Frau und Mann auf einem Sofa
Die Fotografen Katrin Kamrau und Oliver Leu testen Görlitz als möglichen neuen Lebensmittelpunkt aus. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Stadt auf Probe Freischaffende der Kreativszene testen Görlitz

Görlitz kämpft gegen den Leerstand. Um neue Bürger in die Neißestadt zu locken, geht die Stadt dabei auch ungewöhnliche Wege. In diesem Jahr gibt es hier Gäste einer ganz besonderen Art.

Frau und Mann auf einem Sofa
Die Fotografen Katrin Kamrau und Oliver Leu testen Görlitz als möglichen neuen Lebensmittelpunkt aus. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Farbe blättert reihenweise von der Decke. Es scheint, als wollten die herunterhängenden Fetzen als Girlanden das Industriegebäude schmücken. Wer im Kühlhaus in Görlitz-Weinhübel arbeitet, muss sich mit den Gegebenheiten arrangieren können. Das gilt besonders für den Winter, denn nur wenige Räume des riesigen Freizeit- und Kulturareals sind beheizbar. "Ich finde es hier sehr komfortabel - wir haben hier Arbeitsräume ganz für uns", sagt Katrin Kamrau und schließt die Siebdruckwerkstatt auf. Den gesamten Februar kann die 38-Jährige aus Lübben hier schalten und walten. Gleich zwei Räume weiter hat sich ihr Partner Oliver Leu im Fotolabor des Kühlhauses eingerichtet. Vier Wochen lang testen die beiden Künstler, ob es sich gut in Görlitz leben und vor allem arbeiten lässt.

Erfahrungen fließen in Forschungsarbeit ein

Robert Knippschild, Leibniz Institut
Robert Knippschild vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

"Stadt auf Probe" heißt das Projekt, das die Stadtverwaltung gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung auf die Beine gestellt hat. Bis zum Sommer nächsten Jahres werden pro Monat drei Görlitz-Testern - seien es Paare, Singles oder Familien - je ein Arbeitsraum und eine Wohnung gestellt. Mit diesem Angebot soll Auswärtigen ein Umzug an die Neiße schmackhaft gemacht werden.

Aktuell probieren neben den Fotografen Kamrau und Leu noch ein Musiker und ein Pärchen, die Webseiten für Suchmaschinen optimieren, Görlitz als Arbeits- und Lebensmittelpunkt aus. Für Prof. Robert Knippschild vom örtlichen Leibniz-Institut ist die Aktion mehr als eine Marketingkampagne - es ist forschungsrelevant. Deshalb werden die Görlitz-Tester nach ihrem Aufenthalt in einem Interview zu den von ihnen wahrgenommenen Stärken und Schwächen der Stadt ausführlich befragt. Die Ergebnisse fließen in eine Doktorarbeit ein.

Flexible Räume für Freischaffende

Görlitz' Stadtverwaltung erhofft sich vor allem, dass die Testphase auch wirklich Wahlgörlitzer bringt. So pflegt ein finnisches Autorenpaar nach dem Probewohnen im Januar bereits ernste Umzugsabsichten. Gerade für Freischaffende aus dem Kreativbereich seien Kleinstädte und Städte in der Peripherie heutzutage zu "Entlastungsstandorten" geworden, erklärt der Raumplaner Knippschild. Denn durch Sanierung und steigende Mieten würden sie aus den Großstädten herausgedrängt, so der Wissenschaftler. In Städten wie Görlitz finden Kreative hingegen große Räume und dazu noch Entschleunigung.

"Platz ist auf alle Fälle immer ein Thema", stimmt die Fotografin Katrin Kamrau zu. "Aber ich brauche vor Ort auch Netzwerke in den Bereichen, in denen ich arbeite", gibt sie zu Bedenken. Man brauche die Szene, die Galerien, die Museen, zählt Oliver Leu auf. Ein Grund, weshalb er und seine Partnerin ihre Probezeit genutzt haben, um möglichst viele Leute aus ihrem Metier zu treffen.

Es passiert viel in der Nische.

Oliver Leu über die Stadt Görlitz
Mann in Dunkelkammer
Oliver Leu im Fotolabor des Görlitzer Kühlhauses. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Ihn habe dabei an Görlitz beeindruckt, wie die Leute selbst aktiv werden, wenn es bestimmte Sachen eben nicht gibt. "Es passiert relativ viel in der Nische", sagt der Fotograf und zählt eine vegane Gaststätte, ein Geschäft für faire Mode und einen Unverpackt-Laden auf.

Aber der 43-Jährige musste auch gleich am Anfang feststellen, dass man in Görlitz Chemikalien zur Fotoentwicklung nicht einfach im Laden um die Ecke kaufen kann. Die musste er bestellen. Das kostete Zeit. Zum Arbeiten ist Leu trotzdem ein wenig gekommen. An einem Wochenende gab der Fotograf sogar interessierten Görlitzern im Kühlhaus eine Einführung ins analoge Fotolabor.

Das Künstlerpaar wird am Freitag die Neiße-Stadt wieder verlassen. Eine Umzugsentscheidung haben sie nicht getroffen. "Dafür sind vier Wochen zu kurz", findet Kamrau. Aber sie will mit ihrem Partner Görlitz unbedingt noch einmal zu einer anderen Jahreszeit besuchen. Und wer weiß?

