Landebahn
Die Oberlausitzer Raumpioniere haben in den Teluxwerken von Weißwasser umzugswilligen Großstädtern vom Landleben berichtet. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Raumpioniere in Weißwasser Entdeckung der neuen Ländlichkeit

Überalterung und schlechte Infrastruktur machen das Leben auf dem Dorf unattraktiv. Stimmt nicht, sagen die Raumpioniere der Oberlausitz. Bei einem Treffen am Sonnabend in Weißwasser berichteten sie potenziellen Zuzüglern und Rückkehrern von der Schönheit des Landlebens.

Landebahn
Die Oberlausitzer Raumpioniere haben in den Teluxwerken von Weißwasser umzugswilligen Großstädtern vom Landleben berichtet. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Anna steht auf den Betonplatten inmitten der alten Backsteinbauten von Weißwassers Teluxwerken. Die 31-Jährige ist mit einem Freund angereist. Ein eigenes Haus, dass könnte der Berlinerin schon gefallen. Die Hauptstadt ist ihr zu unpersönlich und zu teuer geworden. "Aber die große Frage ist natürlich, wie auf dem Land das Internet ist", sagt die Freiberuflerin. Bei dem Treffen in Weißwasser will sie vor allem ein Gefühl dafür bekommen, wie das Landleben so abläuft.

Der Hektik entfliehen

Für den Moment richtig wohl, fühlt sich Holger. Dieses alte Fabrikgelände - so etwas habe es früher auch in Berlin-Mitte gegeben. "Für mich ist die Stadt inzwischen zu anstrengend", sagt er. "Berlin ist in den letzten Jahren immer voller und teurer geworden." Holger spielt deshalb mit dem Gedanken, mit seinem Partner aufs Land zu ziehen. In der Kleinstadt Weißwasser haben sie bereits ihren ersten Versorgungsschock hinter sich. "Außer Lidl und Netto ist hier Samstag ab 12 alles zu. Das ist zu wenig", finden die beiden. Dazu beschäftigen sie soziale Fragen: Werden auf dem Land andere Lebenskonzepte akzeptiert oder stellt Homosexualität eine Eintrittsbarriere dar?

Im Café "Hafenstube" haben die Oberlausitzer Raumpioniere am 6. Oktober eine vom Freistaat Sachsen geförderte Netzwerkstation geschaffen, um über solche Fragen zu sprechen. "Landebahn für Landlustige" haben die Organisatoren Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach das Treffen betitelt.

"Ich will zeigen, dass das Leben im ländlichen Raum eine ganz tolle Option ist", sagt Jan Hufenbach, der mit seiner Partnerin Arielle Kohlschmidt nach Klein Priebus gezogen ist. Es gebe viele falsche Vorstellungen von Stadt und Land, meint der Ex-Berliner. Deshalb haben man das Konzept der Raumpioniere entwickelt. Das sind Menschen, die den Schritt aufs Land gewagt haben und ihre Lebensentwürfe an die Öffentlichkeit bringen.

Landeier treffen Stadtpflanzen

Raumpioniere aus der Oberlausitz haben bei einem Treffen Großstädtern aus Berlin und Dresden das Leben auf dem Dorf näher gebracht.

Mathias, Jennifer, David, Anna
Mathias, Jennifer, David und Anna leben und arbeiten in Berlin. Sie stören die Hektik und die hohen Mieten in der Großstadt. Aufs Dorf zu ziehen, setzt für sie eine Sache zwingend voraus - eine schnelle Internetverbindung. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Mathias, Jennifer, David, Anna
Mathias, Jennifer, David und Anna leben und arbeiten in Berlin. Sie stören die Hektik und die hohen Mieten in der Großstadt. Aufs Dorf zu ziehen, setzt für sie eine Sache zwingend voraus - eine schnelle Internetverbindung. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Stephan und Holger
Stephan und Holger sind ein Paar und träumen von der Idylle auf dem Land. Aber werden dort auch andere Lebenskonzepte akzeptiert? Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Cathleen Reinert
"Mit 18 Jahren war mir klar, ich will von hier weg und die Welt kennenlernen. Ich hätte nie gedacht, dass ich wieder zurückkomme", berichtet Cathleen Reinert. Seit einigen Jahren wohnt und arbeitet sie wieder in ihrem Heimatort Schleife. Die Logopädin genießt hier die Ruhe und dass sie nie im Stau stehen muss. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
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In der Hafenbar konnten die Gäste Vorträge verfolgen und im Anschluss Kontakte knüpfen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Anja Nixdorf-Munkwitz
Anja Nixdorf-Munkwitz hat das Catering für das Treffen mit den Raumpioniere gestemmt. Sie genießt es, auf dem Land ihre Lebensmittel direkt vom Bauern kaufen zu können. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Familie Rompe
Anne Rompe ist aus Dresden weggezogen und lebt jetzt mit ihrer Familie auf einem Hof in Diehsa. Für ihre Kinder sei es ideal. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Thomas Zschornak
Wer ins sorbische Nebelschütz ziehen will, muss sich auf eine Warteliste setzen lassen. Bürgermeister Thomas Zschornak ist stolz auf die engagierten Einwohner in seiner Gemeinde. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
Jan Hufenbach
Einfach mal gucken kommen: Seit drei Jahren bietet Jan Hufenbach mit seiner Partnerin in Klein Priebus individuelle Beratungen für Rückkehrer und Zuzügler an.   Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
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Das Projekt Raumpioniere Oberlausitz wird unter anderem vom Land Sachsen, vom Landkreis Görlitz und von der Sparkasse gefördert. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt
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Etwa die Familie Rompe, die vor einiger Zeit von Dresden in das 600-Seelendorf Diehsa gezogen ist. Sie hatten Freunde dort besucht und zufällig ein Haus zum Verkauf gesehen. Dann ging alles ganz schnell, erinnert sich Anne Rompe. "Innerhalb von drei Monaten hatten wir den Hof. Die 35-jährige Produktdesignerin genießt das Leben dort. In der Stadt müssten Familien mit ihren Kindern immer irgendwo hinfahren, damit sie nicht in der Wohnung freidrehen. Anne Rompes Kinder können einfach raus in die Natur gehen. Eins steht für die Landflüchtige fest: "Ohne Internet wären wir nicht hier."

