten damals schon die Stadt verlassen und sind vor den Nationalsozialisten geflüchtet. Wer blieb, wurde in den Vernichtungslagern ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Görlitz kein jüdisches Leben mehr.

In der DDR-Zeit verfiel das Gebäude, dass der jüdischen Gemeinde in Dresden übertragen wurde. Diese verkaufte es 1963 an die Stadt Görlitz. Das Stadttheater nutzte eine zeitlang das einstige Gotteshaus als Kulissenlager. Als die Schäden im Dach immer größer wurden, wurde das einstige Gotteshaus dem Verfall und der Zerstörung preisgegeben. Erst 1987 wurde begonnen, das Gebäude zu sichern. Ein Jahr später begannen die Sicherungsarbeiten am Dach.

Mit Kerzen gegen das Vergessen

Relativ spontan sei die Idee entstanden, mit einem Spaziergang an die sogenannte Reichskristallnacht zu erinnern und auf den Verfall und die Zerstörung der Synagoge aufmerksam zu machen, erinnert sich Edwin "Eddy" Schneider, damals 22 Jahr alt.

Neue Synagoge - Müll und ausrangierte Theaterkulissen im Innern der einstigen Synagoge
Eine zeitlang wurde die Neue Synagoge als Lager für Theaterkulissen "missbraucht". Bildrechte: Ratsarchiv Görlitz

Wir gehen da einfach mal hin, zeigen uns in der Öffentlichkeit. Wenn wir da eine Kerze mit haben, da werden wir auch wahrgenommen. Das ist ja kein Verbrechen, man hat ja nur stillschweigend auf etwas hingewiesen.

Edwin Schneider Zeitzeuge

Und so lief eine kleine Gruppe, etwa zehn bis 20 Jugendliche am Abend des 09. Novembers 1979 mit Kerzen in der Hand vom Jüdischen Friedhof in der Südstadt zur Neuen Synagoge am Stadtpark mitten durch die Innenstadt. Passanten staunten, blieben stehen. Aber keiner fragte! Neugierige Blicke kamen aus der Straßenbahn. An den verrammelten Toren vom Jüdischen Friedhof und der Neuen Synagoge hatten die Jugendlichen Kerzen aufgestellt und Blumen niedergelegt. Zumindest bei einigen Görlitzern sorgte die ungewöhnliche Aktion anschließend für Diskussionen.

Neue Synagoge - Eingangsportal
Die Neue Synagoge während der Sanierung des Eingangsbereiches. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der stille Protest wurde ein Jahr später wiederholt. Doch dieses Mal hatten Polizei und Staatssicherheit die Aktion im Blick. Der lockere Freundeskreis "Natürlicher Weg" wurde inzwischen beobachtet.

Eine gefährliche Mischung: Asoziale, religöse und kriminell-gefährdete Jugendliche

In einem "Übersichtsbogen zur operativen Personenkontrolle" der Staatssicherheit heißt es wörtlich:

In diesen Gruppierungen verkehren religöse, asoziale bzw. kriminell-gefährdete Jugendliche.

DDR-Staatssicherheit Bericht

Edwin Schneider hatte in seinem Bekanntenkreis für das Gedenken am Jüdischen Friedhof, an der Neuen Synagoge und den stillen Spaziergang geworben. Ein inoffizieller Mitarbeiter (IM Karl-Gustav) hatte die Staatssicherheit darüber informiert. Auch das Volkspolizeikreisamt (VPKA), das Kommissariat I, war laut Aktennotizen von der Staatssicherheit informiert worden - darunter auch der damalige stellvertretende Leiter Dieter Herberg. Dessen Karriere wurde davon nach der friedlichen Revolution aber nicht beeinflußt. Herberg wurde übrigens der erste Präsident der Polizeidirektion Oberlausitz Niederschlesien.

