27.05.2019 | 20:40 Uhr Oberbürgermeisterwahl Görlitz geht in zweite Runde - ein Stimmungsbild

Nachdem AfD-Kandidat Sebastian Wippel bei der Oberbürgermeisterwahl in Görlitz im ersten Wahlgang die meisten Stimmen geholt hat, gibt sich dessen CDU-Kontrahent kämpferisch. Octavian Ursu will mit Hilfe eines breiten Bündnisses doch noch ins Rathaus einziehen.

Ein Mann sitzt an einem Tisch, vor ihm liegen ein Hefter und Stifte
OB-Kandidat Sebastian Wippel Bildrechte: AfD Görlitz

"Ich war angespannt wie ein Flitzebogen", sagt AfD-Kandidat Sebastian Wippel. "Jetzt ist doch eine starke Erleichterung da mit diesem grandiosen Ergebnis, mit dem wir in der Form nicht gerechnet haben." Dass sich die Bürgerinnen und Bürger der Neißestadt nun so deutlich für ihn ausgesprochen haben, überrascht ihn. "Die Görlitzer haben sich wirklich dafür entschieden: kein Weiter-so, wie wir das die vergangenen Jahre gehabt haben."Der AfD-Kandidat werde in Görlitz aufräumen, versprechen sich die Menschen auf den Straßen der Stadt. "Der weiß, was er zu machen hat", sagt ein Bürger MDR SACHSEN. "Die Grenzen etwas dichter machen. Sicherheit geht vor." Mit Blick auf den zweiten Wahlgang sagt Sebastian Wippel: "Wir haben gemacht, was wir konnten. Jetzt werden wir zusehen, dass wir gegebenfalls eine Schippe drauflegen."

Breites Bündnis soll zum Sieg verhelfen

Der Zweitplatzierte Octavian Ursu (CDU) zeigt sich dagegen zerknirscht. "Das Ergebnis war so nicht zu erwarten gewesen", so Ursu und verweist auf Prognosen vor der Wahl. Da hatte die AfD noch nicht so weit vorn gelegen. Rund 30 Prozent der Befragten hatten sich unentschlossen gezeigt. Dass davon nun anscheinend ein Großteil sein Kreuz bei der AfD setzte, hat Ursu nicht kommen sehen.

Ein Mann schaut in die Kamera
OB-Kandidat Octavian Ursu Bildrechte: DIE PARTNER

Trotzig hält er dem entgegen: "Die AfD hat in Görlitz keine Mehrheit." Im künftigen Stadtrat ist sie zwar die stärkste Partei. Gegen die Stimmen aller anderen Fraktionen können die AfD-Räte jedoch keine Beschlüsse fassen. "Der Oberbürgermeister kann die Entwicklung der Stadt nur mit einer verlässlichen Mehrheit im Stadtrat vorantreiben", bekräftigt Octavian Ursu.

Das den Bürgern verständlich zu machen, darin sieht er seine Chance. Er will ein breites bürgerliches Bündnis schmieden, um die Wahl am 16. Juni noch für sich zu entscheiden. In den nächsten Tagen will er sich dazu mit den anderen Fraktionen verständigen. An der Themensetzung will er indes nichts ändern. Aus seiner Sicht seien im Wahlkampf die richtigen Themen zur Sprache gekommen.

Grünen-Kandidatin noch unentschlossen

Deutlich zufriedener ist die Drittplatzierte Franziska Schubert mit ihrem Ergebnis. Die Grünen-Landtagsabgeordnete war mit Unterstützung der Wählervereinigungen "Bürger für Görlitz" und "Motor Görlitz" ins Rennen gegangen und hatte knapp 28 Prozent der Stimmen geholt. "Wenn man darüber nachdenkt, von welchem Ausgangspunkt wir mit dieser Kandidatur gestartet sind, dann ist das ein Wahnsinnsergebnis." Schubert schwärmt davon, wieviele Menschen sich zu ihrer Unterstützung zusammengefunden haben. In einer Stadt, in der es viele Streitigkeiten und Brüche gebe, hält sie das für bemerkenswert.

