Wegweiser im Soziokulturellem Jugendzentrum.
Bildrechte: MDR/Uwe Walter

17.04.2019 | 15:36 Uhr Senioren beleben Görlitzer Jugendzentrum

Der Freistaat unterstützt acht Projekte in der Oberlausitz, die sich mit dem demografischen Wandel befassen. Gefördert wird auch das Projekt "RABRYKA-digital" in Görlitz. Ältere Menschen sollen ihre Scheu vor einem alternativen Jugendzentrum verlieren und dort ihren Hobbys nachgehen. Eine Gruppe von Jugendlichen hatte vor einigen Jahren eine Industriebrache am Rand der Innenstadt in Beschlag genommen. In der früheren Hefefabrik entwickelte sich ein soziokulturelles Zentrum.

Wegweiser im Soziokulturellem Jugendzentrum.
Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Die Sonne strahlt vom blauen Frühlingshimmel, aber Kinder oder Jugendliche sind im alternativen Jugendzentrum nicht zu sehen. Skaterbahn und Boulderwand warten vergeblich auf Nutzer. Ein paar Frauen mittleren Alters kommen aus dem Bioladen, durchqueren mit schnellen Schritten das Gelände und brausen im Kleinwagen davon. Nur ein älterer Mann schlendert durch die bunt bemalte Industriebrache.

Ein Rentner pflegt die Blumen

Es ist Hans Dieter Golldamm. Der 84 Jahre alte Rentner wohnt ein paar Straßenzüge weiter in einem Mehrfamilienhaus und schaut nach dem sogenannten Stadtteilgarten. Seit etwa einem Jahr fühlt er sich für einen runden Hügel auf dem Hof der einstigen Hefefabrik verantwortlich.

Hier haben wir Salat, Tee, Tulpen und Rosen gepflanzt. Alles schön gemacht, teils zusammen mit den Jugendlichen. Drei von ihnen helfen regelmäßig.

Hans Dieter Golldamm Rentner

Doch von den Jugendlichen ist weit und breit nichts zu sehen. "Na, die kommen einmal die Woche zum Gartentag und es könnten ruhig mehr sein," meint der rüstige Rentner.
Das benachbarte Stadtviertel wurde in der Gründerzeit gebaut. Heute wohnen dort viele Familien, die von Sozialhilfe leben. "Die finden das hier gut, aber mitmachen...?" Der 84-Jährige schüttelt den Kopf. Ihn aber schreckten die bunten Grafitti an den Wänden nicht ab.

Dieter Golldamm im sogenannten Stadtteilgarten.
Dieter Golldamm pflegt den sogenannten Stadtteilgarten. Der 84 Jahre alte Rentner kommt seit einem Jahr ins Jugendzentrum. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Ich hab' gefragt, ob ich was machen kann und dann bin ich gut aufgenommen worden. Ich habe gestaunt, dass die jungen Leute so aufgeschlossen waren und sich nicht an meinem Alter gestört haben.

Hans Dieter Golldamm Rentner

Beim Erzählen schaut Hans Dieter Golldamm, ob die Pflanzen auf dem Hügel gegossen werden müssen. Unterdessen eilt Markus Hacker herbei. Er ist als Projektleiter für das Vorhaben "RABRYKA digital" verantwortlich, bei dem mit Hilfe von Smartphone oder Computer Brücken zwischen Generationen geschlagen werden sollen, also zwischen Jung und Alt. "Hans Dieter Golldamm ist noch analog, ohne Mobiltelefon, gehört also nicht zum digitalen Zeitalter", lächelt Hacker.

Café repair wird zum Reparaturcafé

"Eines unser wichtigsten Projekte von "RABRYKA-digital" ist das Reparaturcafé im Jugendzentrum", meint Markus Hacker. Einmal die Woche bringen fachkundige Senioren Haushaltsgeräte oder Computer aus der Umgebung wieder zum Laufen, zunächst unter dem Motto "Café repair". Doch die vier, fünf Helfer älteren Semesters störten sich am englischen Namen. Deshalb heißt die Gruppe jetzt Reparaturcafé und ist seitdem fester Bestandsteil mit recht unterschiedlicher Resonanz im Veranstaltungsplan.

Junger Fuchs und alte Hasen

In einem kleinen Nebenraum tüftelt ein junger Mann, hockt vor einem Laptop. Stefan Dorf will eine mobile Fräsmaschine zum Heimwerken bauen. Auf den ersten Blick fallen die High-Tech-Geräte im Raum nicht auf: Laserscanner und 3D-Drucker. Der Drucker fertigt die ersten Bauteile für die Fräsmaschine. "Hier im Makerspace, wie der Raum genannt wird, haben wir mit Kindern diesen mobilen Roboter konstruiert und gebaut", sagt Markus Hacker und präsentiert stolz das Gefährt.

Blick in die High-Tec Schmiede des Jugendzentrums mit 3D-Drucker und Laserscanner.
Stefan Dorf tüftelt im "Makerspace" - einem kleinen Raum im Jugendzentrum an neuen Ideen. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Wir können hier den Kindern und Jugendlichen aus der Nachbarschaft tolle Möglichkeiten bieten. Wer hat im Kinderzimmer schon einen 3D-Drucker stehen?

