Matthias Reuter, Pflegekoordinator des Landkreises Görlitz, will mit Rose-Marie Zock und Karl-Heinz Neumann vom Kreisseniorenrat die Notfalldose bekannter machen.
Matthias Reuter, Pflegekoordinator des Landkreises Görlitz, will mit Rose-Marie Zock und Karl-Heinz Neumann vom Kreisseniorenrat die Notfalldose bekannter machen. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

09.07.2019 | 09:55 Uhr Görlitz verteilt als erster Landkreis Notfalldosen

Im Notfall zählt jede Sekunde. Doch schnell an Informationen über die Patienten zu kommen, ist für Retter oft schwer. Welche Medikamente nimmt die Person, welche Krankheiten hat sie und mit welchen Therapien werden die behandelt? Aufschluss darüber soll eine kleine Dose im Kühlschrank bieten. Der Landkreis Görlitz verteilt sie gerade erstmals in Sachsen.

Matthias Reuter, Pflegekoordinator des Landkreises Görlitz, will mit Rose-Marie Zock und Karl-Heinz Neumann vom Kreisseniorenrat die Notfalldose bekannter machen.
Matthias Reuter, Pflegekoordinator des Landkreises Görlitz, will mit Rose-Marie Zock und Karl-Heinz Neumann vom Kreisseniorenrat die Notfalldose bekannter machen. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Zwischen Marmelade und Ketchup, Wurst und Käse steht eine weiß-grüne Plastikdose im Kühlschrank. Sie ist nur so groß wie ein kleines Senfglas. Darin steckt ein Faltblatt. Darauf lassen sich Allergien, Krankheiten und regelmäßig eingenommene Medikamente eintragen. Dort können Impfungen, die Blutgruppe und der Kontakt zum Hausarzt angeben werden. Damit Retter die Dose im Ernstfall finden, sind zwei Aufkleber dabei. Einer kommt an die Kühlschrank-, der andere an die Wohnungstür.

Matthias Reuter, Pflegekoordinator für den Landkreis Görlitz, hat die Notfalldose im vergangenen Jahr auf einer Fachveranstaltung kennengelernt und will nun dazu beitragen, dass sie bekannter wird. "Weil das eine ganz einfache Sache ist, Menschen ein Hilfsmittel an die Hand zu geben, was im Notfall wirklich gut und schnell hilft", erklärt Reuter seine Motivation. "Denn, wenn man sich überlegt, wo sind denn die Dokumente? Da liegt die Medizinliste irgendwo in der Wohnstube und die Patientenverfügung liegt im Schlafzimmerschrank. Das findet kein Mensch. So aber ist das alles an einer Stelle beisammen."

Wichtige Infos an einem Ort hinterlegt

Aus dem Pflegebudget, das der Freistaat dem Landkreis zur Verfügung stellt, hat Matthias Reuter einige Dosen beschafft. Er lässt sie durch das Infomobil "Pflege" des Landkreises kostenlos an die Bürger verteilen. Außerdem hat Reuter den Seniorenrat des Landkreises eingespannt. "Es ist einfach wichtig, dass diese Dose von Senior zu Senior geht und nicht ich als Vierzigjähriger mich da hinstelle und die Welt erkläre, sondern dass jemand, der das selber intensiv nutzt, der schon nah dran ist an der Pflege, selber vielleicht pflegebedürftig ist oder einen Angehörigen pflegt, dass der das weitergibt. Das funktioniert einfach besser", erläutert der Pflegekoordinator.

Die Mitglieder des Seniorenrats trugen die Dosen ins Mehrgenerationenhaus, ins Familienbüro, zu Vereinen und Initiativen. "Wir fanden, dass das eine gute Sache ist und dass das vielen Bürgern bekanntgemacht werden sollte", sagt Rose-Marie Zock vom Kreisseniorenrat. Deshalb informiert sie mit ihren Mitstreitern in lokalen Kreisen und Gruppen über den Nutzen der Notfalldose. "Die Dose fand großen Anklang, weil es sehr viele Alleinstehende gibt", berichtet Zock.

Die Dose als Anlass, sich mit Fragen der Pflege zu befassen

Gerade dort, wo im Notfall kein Partner Auskunft geben kann, hilft die Dose Leben zu retten. Pflegekoordinator Matthias Reuter verfolgt mit der kostenlosen Ausgabe aber noch ein anderes Ziel: "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Leute sich über diesen Weg Notfalldose auch mit anderen Themen beschäftigen, die sie sonst vielleicht nicht auf dem Schirm hatten, beispielsweise Themen wie Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht. Solche wichtigen Themen, die schiebt man so gerne vor sich her. Und wenn man dann mit so einem einfachen Instrument darauf hingewiesen wird, dann nutzen es die Leute doch und beschäftigen sich auch mit diesen Fragen." In einem Alter, in dem die Menschen den Kopf noch frei haben und noch kein Notfall eingetreten ist, könnten so schon die richtigen Schritte gegangen werden. Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung könnten dann ebenfalls ihren Platz in der Notfalldose finden.