Ausschnitt aus einer Akte der Staatsicherheit.
Ausschnitt aus einer Akte der Staatsicherheit zum den Görlitzer Freundenkreis, der die Synagoge im Blick hatte. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

VPKA/Komm 1 Das Kommissariat 1 in den Volkspolizeikreisämtern (VPKA) waren die sogenannte "politische Abteilung" der Kriminalpolizei. Sie arbeiteten eng und in Konkurrenz zur Staatssicherheit. Vielerorts verfügten sie über ein eigenes Spitzelsystem. In den Wirren der 1990er Jahre gelang es der Abteilung 1 ihre Arbeit als Tätigkeit von Kriminalisten darzustellen. Weil sich die Öffentlichkeit nach der Friedlichen Revolution vorwiegend mit der Staatssicherheit beschäftigte, geriet die Abteilung 1 der Kriminalpolizei in Vergessenheit. Bis heute wurde ihre Tätigkeit nicht aufgearbeitet. Stattdessen erhielten zumindest in Sachsen, auf Initiative des damaligen Innenministers Heinz Eggert auch die Volkspolizisten der Komm 1 den Beamtenstatus.

Während beim ersten Gedenken die Reste der Kerzen noch Tage später zu sehen waren, wurden die Kerzen und Blumen am Jüdischen Friedhof nur wenige Minuten später, als sich die Gruppe entfernt hatte, von Volkspolizisten und Männern in Zivil entfernt. Nach Augenzeugenberichten sollen die Blumen sogar "wutentbrannt zertrampelt" worden sein. An der Neuen Synagoge passierte das Gleiche. "Unsere Aktion wurde also wahrgenommen", lächelt Carsten Scholz. Die marode Synagoge rückte wieder in den Blick der Öffentlichkeit.

Neue Synagoge - Zerstörter Nebeneingang
Neue Synagoge - zerstörter Nebeneingang. Bildrechte: Ratsarchiv Görlitz

Voller Saal im Wichernhaus

Am dritten stillen Protest nahmen zum ersten Mal auch Jugendliche teil, die nicht zum unmittelbaren Freundeskreis gehörten. Danach zerstreuten sich die Initiatoren. Doch die Idee ging nicht verloren. Die Görlitzer Studentengemeinde führte den stillen Protest nach einer Pause von einigen Jahren fort. "Damit habe in Görlitz die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte begonnen, denn auf diesem Gebiet gab es damals ein Vakuum", erzählt der Görlitzer Historiker Dr. Ernst Kretschmer: "Und es begann am 5. Februar 1986. Da hatte die evangelische Kirche in ihr Wichernhaus eingeladen, zu einem Vortrag über die Juden in Görlitz!"

Man rechnete mit etwa 20 Teilnehmern, doch es kamen immer mehr und immer mehr Leute. Wir zogen in den großen Saal um und dort habe ich in einer unwahrscheinlichen Stimmung, einer selten gekannten Aufmerksamkeit, das, was ich bis dahin wusste, vorgetragen.

Dr.Ernst Kretschmer Historiker

Unterdessen ist ein Buch zur Geschichte der Juden in Görlitz erschienen. Auch die Alte Synagoge am Rand der Görlitzer Altstadt erlebte nach der politische Wende ihre Auferstehung als Literaturhaus und an der Neuen Synagoge laufen seit Jahren die Sanierungsarbeiten.

Das imposante Gebäude am Stadtpark soll Anfang Dezember als Europäisches Kulturforum wieder eröffnet werden. Derzeit wird am Eingangsbereich gearbeitet, die Treppen instandgesetzt.
Auf diesen Treppen lagen am 9. November 1979 Blumen, standen Kerzen. Möglicherweise hat dieser stille Protest vor 40 Jahren mit dazu beigetragen, dass die Neue Synagoge vor dem Verfall gerettet wurde.

Neue Synagoge - sanierte Südfassade mit sanierten Fenstern
1911 wurde die Neue Synagoge eingeweiht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aufgrund der Corona-Pandemie wird es in diesem Jahr keinen Schweigeweg zwischen Jüdischem Friedhof und Neuer Synagoge geben. Vielmehr lädt die Stadt zum virtuellen Gedenken ein, bei der u.a. Oberbürgermeister Octavian Ursu, Generalsuperintendentin Theresa Rinecker sowie der katholische Bischof Wolfgang Ipolt sprechen.

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 09.11.2020 | im laufenden Tagesprogramm

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