Fahnen und Kreuzträger zu Pferd auf dem Klosterhof
Bildrechte: Uwe Walter

21.04.2019 | 18:30 Uhr Saatreiter bitten um Segen für Feld und Flur

Die traditionellen Osterreiter haben Tausende Schaulustige in die Oberlausitz gelockt. In Ostritz waren am Ostersonntag wieder 60 Saatreiter unterwegs, um den göttlichen Segen für Feld und Flur zu erbitten.

Fahnen und Kreuzträger zu Pferd auf dem Klosterhof
Bildrechte: Uwe Walter

Das traditionelle Saatreiten in Ostritz hat in diesem Jahr wieder zahlreiche Schaulustige angelockt. Nach den Kennzeichen der Autos kamen sie nicht nur aus der Region, sondern auch aus Stuttgart, Berlin, Leipzig und Dresden sowie aus dem polnischen Niederschlesien. Weiterhin waren auch viel Tschechen in die Kleinstadt gekommen, um sich das Saatreiten am Ostersonntag nicht entgehen zu lassen. Ein wahre Völkerwanderung spielte sich an der Neiße ab. Ganze Familien mit Kind und Kegel begleiteten die Saatreiter bei herrlichem Sonnenschein auf ihrem Weg.

Jenseits der Neiße ging die Tradition verloren

Das Saatreiten in Ostritz wurde vor knapp 400 Jahren erstmalig erwähnt und geht wahrscheinlich auf die fränkischen Siedler im 13. Jahrhundert zurück. Nicht nur in Ostritz wurde hoch zu Ross der Segen für Feld und Flur erbeten. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren auch östlich der Neiße, beispielsweise im schlesischen Königshain und Seitendorf, Saatreiter unterwegs. Auch aus Oberschlesien ist diese Tradition am Ostersonntag überliefert. Doch im heutigen Polen gibt es keine Saatreiter mehr. Dafür sind polnische Reiter seit zehn Jahren beim Saatreiten in Ostritz dabei. Die ersten polnischen Reiter waren der damalige Polizeichef von Zgorzelec, Marek Kazimierczak, sowie der Zgorzelecer Pferdezüchter Wojtek Majewski.

Geistliche werden auf dem Pferd geführt
Die Geistlichen führen die Saatreiter an, wenn sie um den Segen für Feld und Flur bitten. Bildrechte: Uwe Walter

Konfessionsübergreifender Ritt

Das Saatreiten in Ostritz hat eine Besonderheit: Es ist konfessionsübergreifend. Die Reiter sind evangelisch und katholisch. Allerdings führt der katholische Pfarrer die Prozession an. Das unterwegs gesungene und gebetete "Ave Maria" steht natürlich für den Katholizismus, auch wenn die evangelischen Reiter in das "Ave Maria" einstimmen.

Frauen dürfen nicht in den Sattel

Frauen als Reiter sind auch in Ostritz nicht erlaubt, obwohl hinter den Kulissen heftig diskutiert wird. Pferdekundige Frauen und Mädchen laufen die gesamte Strecke mit, um Vierbeiner zu führen oder bei Problemen eingreifen zu können. Denn nicht jeder Saatreiter ist auch ein guter Reiter. Mancher sitzt nur beim Saatreiten im Sattel. Auch die Geistlichen haben meist zuvor nur einige Reitstunden genommen. Viele Pferde gehören Frauen und Mädchen. Es sind ihre Sport- oder Freizeitpferde. Früher waren es die Arbeitspferde der Bauern, die beim Ostersaatreiten zum Einsatz kamen. Doch der "Ackergaul" ist nahezu ausgestorben. Deshalb wird es für Saatreiter ohne eigenes Pferd von Jahr zu Jahr schwieriger, einen vierbeinigen Partner zu ergattern.