Es ist nicht die Frage, ob die Dörfer aussterben, sondern ob man die Leute willkommen heißt, die aufs Dorf wollen.

Anja Nixdorf-Munkwitz Raumpionierin

Die Raumpionierin Anja Nixdorf-Munkwitz hat sich mit ihrem Partner in Rosenthal bei Hirschfelde ein Umgebindehaus gekauft. Für sie ist das Dorfleben eine Bereicherung. "Man gewinnt unheimlich viel Freiraum, ist näher an der Natur, hat einen anderen Lebensrhythmus." Andere Dinge seien wieder anstrengender, etwa die Entfernungen, wenn man etwas einkaufen will.

Anja Nixdorf-Munkwitz
In einem Umgebindehaus in Rosenthal lebt Anja Nixdorf-Munkwitz. In ihrer Freizeit kocht und bäckt sie gern mit saisonalen Bioprodukten. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Deshalb hat die 39-Jährige die Internetseite "Ein Korb voll Glück" aufgebaut. Ob Eier, Ziegenkäse oder Kartoffeln - eine Einkaufslandschaftskarte gibt dort an, wo in der Oberlausitz die Direktvermarkter zu finden sind.

Anja Nixdorf-Munkwitz gefällt es nicht, dass Forschungsinstitute den Umstand in den Fokus rücken, dass die Dörfer aussterben könnten. Damit fördere man eine Stimmung der Entfremdung und Politikverdrossenheit, hier sollte man besser mit positiven Beispielen entgegenwirken, findet sie. Schließlich gebe es immer mal den Trend, in die Stadt zu gehen und wieder raus zu ziehen. Das habe auch mit Lebensabschnitten zu tun.

Wer ins Dreiländereck nach Zittau zieht, fällt nicht vom Rand der Welt.

Anja Nixdorf-Munkwitz Raumpionierin

Ein Dorf mit Enkeltauglichkeit

Es liegt nicht allein an der Infrastruktur und dem Internet, ob ein Ort attraktiv ist, sagt Thomas Zschornak. Es brauche Menschen, die sich mit der Region identifizieren wollen und Menschen, die sich um diejenigen kümmern, die in der Lausitz eine neue Heimat suchen.

Thomas Zschornak
Thomas Zschornak ist Bürgermeister der Gemeinde Nebelschütz - eine starke Kommune, die enkeltauglich ist, wie er sagt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Thomas Zschornak ist Bürgermeister der sorbischen Gemeinde Nebelschütz, ein Vorzeigedorf in der Oberlausitz. "Wir haben in Nebelschütz keine einzige Wohnung und keinen einzigen Bauplatz mehr frei. Man muss bei uns leider Schlange stehen."

Der Weg dahin war steinig: Nach der Wende war ein Drittel der Einwohner arbeitslos, zwei von drei Kindergärten und die Schule wurden geschlossen, viele Häuser standen leer. Heute floriert Nebelschütz. Laut Thomas Zschornak müsse man als Gemeinde eine breite Palette anbieten: hohe Lebensqualität, gute Infrastruktur, Vertrauen in die Region und ein Stück Eigenverantwortung. Er bezeichnet seinen Ort stolz als "enkeltauglich".

Wenn der Mensch sich für etwas entscheidet, spielt das Herz eine große Rolle.

Thomas Zschornak Bürgermeister von Nebelschütz

Viel Platz schafft viele Möglichkeiten

Früher war das Leben auf dem Dorf schicksalhaft gegeben - von der Wiege bis zur Bahre, mit Arbeit in der Landwirtschaft, geringen Bildungs- und Finanzressourcen, erklärt Wolf Schmidt. Er ist von der Mecklenburger Initiative für neue Ländlichkeit für die fachliche Betrachtung des Themas eingeladen worden. Heute entschieden sich etwa Künstler, Freiberufler, Wissenschaftler, hochspezialisierte Produzenten, Lebenskünstler und Genießer bewusst für das Leben auf dem Land. Der Schlüssel sei dabei die Digitalisierung, so Wolf Schmidt.

Dennoch machen sich die Raumpioniere nichts vor: "Die demografische Entwicklung ist nicht zu stoppen", sagt Jan Hufenbach. Sicherlich werde die Landbevölkerung in den nächsten Jahren weiter schrumpfen, das bedeute aber nicht, dass alles schlecht sei. "Dadurch öffnen sich neue Freiräume, die bespielt werden können. Viel Platz schafft viele Möglichkeiten." In Berlin bekommt man sicherlich kaum einen Termin mit dem Bürgermeister, nennt der Ex-Berliner ein Beispiel. "Aber hier auf dem Land - klar! Innerhalb von einer Woche kann ich beim Bürgermeister vorsprechen", so Jan Hufenbach. Und die kurzen Wege in die Verwaltung, ermöglichen die schnelle Verwirklichung von Projekten.

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 06.10.2018 | 19:00 Uhr
MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 08.10.2018 | ab 05:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

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Zuletzt aktualisiert: 07. Oktober 2018, 16:44 Uhr

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1 Kommentar

08.10.2018 04:20 Sächsin 1

Herr Zschornak habe ich mal in Cottbus auf einer Veranstaltung erlebt. Damals machte er einen sehr sympathischen Eindruck.

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