Interview Corona-Bilanz einer sächsischen Schülerin: "Bei mir war das W-LAN absolut schlecht"

In der Corona-Krise ist digitales Lernen so wichtig geworden wie nie zuvor, doch die Liste der Mängel ist lang. Schlechte Internetleitungen, unausgereifte Lernplattformen, fehlende Computer. Joanna Kesicka wohnt in Görlitz und besucht im Geschwister-Scholl-Gymnasium in Löbau die 11. Klasse. MDR SACHSEN hat die Vorsitzende des Landesschülerrats gefragt, wie sie ihr Schuljahr erlebt hat.

Schüler lernen während des Unterrichts am Alten Gymnasium Oldenburg (AGO) mit einem iPad
Wo bitte gibt es Internet? Viele Schüler kämpften im letzten Schuljahr mit banalen Dingen wie schlechten Internetverbindungen. Bildrechte: dpa

Ein ungewöhnliches Schuljahr geht zu Ende. Wie ist es gelaufen?

Es war spannend und auch dramatisch. Es war eine Zeit, in der ich selbst auch Probleme hatte. Ich glaube, alle haben das Schuljahr sehr unterschiedlich erlebt.

Dramatisch - das klingt ziemlich absolut. Was war dramatisch?

Dramatisch war, dass viele am Anfang überhaupt nicht mit dem Homeschooling klargekommen sind. Man hatte schwierige soziale Situationen oder schlichtweg keine Technik, die gut funktioniert hat. Bei mir war das W-LAN absolut schlecht und das Hochladen von Hausaufgaben hat manchmal eine halbe Stunde gedauert.

Joanna Kesicka, Vorsitzende des Landesschülerrats
Joanna Kesicka hatte am Anfang ihrer Homeschooling-Zeit große Probleme mit dem Internet. Trotzdem hat die Vorsitzende des Landesschülerrats ihre Situation noch als privilegiert empfunden. Viele andere hätten noch mehr Probleme gehabt. Bildrechte: Joanna Kesicka

Es war eine komplette Umstellung zum normalen Schulalltag, weil ja letztlich jede Note von deinem Internet, deiner Technik und deiner Situation abhängig wurde.

Joanna Kesicka Schülerin 11. Klasse, Vorsitzende des Landesschülerrats

Wie sind Sie mit dem schlechten Internet umgegangen? Haben Sie immer bis Mitternacht gewartet, bis alle ihre Filme zu Ende gesehen haben und Sie endlich Ihre Hausaufgaben hochladen konnten?

Nein, im Gegenteil. Ich habe mich früher eingeloggt, bevor der große Ansturm am Nachmittag kam. Bei Videokonferenzen haben wir auf die Kamera verzichtet. Doch ich war noch privilegiert. Viele andere Schüler* hatten noch viel größere Probleme mit dem Internet.

Ist Ihre Strategie dann aufgegangen?

Absolut. Bei mir haben sich die Schwierigkeiten relativiert. Ich hatte das Glück, dass ich, nachdem es sich eingependelt hat, ganz gut mit Homeschooling klar gekommen bin. Das war natürlich eine individuelle Sache. Ich habe von Fällen gehört, in denen die Kommunikation mit den Lehrern lange nicht geklappt hat oder die Internetverbindung zu allen Tageszeiten schlecht war - vor allem im ländlichen Raum. Oft wurden Themen schlichtweg nicht verstanden, vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich.

Das Video zum Thema:

Leere Stühle in einem Klassenraum mit stilisierter Person an einem Schreibtisch und Corona-Virus. Dazu der Schriftzug "Schule im Stresstest" 13 min
Bildrechte: MDR/MEDIEN360G

Die Corona-Krise zeigt, dass es im digitalen Bildungsalltag noch nicht so läuft, wie sich Schülerinnen und Schüler, Eltern sowie Lehrende das wünschen. Woran liegt das und wie weit sind unsere Schulen?

Di 28.04.2020 10:35Uhr 13:21 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/digitale-bildung-schule-corona-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Schule zu Hause - wie hat das genau funktioniert?

Für die meisten Schülerinnen und Schüler war die LernSax-Plattform ganz wichtig geworden. Für mich auch - über das Tool habe ich meine Aufgaben bekommen. Viel lief aber noch per E-Mail, manche Schüler haben ihre Aufgaben sogar per Post bekommen, das ist absurd im 21. Jahrhundert. Aber so lief es.

