Eine Bildmontage zeigt die Stadt Görlitz und den Schriftzug Görliwood an einem Berghang dahinter
Bildrechte: Die Partner

13.06.2019 | 08:05 Uhr Offener Brief von Filmschaffenden zur OB-Wahl in Görlitz stößt auf geteiltes Echo

Die Görlitzer sollten sich nicht blenden lassen und ihren Oberbürgermeister weise wählen. Das empfehlen Künstler, Schauspieler und Promis den Bürgern der Europastadt. Dieser Appell wird in Görlitz wie auch im Web sehr unterschiedlich aufgenommen.

Eine Bildmontage zeigt die Stadt Görlitz und den Schriftzug Görliwood an einem Berghang dahinter
Bildrechte: Die Partner

Auf dem Görlitzer Marienplatz lehnt ein stämmiger Mann in schwarz-rot kariertem Hemd bei der Mittagspause an einem Kiosktisch. Er ist in Görlitz geboren, arbeitet hier in einem großen Industriebetrieb. Seinen Namen möchte er nicht nennen. Zum offenen Brief der Filmschaffenden aber hat er eine klare Meinung: "Ich finde es kontraproduktiv, zumindest für die CDU, wenn sich hier so eine Einheitsfront bildet. Und das Menschen das bewerten, die Hunderte, wenn nicht gar Tausende Kilometer weit weg wohnen die Situation in einer Region beurteilen können, obwohl sie selber gut konstituiert sind oder im Elfenbeinturm sitzen, ich weiß nicht, ob das so positiv ist für die Leute, die hier wohnen."

Die in dem Brief nur indirekt ausgedrückte Mahnung unter einem AfD-Bürgermeister könnten in Görlitz künftig weniger Filme gedreht werden, kann der Mann am Kiosk nicht nachvollziehen. "Man wählt einen Standort nach der Kulisse und vielleicht nach den Umständen, was die Stadt dafür den Leuten hinreicht. Ob das nun unter einem AfD-Bürgermeister anders sein sollte, wüsste ich nicht, dass das so sein soll. Also kann ich diese Sorge nicht teilen."

Eine Einschränkung der Demokratie?

Wie dieser Görlitzer sehen auch viele Kommentatoren auf der Website von MDR SACHSEN den Brief kritisch. Viele betrachten ihn als unerwünschte Einmischung in den Wahlkampf:

"Warum dürfen nicht ganz einfach die Görlitzer Bürger selbst entscheiden, wer OB werden soll? Warum mischt sich die 'halbe Welt' angefangen von Kirchenfürsten bis zu 'Promis' in diese OB-Wahl ein? Weil, es darf nicht sein, was sein könnte!"
Nutzer "Mal ne Anmerkung"

"Das ist schon sehr erschreckend, wie eine demokratisch gewählte Partei von allen Seiten angegriffen und diffamiert wird."
Nutzer "der_Silvio"

"Demokratie funktioniert nur, wenn auch andere Meinungen und Sichtweisen akzeptiert werden. Darüber sollte unsere Regierung mal nachdenken. Ein Gruß an alle Promis, die sich politisch missbrauchen lassen, einfach nur pfui, aber Eintrittsgelder von so genannten Rechtdenkenden nehmen. Schreibt demnächst zu euren Konzerten keine AfD-Wähler erwünscht."
Nutzer "Neutraler Beobachter"

"Ja, da möchten die Hollywoodwessis erklären, wer zu wählen ist und wer nicht, ohne zu merken, dass sich der gesamte Osten und auch halb Europa nach rechts verschoben hat und es eine gesellschaftliche Entwicklung ist, die mit solchen, na sagen wir mal, 'Empfehlungen' auch nicht zu revidieren ist. Und wenn dann noch ein Einheimischer es wagt für die AfD einen Bürgermeisterposten zu beanspruchen, ist der Weltuntergang unabwendbar. Mensch, dann dürft ihr in halb Europa nicht mehr drehen. Denn die wählen ganz genauso."
Nutzer "Gerd"

"Vor fünf Jahren wäre Herr Wippel mutmaßlich für die CDU ins Rennen gegangen. Niemand hätte sich an seiner Person gerieben. Görlitz wird auch weiterhin Filmstadt bleiben, in Thüringen wurde schließlich auch keine Mauer nach der letzten Wahl gebaut."
Nutzer Hans