Franziska Schubert, Abgeordnete der Grünen im Sächsischen Landtag und Leiter des "Zukunftsprojektor"
OB-Kandidatin Franziska Schubert Bildrechte: Franziska Schubert

Dieses Engagement werde weiter tragen, betont Schubert. "Das ist der Gewinn. Das ist das Geschenk, das wir mit dieser Kandidatur der Stadt geben, egal wie es ausgeht." Ob sie am 16. Juni nochmal antritt, lässt sie offen. Bis Freitag hat sie Zeit, sich zu entscheiden und bei der Wahlleitung zu melden. Eines aber stellt Schubert jetzt schon klar: "Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um zu verhindern, dass diese Stadt die erste wird, die einen blauen Oberbürgermeister stellt."

Linke signalisiert, Schubert oder Ursu unterstützen zu wollen

Jana Lübeck wird beim zweiten Wahlgang dagegen wohl nicht dabei sein. Damit rechnet Mirko Schultze, Vorsitzender des Ortsverbands der Linken. Er hatte sich ein besseres Ergebnis für die Linken-Kandidatin erhofft - gar ein zweistelliges Ergebnis für möglich gehalten. Nun hat Jana Lübeck 5,5 Prozent der Stimmen bekommen. "Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mit dem Ergebnis zufrieden bin", erklärt Schultze. Dennoch sei es richtig gewesen, eine eigene Kandidatin aufzustellen. So habe die Linke eine "Alternative zum Mitte-Mainstream" bieten können und so seien die Inhalte der Linken im Wahlkampf vorgekommen.

Die Partei will am Montagabend beraten, wie sie mit dem Ergebnis umgeht. Alle Kräfte müssten nun darauf verwendet werden, einen AfD-Bürgermeister zu verhindern. Deshalb seien die Linken bereit, die Kandidatin der Grünen wie auch den der Christdemokraten zu unterstützen: "Uns ist Franziska Schubert näher als Octavian Ursu. Ich könnte aber auch mit einem Oberbürgermeister Octavian Ursu leben. Auch wenn es mich politisch sehr schmerzen würde."

Stadtteile könnten Schwerpunkt im Wahlkampf werden

Mirko Schultze weiß auch schon, wo er mit dem Wahlkampf für Runde zwei ansetzen will: "Wir müssen unbedingt in die Stadtteile", sagt er. Gerade am Stadtrand hätten einer ersten Analyse zufolge viele Bürger für die AfD gestimmt. "Wir müssen den Leuten klar machen, dass es um mehr geht als um einen Denkzettel", fordert Mirko Schultze. Die Europastadt Görlitz müsse weltoffen bleiben, um sich keine Chancen zu verbauen.

Grafik OB-Wahl Görlitz
So haben die Görlitzer im ersten Wahlgang abgestimmt. Bildrechte: MDR SACHSEN

Schultze hatte am Wahlabend unter jungen Parteimitgliedern große Verzweiflung beobachtet, andererseits aber auch Entschlossenheit gesehen, den "Kampf um ihre Zukunft" zu führen. Dass sie nun im Engagement für den Wahlkampf nachlassen könnten, sieht Schultze nicht. "Andere Parteien haben es da vermutlich schwerer, ihre Leute nochmal zu motivieren." Schultze kündigt an: "Wir werden richtig Bambule machen."

Quelle: MDR/mk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 27.05.2019 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

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11 Kommentare

29.05.2019 11:33 Andreas Heidrich 11

@Skywalker #9

Dem kann ich mich nur voll und ganz anschließen. Einfach mal auf die Straße gehen und sich mit den Menschen (Polizisten, Bundespolizisten, Zollbeamte, Feuerwehrleute, Rettungssanitäter usw.) unterhalten, die es täglich mit den sogenannten "Fachkräften" und "Kulturbereicherern" zutun haben. Nur so erhaltet ihr ein reales Bild von dem, was wirklich in diesem Land los ist.