Wie die Dose genutzt wird, soll ausgewertet werden

Ob man für die Aufbewahrung die vom Landkreis ausgegebene Dose nutzt, eine in der Apotheke kauft oder sich selbst ein Behältnis bastelt, ist egal. Wichtig ist, die Informationen überhaupt an einer Stelle schnell zugänglich zu halten. Die Dose im Kühlschrank hat sich da bewährt.

Platz für alle wichtigen medizinischen Infos: auf dem Zettel in der Dose lassen sich neben persönlichen Angaben u.a. Unverträglichkeiten, Erkrankungen, Therapien und Medikamente wie auch der Kontakt zum Hausarzt eintragen.
Platz für alle wichtigen medizinischen Infos: auf dem Zettel in der Dose lassen sich neben persönlichen Angaben u.a. Unverträglichkeiten, Erkrankungen, Therapien und Medikamente wie auch der Kontakt zum Hausarzt eintragen. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Matthias Reuter hat gerade 250 Dosen nachliefern lassen, denn der erste Schwung war schnell vergriffen. Das zeigt: seine Initiative kommt an. Der Landkreis Görlitz sei sachsenweit der erste, der die Dosen im großen Stil verteilt. "Ich kann mir vorstellen, wenn das bei uns jetzt ein gutes Beispiel wird, dass dann andere auf den Zug aufspringen und das in ihrer Region genauso nutzen", sagt Reuter. Für ihn sei nun auch wichtig auszuwerten, wie die Notfalldose von den Bürgern genutzt wird. "Passt das, was da auf diesem Zettel draufsteht? Muss man das vielleicht noch verändern? Halten die Leute das wirklich aktuell? Wird das also nicht nur einmal benutzt und dann im Kühlschrank vergessen?", fragt Matthias Reuter. Nach Antworten wird er in ein paar Monaten suchen, wenn im Landkreis noch mehr Dosen verteilt sind.

"Wir sind noch am Anfang dieser lebensrettenden Aktion und sind bemüht, noch viele mit ins Boot zu holen", sagt Karl-Heinz Neumann, Vorsitzender der Görlitzer Seniorenvertretung und kann davon berichten, dass die Initiative immer größere Kreise zieht. Die Wohnungsgenossenschaft Görlitz wolle in ihrer nächsten Mitgliederzeitschrift einen Gutschein für eine Notfalldose abdrucken. So könnten 5.000 Haushalte in Görlitz kostenfrei an dieses lebensrettende Hilfsmittel kommen.

Quelle: MDR/mk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 08.07.2019 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

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3 Kommentare

10.07.2019 01:42 PIRATEN Zittau 3

Nicht nur für die fortgeschrittene Generation eine gute Sache, sondern für alle die an chronischen Erkrankungen leiden oder eine Patientenverfügung haben. So ist sie immer schnell griffbereit. Für die jüngere Generation und auch die mittlere, die Handys nutzen, gibt es ebenfalls die Möglichkeit diese Informationen im Handy zu hinterlegen. Das Betriebssystem Android bietet da eine sehr gute Möglichkeit, die von den Rettern ausgelesen werden kann OHNE das Handy entsperren zu müssen. Digitale und analoge Techniken können hier harmonierend zusammen wirken um effektiv Menschenleben zu retten.

09.07.2019 22:48 Sanitäter 2

Wirklich mal keine schlechte Idee! Ich arbeite seit vielen Jahren im Rettungsdienst und in vielen Fällen fehlen uns einfache Informationen die uns Aufschluss über den Patienten geben. Dauermedikation, Vorerkrankungen oder Telefonnummern von Angehörigen. Was wir für Schränke durchsucht haben um überhaupt was raus zu finden. Deswegen Daumen hoch für diese Idee.
P.s. Tut die Krankenkassenkarte gleich mit in die Dose... ;)

09.07.2019 11:35 Kirchenmitglied 1

Eine zündende und doch ganz einfache Idee, die für einen Menschen medizinisch relevanten Daten im Kühlschrank zu hinterlegen, denn einen solchen dürfte jeder im Hause haben. Da gibt es kein ewiges Suchen, wenn die Daten in einem Notfall benötigt werden.

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