"Ist traurig für eine Demokratie, dass in ihr keine anderen Meinungen und Vorstellungen toleriert werden. Werden die 'Demokraten' nicht von der Mehrheit gewählt, dann zeigen sie ihr wahres Gesicht, ihre hässliche Fratze.
Nutzer 19nullvier

"...sollen doch die angeblichen Unterstützer ihre Hauptwohnsitze nach Görlitz verlegen und selbst schon einmal durch Zahlen von Steuern aktiv werden. Von außen plärrt es sich wunderbar. Heute Görlitz unterschreiben, morgen woanders. Ich hoffe, dass sich die Görlitzer nicht reinreden lassen."
Karl Stülpner

"Diese ganze Aktion lässt einen fremdschämen. Meine Vorstellung von Demokratie ist das nicht. Für was halten sich diese realitätsentrückten "Schaffenden" überhaupt? Bei mir steigert diese Posse lediglich meine Sympathien für die AfD, speziell für OB- Kandidat Wippel und ich hoffe, sehr vielen Görlitzern geht es ebenso."
Nutzer "Alex"

"Was ist das für eine Demokratie, in der man vorgeschrieben bekommt, wem und was man wählt. Das sich plötzlich Künstler zu Wort melden, die nicht in Görlitz leben vermittelt den bitteren Beigeschmack von purer Propaganda seitens der CDU."
Marion Glaser

"Diese 'Promis' entdecken Görlitz als 'Sehnsuchtsort', haben aber gar keinen Bezug zu der Region und den Problemen der Menschen dort und maßen sich an, Wahlempfehlungen zu geben? Die Görlitzer wissen Bescheid und lassen sich nicht blenden. Sie kennen noch die 'Kulturschaffenden' aus DDR-Zeiten und deren Anbiederungen an das System."
Nutzer "Ossi"

"Die Unterzeichner sehen ihren offenen Brief aus der Sicht von Kulturschaffenden, wo ja der CDU-Kandidat als Künstler natürlich bessere Karten hat und dann noch in der richtigen Partei ist und verdrängen dabei die Probleme die Görlitz hat (Grenzkriminalität, Arbeitsplatzabbau, Infrastrukturprobleme). Ja und kann man es nicht verstehen, dass die Görlitzer einen Einheimischen, der die Probleme kennt und als Polizist damit täglich zu tun hat, wählen möchte? Aber hier wird nur ideologisch geschaut. AfD-Mann - schlecht. CDU-Mann - gut und wird versucht zu beeinflussen .Im Endeffekt sollten sich alle Auswärtigen tunlichst raushalten. Es ist eine Entscheidung der Görlitzer."
Nutzer "Gerd"

Begründete Sorgen

In Görlitz gibt es aber auch Menschen, die den Brief der Künstler gutheißen. Kurt Bernert ist einer von ihnen. Er ist Fotograf, hat viele Künstler abgelichtet und steht mit ihnen im regen Austausch über das Ergebnis der Europa- und Bürgermeisterwahl in seiner neuen Heimat Görlitz. "Ich halte sehr viel von dem Brief. Aber ich wünschte mir, dass sich auch die deutschen Künstler einmal positionieren und sagen, was sie davon halten." Denn Bernert hört von den Künstlern, mit denen er in Kontakt steht, dass sie sich um die Kunstfreiheit sorgen.

Diese Sorge sieht auch Eric Wark begründet. Er ist Portier im Görlitzer Hallenhaus, einem Kaufmannspalast, in dem regelmäßig Ausstellungen gezeigt werden. Wark hat in vielen großen, deutschen Städten gelebt. Seit einer Weile ist Görlitz sein Zuhause. Doch er fühlt sich unwohl in der Stadt: "Hier gibt es ein verbiestertes Denken und durch die AfD - oder in Wechselwirkung - ich weiß es nicht, insgesamt Intoleranz. Grundsätzlich jedes Gespräch wird angefangen: 'Ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber..." Das stört Wark sehr und er denkt, dass Produzenten und Schauspieler daran Anstoß nehmen werden, sollte der AfD-Kandidat die Oberbürgermeisterwahl gewinnen.