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 19.02.2019 | 19:00 Uhr

AKTUELLES AUS SACHSEN

Zuletzt aktualisiert: 26. Februar 2019, 08:03 Uhr

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9 Kommentare

26.02.2019 15:39 Paule 9

Oh je, was man so alles lesen muß, verrate aber vorsichtshalber nicht, wer mich beleidigen darf und wer nicht.

25.02.2019 21:21 Horst 8

@ 25.02.2019 14:33 Dieter 5

Aber die "Ansiedlung von Arbeitsplätzen, etwa produzierendes Gewerbe und Industrie" funktioniert für die Region nicht. Zumindest nicht in dem Umfang dass man damit einen Zuzug generiert und damit den Wohnungsleerstand reduziert. Warum sollte sich Industrie in großem Umfang in/um Görlitz ansiedeln? Die zieht es in die Ballungsräume (DD).

Deshalb ist es sinnvoll alternative Wege zu gehen. Man schafft mit dieser Aktion keine Arbeitsplätze, aber diese Menschen, sollten sie nach Görlitz ziehen, leben, konsumieren und zahlen Miete/Steuern in dieser Stadt.
Ein halber Tropfen auf den heißen Stein, aber der Versuch ist es wert.

Ich hoffe nur dass sie nicht den menschenverachtenden Kommentar von Paule nicht lesen bzw. ignorieren.

25.02.2019 17:18 Paule 7

Hi, hi da sind ja die Stöckchenspringer wieder ganz schön ins hüpfen geraten.

25.02.2019 16:17 Hippiehooligan 6

Schon witzig... da beklagt man sich über Leerstand und Wegzug und regt sich dann über das Klientel auf, was bereit ist, sich zumindest Testweise in der Stadt niederzulassen. So schlimm scheinen die Probleme in der Region offensichtlich nicht zu sein.
Die Industrie hat anscheinend keinen Bock auf die Region. Warum wollt ihr es dann den wenigen interessierten Leuten noch unnötig schwer machen?! Mal ganz davon abgesehen, dass es Städten wie Weimar mit ihrem Status als Kunst- und Kulturstadt nicht allzu schlecht geht. Und noch weiter davon abgesehen: Siebdruck und Fotografie = Handwerk/Gewerbe. Das hat schon der arme Paule nicht begriffen...

25.02.2019 14:33 Dieter 5

An die Foristen 3 und 34:
Paule hat es vielleicht nicht geschickt ausgedrückt, aber er hat natürlich im Kern Recht. Wenn man das Leerstellenproblem lösen will, dann bestimmt nicht durch ein paar Künstler, die wieder wegziehen oder gar als "Material" für die Dissertation dienen, sondern das geht nur durch Ansiedlung von Arbeitsplätzen, etwa produzierendes Gewerbe und Industrie.

25.02.2019 08:32 Hippiehooligan 4

Sorry Paule, aber offensichtlich hat du überhaupt keine Ahnung, was Wertschöpfung ist. Eh ich mich jetzt hier aber über deine Unwissenheit und den Umstand, dass du vermutlich nur die Überschrift gelesen und dich jetzt an den Wörtern "Freischaffend" und "Kreativszene" hochziehst, lustig mache, muss ich dir mitteilen, dass Siebdruck und Fotoentwicklung wertschöpfende Tätigkeiten sind. Und noch was... welche "Minderheit" repräsentieren diese Leute denn? Das einzige Groteske hier, ist deine Weltanschauung...

25.02.2019 00:09 Petershagener 3

@ 1, Paule: "Normale wertschöpfende Menschen sind in D nicht mehr gefragt."

Auch Künster schaffen Werte. Oder meinen Sie, das Paar ernährt sich mit wertloser Kunst? Dann würden die wohl kaum Aufträge bekommen. Geschenkt bekommt niemand etwas - weder Siebdrucker noch Fotografen.

Und wo zum Himmels Willen steht da im Artikel etwas von "lesbisch"?
Antwort: Nirgendwo!

Was für ein Problem haben Sie mit der Sexualität anderer Leute - in Verbindung mit diesem Artikel ?! Das ist ja völlig an den Haaren herbei gezogen. Sind Sie neidisch auf Künster, weil Sie selber keiner sind?

24.02.2019 23:43 Emil 2

Ohne hier Künstler als irgendwie bessere Menschen herausheben zu wollen, möchte ich doch zu bedenken geben, dass besonders in diesem Metier das Denken in alle möglichen Richtungen kultiviert wird und sich auf ganz unterschiedliche Lebensbereiche auswirkt. Das fängt damit an wie unterschiedliche Lebensmodelle und Rollenbilder gedacht und kritisch hinterfragt werden und endet bei der Frage wie wir heute, mit Blick auf große gesamtgesellschaftliche Aufgaben, durch einen zwingend notwendigen Paradigmenwechsel zivilisatorischen Fortschritt weiterhin möglich machen und eine lebenswerte Zukunft in Frieden und Demokratie für die gesamte Menschheit und nachfolgende Generationen sicherstellen.
Da sehe ich gerade viele künstlerisch Schaffende, die sich durchaus verantwortungsvoll diesen Problemen annehmen und sich mit ihnen auseinandersetzen, sei es innerhalb ihrer Arbeit, im politischen Diskurs oder in der banalen Frage nach einer nachhaltigen, gesunden, selbstzerstörerischen Lebensweise.

24.02.2019 17:16 Paule 1

Normale wertschöpfende Menschen sind in D nicht mehr gefragt. Künstler, lesbisch usw. muss man sein. Alle haben ihre Daseinsberechtigung, aber die Lobhudelei für Minderheiten ist schon grotesk.

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