29.05.2019 10:44 roca remeed 10

Zu #5 noch ein Wort: Im Mai hatten wir Gelegenheit, eine Woche in den Masuren zu verbringen. Bei aller beidseitigen Zurückhaltung - angesichts der bevorstehenden Wahlen konnten sich auch die freundlichen Polen einige politische Randglossen nicht verkneifen.Fazit: die Merkel-Regierung findet keine Sympathien, der starke destruktive grüne Einfluss erntet nur Kopfschütteln, die rotgrünen Politexerzitien der Kirchen ernten bei den religiösen Nachbarn blankes Entsetzen! Aber: Das Erstarken der AfD als neue demokratische Kraft wird mit viel Interesse und Zuversicht verfolgt - auch als Hoffnungsträger für neue Partnerschaft gleichberechtigter Nationen. Nur soviel zu den naiven Tagträumen und linken Exorzismusübungen eines "zugezogenen"! Nein, mit Wippel als OB würden selbstverständlich auch die Chancen umfassender Grenzüberschreitung im Zeichen der Vernunft und beidseitiger Interessen grundsätzlich steigen.

29.05.2019 07:35 Skywalker 9

@5 Einfach nur die Wahlergebnisse interpretieren, dann nochmal in sich gehen und ggf. mal mit den Menschen auf der Straße sprechen... G. steht für Multikulti? Wohl kaum....wie auch der Rest von Sachsen nicht dafür steht...

29.05.2019 07:34 Andreas Heidrich 8

Es gibt da ein schönes Sprichwort. "Die dümmsten Kälber wählen ihren Schlächter selber."

Falls der Kandidat Ursu wirklich die Wahl gewinnen sollte, dann "Gute Nacht Görlitz".

28.05.2019 15:47 Max Anton 7

Wenn die Bundesregierung es mit Görlitz ernst meint, dann sollte man endlich die Elektrifizierung der Bahnstrecke Dresden-Görlitz durchziehen (auf polnischer Seite ist es längst getan, es fehlt aber der Anschluss nach Deutschland, die versprochene Bahndirektverbindung nach Berlin endlich einführen und das Überleben der Straßenbahn in Görlitz sichern (behindertengerechte Wagen). Trotz der Fördermittel gab es einen massiven Infrastrukturrückbau in der Region Görlitz, und da wäre es endlich Zeit, dass wenigstens die vorhandene Infrastruktur gesichert wird.

28.05.2019 14:30 roca remeed 6

Als Trompeter und Spezialist für Kirchenmusik kann der gebürtige Rumäne Octavian Ursu zweifellos Interessantes und Hörenswertes für die Kulturstadt Görlitz stiften, und der Respekt der Niederschlesier könnte ihm gewiss sein. Wenn man allerdings die Ahnungslosigkeit sieht, mit der er offensichtlich seinen Hut in den Ring der anspruchsvollen Kommunalpolitik der Grenzstadt geworfen hat, möchte man ihm auch aus Respekt vor seinem guten Ruf von Herzen raten, bei seinem Leisten zu bleiben und weiter zu trompeten. Ganz unappetitlich wird es allerdings, wenn er ins dumpfe Raunen vom "breiten Bündnis" verfällt. Nein, Wippel wird´s sicher besser können - und das hat das wunderschöne Görlitz hoch verdient, ebenso, wie einen versierten Musikexperten wie Ursu!

28.05.2019 13:45 zugezogener 5

Danke Goerlitz. Fast 65 % der Waehler sind fuer ein weltoffenes Goerlitz. Sie moechten mir Ihren Nachbarlaendern (Polen und Tschechien) weiter zusammen arbeiten. Denn nur so geht es! Goerlitz steht fuer Multikulti und soll es auch bleiben!! Das ist keine Allianzen schmieden, sondern normaler Menschenverstand. Goerlitz brauch keinen OB der die Grenzen zurueckbauen moechte und ausl. Freundschaften zerstoert. Oder hat jemand mal mitbekommen, dass gruene oder linke Waehler einen AFD Mann waehlen werden?????

28.05.2019 07:40 jackblack 4

Danke Görlitz- nun aber standhaft bleiben für den ersten OB von der AfD.

27.05.2019 23:58 Niederschlesier 3

Bei der Stichwahl wird sich zeigen, ob die drei erstplatzierten Kandidaten ihr eigenes Profil den Görlitzern nochmal anbieten oder ob die sozialistische Einheitsfront nur wieder ein "Dagegen" anbieten kann. Mal sehen, ob Rezo bei der möglichen Mauschelei von CDU und Grün ein neues Video präsentiert? Ein schlesisches Tippel auf Sebastian Wippel!

27.05.2019 23:01 REXt 2

Da werden wieder mal unheilige Allianzen geschmiedet, Hauptsache den Kanditaten von der AFD verhindern.

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