Bildergalerie Saatreiter in Ostritz unterwegs

Vater und Sohn als Saatreiter
Vater und Sohn hoch zu Roß: Ludwig Ebermann hat die Ehre, als Saatreiter das Kreuz zu tragen. Sein Sohn Dominik begleitet ihn bereits seit Jahren dabei. Bildrechte: Uwe Walter
Vater und Sohn als Saatreiter
Vater und Sohn hoch zu Roß: Ludwig Ebermann hat die Ehre, als Saatreiter das Kreuz zu tragen. Sein Sohn Dominik begleitet ihn bereits seit Jahren dabei. Bildrechte: Uwe Walter
Viele Menschen auf dem Klosterhof St.Marienthal
Festlich mit frischem Grün und Blumen geschmückt ist das Zaumzeug der Saatreiter. Bildrechte: Uwe Walter
Vier Saatreiter umreiten den Marktplatz
Seit dem frühen Morgen sind die Saatreiter Ronny Prechel und Michael Deckwart auf den Beinen, um sich und die Pferde auf das Saatreiten vorzubereiten. Traditionell wird der Marktplatz umritten. Bildrechte: Uwe Walter
Geistliche werden auf dem Pferd geführt
Die Geistlichen führen die Prozession an und werden zu ihrer Sicherheit geführt! Bildrechte: Uwe Walter
Zuschauer und Saatreiter im Kloster St.Mariental
Traditionell wird der Klosterhof in St. Marienthal dreimal umritten. Dann wird die frohe Osterbotschaft verkündet und die Reiter werden gesegnet, bevor sie weiterreiten. Bildrechte: Uwe Walter
Trompeter auf dem Pferd
Trompeter leiten die Andacht ein, auch im Klosterhof. An fünf Wegkreuzen wird später das Evangelium angestimmt. Bildrechte: Uwe Walter
Zwei Saatreiter auf dem Klosterhof
Die Zuschauer bestaunen die schönen Pferde und die stolzen Reiter. Meist sind es Sport- und Freizeitpferde, die heute beim Saatreiten mitlaufen. Früher waren es meist Arbeitspferde. Bildrechte: Uwe Walter
Viele Menschen auf dem Klosterhof St.Marienthal
Das Saatreiten lockt zahlreiche Schaulustige an. Nach den Autokennzeichen kommen sie auch aus Stuttgart, Leipzig und Dresden sowie aus dem polnischen Niederschlesien. Bildrechte: Uwe Walter
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Halt an fünf Wegkreuzen

Die Saatreiter reiten seit dem Zweiten Weltkrieg eine Schleife rings um Ostritz. Vor dem Krieg überquerten sie auch die Neiße. Doch die Strecke ist heute nur unwesentlich kürzer. Es wird nur ein längerer Bogen im Süden über den Bergfried geritten. Die Saatreiterprozession begann an der katholischen Kirche. Anschließend wurde der Marktplatz umritten. Dreimal ging es um den Klosterhof in St. Marienthal, bevor die Äbtissin die frohe Botschaft verkündete. Danach führte der Ritt zu den Feldern und Fluren, wo der Saat der Ostersegen erteilt wurde. An fünf Wegekreuzen stimmten die Reiter das Osterevangelium an und das Matthäusevangelium, bevor sie zur katholischen Kirche in Ostritz zurückkehrten.

Drei Trompeter zu Pferd
Bläser hoch zu Roß leiten die Andacht ein. Bildrechte: Uwe Walter

Die Vielseitigkeit wird zum Schluss geprüft

An der katholischen Kirche spielt sich dann ein ungewöhnliches Spektakel ab, welches nur wenige Besucher bemerken. Einige Reiter geben ihren Zylinder ab, legen sogar den Gehrock ab. Dann geht es im scharfen Trab aus der Stadt und in wilder Hatz über Wiesen und Felder, durch den Klosterwald und am Knorrberg vorbei nach Dittersbach. Der Schlussspurt gleicht einer Prüfung in der Reitdisziplin Vielseitigkeit: Baumstämme und Gräben werden übersprungen. Keiner der Saatreiter aus Dittersbach will der letzte beim wohlverdienten Bier sein.

Das Saatreiten wurde 1628 erstmalig erwähnt - auf einer Bierrechnung!

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 21.04.2019 | 13:00 Uhr in den Nachrichten
MDR SACHSENSPIEGEL | 21.04.2019 | 19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 21. April 2019, 18:30 Uhr

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2 Kommentare

22.04.2019 17:43 Igel 2

Und hätten wir mit Pferden bzw. Eseln keine gemeinschaftliche Existenz begonnen, so säßen wir noch mit der Keule auf dem Baum. Es ist interessant, wie nun jeder damalige Fortschritt heut verteufelt wird. Zum Glück machten sich die Saatreiter damals keine dieser Gedanken, ritten, es wurde Tradition und heute bringt es der Lausitz Geld ein, ohne welches sie früher oder später den Allerwertesten zukneifen würde.

22.04.2019 09:21 Ina 1

Was würden Menschen wohl sagen, wenn Tiere sie reiten würden? Reiten = Tierquälerei? Welches Pferd würde freiwillig einen Reiter transportieren?

Der Mensch seufzt unter Joch und Frohn,
am schwersten unter der Tradition.
Heinrich Vierordt

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