"Gerechtfertigte Aktivitäten"

Das sehen auch etliche Nutzer in der Kommentarspalte der MDR-Website so:

"Wenn Sebastian Wippel als OB gewählt werden sollte, dann ist zu befürchten, dass er versuchen wird, auf die Dreharbeiten an den Görlitzer Schauplätzen Einfluss zu nehmen. Er könnte eine Verhinderungstaktik gegen solche Filmwerke starten, die dem abstrusen Geschichtsbild der AfD widersprechen. Repressalien und Mobbing gegen die Regisseure und Darsteller wären die Folge. Aus diesem Grund sind die im Beitrag beschriebenen Aktivitäten der Künstler durchaus gerechtfertigt."
Nutzer Kirchenmitglied

"Was bitteschön ist an dem offenen Brief/Aufruf demokratiefeindlich?"
Nutzer "DER Beobachter"

"Sie übersehen dummerweise eines: Die Mehrheit wählt demokratische Parteien, die sich für Toleranz, Weltoffenheit und Vielfalt und auch ein gemeinsames Europa einsetzen, Parteien, die Kompromisse eingehen können und koalitionsfähig sind. Und eben nicht rückwärtsgewandte Rechte. Deren Wähler sind in der Minderheit und werden es auch bleiben."
Nutzer "Fakt"

"Unglaublich. Da äußern sich einige, in der Öffentlichkeit stehende Personen, zur kommenden Wahl in Görlitz, schon gibt es hier Hasstiraden, bösartige Unterstellungen und Beschimpfungen. Gleichzeitig wird auf Meinungsfreiheit und objektive Berichterstattung verwiesen. Schizophren! Ich glaube trotzdem fest daran, dass die Mehrheit der Görlitzer sich für eine weltoffene Zukunft ihrer schönen Stadt und gegen Intoleranz und Rassismus entscheiden. Ich muss leider (!) heute schon oft im Berufsalltag Geschäftspartnern aus dem In- und Ausland Auskunft geben, ob denn der Inder/Chinese/XXX gefahrlos nach Sachsen kommen kann. Traurig! Deswegen: Wehret den Anfängen!"
Nutzer "Markus"

Quelle: MDR/mk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 12.06.2019 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

AKTUELLES AUS SACHSEN

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

110 Kommentare

15.06.2019 11:00 Thüringer65 110

Was für "Promis, Stars"? Bezahlte stimmungsmacher! Diese o. g .
sollen lieber mal IHR Hollywood aufräumen, da haben sie genug zu tun!!!
Und wir aus den "Osten", lassen uns nicht ein zweites mal den Mund verbieten, wir kämpfen für Gerechtigkeit und Demokratie.

Deutschland besteht nicht nur aus DEN 12 Jahren.

Beschäftigt Euch endlich mit der gesamten deutschen Geschichte!

Der Herr Wippel wurde demokratisch von der Görlitzer Bevölkerung gewählt und wenn er morgen gewinnen sollte, muss man ihm die Chance einräumen, diese wahr zu nehmen.

Man nennt das, Demokratie.

[Lieber Nutzer,

noch ist kein Bürgermeister in Görlitz gewählt. Sebastian Wippel ist der Kandidat der AfD für das Amt des OB.

Die MDR.de-Redaktion]

15.06.2019 08:40 Pattel 109

Ich liebe den Eulenspiegel. 101

14.06.2019 20:55 Udo K 108

@ DER Beobachter 81+87
Für Sie speziell Auszüge aus der Netiquette: " ....vermeiden Sie beleidigende Aussagen, Entwürdigungen und Verunglimpfungen in jeglicher Form .......... Achten Sie bitte auf einen freundlichen Umgangston, behandeln Sie andere Nutzer so, wie Sie selbst behandelt werden möchten und respektieren Sie die Meinung jedes Einzelnen."
Und nun entscheiden Sie bitte, ob Sie so behandelt werden möchten:" ... Ihr Kommentar ist ausgesprochen dümmlich und kann auf den Müllhaufen der Geschichte.... Daher darf Ihr Geschwätz zum Nonsens verbannt werden."
Aber so sind sie nun mal, die Guten, die keine Meinung neben ihrer dulden, fehlende Argumente werden durch Unterstellungen und Boshaftigkeit ersetzt.
Und noch eins, den übrigen Parteien ist keinesfalls nur die Sorge "eines Wiedererwachens des damaligen Geistes " gemeinsam, sondern die Angst um den Verlust der Macht und den damit verbundenen finanziellen Obolus.