Stefan Dorf Tüftler

Das "RABRYKA digital" wird vom Freistaat finanziell unterstützt, weil es Brücken zwischen den Generationen schlagen soll. Während der junge Mann weiter an seiner mobilen Fräsmaschine tüftelt, zerbrechen sich ein paar Räume weiter, hinter einer kleinen Kaffee-Küche, ein paar IT-Spezialisten die ergrauten Köpfe. Sie gehören zur LINUX-Gruppe des Jugendzentrums und dringen tief in die Strukturen des Betriebssystems ein. Doch jugendliche Mit- und Querdenker sucht man zwischen den alten Hasen vergebens.

Neubau für Millionen

Das alternative Jugendzentrum soll bereits im Herbst in einen Neubau umziehen. Auf dem benachbarten Gelände des ehemaligen Waggonbaus wird für knapp vier Millionen Euro eine einstige Furnierhalle zu einem soziokulturellen Zentrum ausgebaut. Dieses wird alle Möglichkeiten bieten, vom Tonstudio bis zum Konzertsaal, vom Büro für Sozialarbeit bis zur High-Tech-Werkstatt für Nachwuchstüftler.
Die Bauarbeiten sind aufgrund von Problemen mit dem Denkmalschutz in Verzug geraten. Als neuer Eröffnungstermin für das Zentrum ist der Oktober vorgesehen. Bereits im Vorfeld war der Neubau heftig umstritten. Ein Grund war: Er befindet sich in Sichtweite der Polizeidirektion Görlitz. Die Jugendlichen fühlen sich beobachtet.

Das Leben pulsiert woanders

Ein paar Straßen vom "RABRYKA-digital" entfernt, spielen digitale 3D-Drucker keine Rolle mehr. Nur der Rap wird digital auf den Bluetooth-Lautsprecher übertragen. Die Jugendlichen auf dem Spielplatz wollen sich weder interviewen noch fotografieren lassen. Nicht verwunderlich, denn Bierflaschen kreisen. Im Sandkasten und an der Rutsche liegen Scherben. Das interessiert hier niemanden. "Die alte Hefefabrik - das Rabryka ist schon ok.! Gehen wir manchmal zum Gucken hin oder zum Feiern", feixen die Wortführer. So ähnlich klingt es auf einem weiteren Spielplatz im gleichen Stadtviertel.

Senioren beleben Jugendzentrum in Görlitz Zwischen 3D-Drucker und Stadtteilgarten - junger Fuchs und alte Hasen

Eingang einstige Hefefabrik jetzt soziokulturelles Zentrum mit Mann.
Die Toreinfahrt der einstigen Hefefabrik. Jetzt ist sie ein Jugendzentrum mit zahlreichen Angeboten: Vom Bioladen bis zur Boulderwand. Bildrechte: Uwe Walter
Eingang einstige Hefefabrik jetzt soziokulturelles Zentrum mit Mann.
Die Toreinfahrt der einstigen Hefefabrik. Jetzt ist sie ein Jugendzentrum mit zahlreichen Angeboten: Vom Bioladen bis zur Boulderwand. Bildrechte: Uwe Walter
Wegweiser im Soziokulturellem Jugendzentrum.
Einer der Wegweiser im Jugendzentrum "Rabryka" in Görlitz, einer Industriebrache. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Die Reste eines Kunstprojekts sind weiter im Jugendzentrum zu sehen.
Bildrechte: Uwe Walter
Blick in die High-Tec Schmiede des Jugendzentrums mit 3D-Drucker und Laserscanner.
Der sogenannte Makerspace: Blick in die High-Tec Schmiede des Jugendzentrums mit 3D-Drucker und Laserscanner. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Stolz des Jugendzentrums: Der 3D-Drucker
Auf ihn ist das Jugendzentrum besonders stolz: Der 3D-Drucker bei der Arbeit an einem Teil für eine mobile Fräsmaschine. Bildrechte: Uwe Walter
Markus Hacker mit einem von Jugendlichen gebauten Miniroboter.
Projektleiter Markus Hacker präsentiert einen von Jugendlichen gebauten Miniroboter. Im nächsten Jahr wollen die Görlitz mit einer ähnlichen Idee an Wettbewerben teilnehmen. Bildrechte: Uwe Walter
Die ''alten'' Hasen von der Linux-Gruppe im Jugendzentrum.
Die ''alten'' Hasen von der LINUX-Gruppe. Sie beleben das Jugendzentrum, denn der Nachwuchs macht sich rar. Bildrechte: Uwe Walter
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Unterdessen schlendern zwei Männer und zwei Frauen, alle wahrscheinlich Anfang dreißig, an der alten Hefefabrik, dem RABRYKA, vorbei. "Na ja, gute Sache, so für die Kids", meinen zumindest die kurzgeschorenen Männer und grinsen. Ihr Kampfhund hatte während des Gespräches gegen das Eingangstor des alternativen Jugendzentrums gepinkelt.

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 17.04.2019 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

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