Doch es gab doch bestimmt auch digitalere Methoden?

Ja, natürlich. Es gab auch Lehrer, die Videokonferenzen aufgebaut oder Videos erstellt haben. Es war sehr divers. Doch abseits jeder Methode: Ich glaube, jeder Lehrer hat sich wirklich bemüht, mit den Schülern in Kontakt zu bleiben.

Man munkelt, die Zeugnisse fallen besser aus als in den vergangenen Jahren. Sind die Lehrer wegen Corona nachsichtiger gewesen?

Ja, ich glaube ja. Lehrer waren nachsichtig, wenn zum Beispiel Hausaufgaben zwei, drei Minuten später hochgeladen worden sind. Wenn nichts kam, wurde nachgefragt. Doch nicht überall, das dürfen wir nicht vergessen. Viele Kinder, auch viele Jüngere, waren in sehr schwierigen, auch existenziellen Notlagen, wo auch die Eltern Probleme hatten. Ehrlich gesagt, hätte man hier noch viel mehr darauf eingehen müssen. Doch in Sachsen fehlen Schulpsychologen und Sozialarbeiter. Sie hätten eingreifen müssen, viele Schüler sind runtergefallen in der gesamten Zeit.

Wer genau hat Nachteile erlitten?

Gerade Kinder von sozial schwächeren Familien haben beim Homeschooling große Probleme gehabt. Vor allem, weil es dort an technischer Ausstattung fehlte, die vom Staat erst nach Monaten nachgeliefert wurde. Probleme gab es auch in schwierigen sozialen Situationen, wenn die Oma oder der Opa oder die Eltern krank geworden sind, wenn man also Corona selbst miterlebt hat. Ich glaube, es hat uns in jeder Lage betroffen. Gerade dort müssen die Schüler in Zukunft viel mehr abgeholt werden.

Sie sagten, wir brauchen mehr Schulpsychologen. Was muss im nächsten Schuljahr noch besser werden?

Die Digitalisierung ist jetzt ein extrem großer Punkt in unserem Schulalltag geworden. Es braucht mehr Fortbildung für Lehrer, aber auch für Schüler. Nur so können wir für eine zweite Pandemiewelle vorbereitet sein. Digitalisierung ist also definitiv die große Aufgabe im nächsten Jahr. Doch wir dürfen auch die Schüler nicht im Stich lassen, die sehr große Probleme hatten und haben.

Einer Umfrage von MDRfragt zufolge, sind viel Schüler sehr unzufrieden mit den Digitalkompetenzen ihrer Lehrer. Teilen Sie das?

Digitalkompetenz von Schülern und Lehrern
MDRfragt hat nachgehakt: Wie wird dei Digitalkompetenz eingeschätzt? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Statistisch gesehen gab es sehr wenige Schulen, die die Plattform "Lernsax" überhaupt vor Corona genutzt haben. Das heißt, mit so einem Online-Tool umgegangen sind. Erst nachdem Corona angefangen hat, hat sich die Zahl auf mehr als 1.500 Schulen gesteigert. Schulleiter, Lehrer und Schüler wurden in diese ganzen Techniken einfach wie in tiefes Wasser hineingeworfen. Wir waren also noch sehr stark hinter dem Ziel, wo wir uns eigentlich befinden wollten. Ich glaube, dass viele Lehrer versucht haben, was ging. Doch es war eine Herausforderung für alle. Der gesamte Prozess war ein Lernprozess für die Schulgemeinschaft. Er lief stockend, aber er lief. Jetzt muss unser Ziel einfach sein, den zu beschleunigen und zu unterstützen, so gut es geht.

Und, was denken Sie, wie sieht Ihr Zeugnis aus?

Ich denke ja und hoffe, dass das Zeugnis so ausfällt, wie ich es mir vorstelle. Das hoffe ich für alle anderen Schülerinnen und Schüler ebenso. Falls nicht, ein kleiner Appell an alle, vielleicht hilft ja die Sommerschule, wenn noch Probleme entstanden sind.

Quelle: MDR/kt

*Der Lesbarkeit halber verwenden wir nur eine Form. Doch natürlich sind auch alle Schülerinnen und Lehrerinnen gemeint.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 17.07.2020 | 19:00 Uhr

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