14.06.2019 18:18 chapeau 107

Wippel ist in die Offensive gegangen und hat sein Dipl. veröffentlicht. Gut so.
Während andere Politiker keinen Berufsabschluss aufweisen können oder sich sogar mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert sehen, nimmt er den pol. Gegnern den Wind aus den Segeln und begründet schon so seine Eignung zur Kandidatur.

14.06.2019 17:44 Meinungsfreiheit & Demokratie 106

So jetzt ich nochmal und zwar geht den Altparteien, den Medien und anderen ja sagern zu Merkels Politik ganz schön die Muffe das Herr Wippel Oberbürgermeister wird selbst Kretschmer und ich sag euch eins das ich es hoffe das Herr Wippel dies schafft. Wenn Herr Kretschmer auch sagt das durch die CDU mehr Arbeitsplätze und die Arbeitslosenzahlen gesenkt wurden aber um welchen Preis Mindestlohnempfänger vor allem in der Lausitz und da gibt es genug Firmen die das ausnutzen und dabei Millionen verdienen. Im Westen würden die sich nie ansiedeln weil sie da keinen Arbeitnehmer finden würden. Die CDU Sachsen verliert ihr Macht Monopol und da wir in einer angeblichen Demokratie Leben müssen auch die Altparteien dies akzeptieren wenn Herr Wippel Oberbürgermeister wird. Man fragt sich warum haben die Oberen Angst davor geht es Ihnen nur um Macht oder das einer von der AFD es besser macht? Ich sag nur Mut zu Sachsen, Deutschland und Meinungsfreiheit ohne in die rechte Ecke gestellt zu werden.

14.06.2019 17:14 Wähler 105

Bezogen auf die herannahende Steuer- und Abgabenwalze =Grundsteuer und beabsichtigte CO2 Bepreisung
werden die Wähler auch als Steuer- und Abgabenzahler ihr Votum in der Wahlkabine abgeben.

14.06.2019 17:04 ach an@Kirchenmitglied 104

auf jeden Fall ist ein Diplom als Verwaltungswirt (FH) mal nicht so nebenbei zu erwerben. Wer den Abschluss eines solchen Studiums in der Tasche hat, kann sich auf fundierte Kenntnisse im Staats- und Verwaltungsrecht, Haushalts-und Kassenrecht, dem SOG (Sicherheits- und Ordnungsgesetz) BGB und benachbarte Rechtsgebiete stützen. Die Ausbildung ist top. Das kann ich aus eigener Erfahrung einschätzen. Allerdings scheint es durchaus Kirchenmitglieder oder nicht konfessionell Gebundene zu geben, die über keine abgeschlossene Ausbildung verfügen und dennoch Spitzenämter in anderen Parteien erklimmen. Da fallen mir doch prompt mehr als eine Person ein....

14.06.2019 15:54 Querdenker 103

Sebastian Wippel (AfD) hat aktuell auf seiner Facebook-Seite unter anderem sein Diplom veröffentlicht, wonach er „Diplom-Verwaltungswirt (FH)“ ist.

Außerdem hat er sein Prüfungszeugnis bzgl. des gehobenen Polizeidienstes der Schutzpolizei veröffentlicht.

Damit hat er finde für einen Oberbürgermeisters bessere Grundlagen, als jemand der z.B. ein Musikstudium (wie sein Gegenkandidat) absolviert hat.

14.06.2019 12:37 Pattel 102

Was hat Sebastian Wippel genau studiert?

Der Görlitzer AfD-OB-Kandidat gibt Verwaltungswissenschaften an. Doch an seiner Hochschule wurde das Fach gar nicht gelehrt. 
Quelle sz 14.06.19

War gerade an einem Wahlwerbungsstand der AfD auf der Berlinerstrasse in Görlitz.

Auf meine Frage genau gerichtet auf diesen Inhald der Meldung ob das wahr ist oder nicht.

Antwort alles gelogen - Presse lügt. Ja ja die Zeitung.
Der hat studiert und fertig.

14.06.2019 12:10 Eulenspiegel 101

Also ich denke auch Filmschaffende sind Bürger dieses Staates und haben das Recht ihre Meinung zu äußern.

Mehr aus Görlitz, Weisswasser und Zittau

Mehr aus Sachsen