18.06.2020 | 15:24 Uhr Stille graue Räuber: Wölfe in der Oberlausitz bleiben in Deckung

In der Oberlausitz ist es ruhig um die Wölfe geworden. Derzeit werden nur wenige Angriffe auf Nutztiere gemeldet. Sichtungen sind selten geworden und auch das Heulen ist verstummt. Haben die grauen Räuber etwa ihr Revier gewechselt? Noch vor einem Jahr sorgten die Wölfe in der Oberlausitz durch zahlreiche Übergriffe nicht nur für Schlagzeilen, sondern auch für Angst und Schrecken vor allem in Dörfern.

Ein Wolf in einem herbstlichen Wald
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Es herrscht eine trügerische Ruhe in den Oberlausitzer Revieren. Die Herrschaft haben offenbar die Wildschweine übernommen. Sie haben sich zu riesigen Rotten zusammen geschlossen. Mehr als 50 Exemplare wurden schon gesichtet, westlich von Löbau durchpflügten gar 100 Wildschweine einen Acker, berichten die Jäger. Doch die Wölfen machen sich derzeit rar. "Noch vor einem Jahr war das Wolfsgeheul jede Nacht aus drei Richtungen zu hören, jetzt ist Stille" erzählt der Chef des Jagdverbandes Niederschlesische Oberlausitz, Hans-Dietmar Dohrmann, aus Rothenburg an der Neiße. "Auch auf den Wildkameras ist derzeit nur wenig zu sehen."

Nur ein einsamer alter Rüde, den alle schon kennen, wird immer wieder in den Revieren rund um den Rothenburger Flugplatz gesichtet.

Hans-Dietmar Dohrmann Chef Jagdverband Niederschlesische Oberlausitz

Ähnliches berichten Jäger aus anderen Teilen der Oberlausitz. Nur auf dem Truppenübungsplatz scheinen die Wölfe häufiger aus der Deckung zu kommen. Dort haben die Rudel Nachwuchs.

Hohe Wolfsdichte in Ostsachsen

Die Oberlausitz zählt zu den am dichtesten besiedelten Revieren von Isegrim. Hier überlappen sich sogar die Grenzen der Reviere, was Biologen vorher nicht für möglich gehalten hatten. Zum Teil jagten die Wölfe sogar innerhalb von Ortschaften, wie das Rosenthaler Rudel im Landkreis Bautzen. Diese Nähe der Raubtiere verängstigt die Menschen. Ministerpräsident Michael Kretschmer musste sich im vergangenen Jahr deshalb mehrfach vor Ort mit den Problemen auseinandersetzen, die die grauen Räuber verursachten.

Weniger Angriffe auf Nutztiere

In diesem Jahr haben die zuständigen Behörden "relativ wenig" Risse gemeldet bekommen. Vielmehr würden sich die Schadensmeldungen jetzt laut Vanessa Ludwig von der Fachstelle Wolf beim Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie auf Nord- und Westsachsen konzentrieren. In der Oberlausitz wurden demnach seit Jahresbeginn 13 Schafe und eine Ziege gerissen. Ob Wölfe am Tod von zwei Rindern verantwortlich sind, werde noch untersucht. Im Februar fand das letzte "große Fressen" in Wittichenau statt. Acht Schafe fielen damals den Wölfen zum Opfer.

Auch wenn derzeit in der Region keine Nutztiere angegriffenen werden, so geht nach Ansicht der Jäger das "große Fressen" in Wald und Flur weiter. Die Beute seien die Jungtiere von Reh, Hase, Hirsch und Mufflon, wobei letztere kaum noch vorkommen würden. Auch deshalb hält die AG Wolf des sächsischen Jagdverbandes das sächsische Wolfsmanagement für gescheitert. Doch bei Gesprächen mit Sachsens Umweltminister Wolfram Günther spielten die Wölfe keine Rolle. Die Afrikanische Schweinepest, auch ein Reizthema für Jäger, dränge das Problem Wolf in den Hintergrund. Doch die AG Wolf will wieder aus der Deckung kommen und ist auf der Suche nach Verbündeten. Deshalb seien für Ende Juni Gespräche mit Vertretern von Bauernverbänden geplant. Auch die Europäische Förderation für Jagd und Naturschutz soll sich mit der - so wörtlich - "sächsischen Wolfsproblematik" befassen.

Wölfe bleiben in der Deckung

Wolf auf einem Pfad
Es ist relativ still geworden, um den grauen Räuber in der Oberlausitz. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Warum es derzeit so still um die Wölfe geworden ist, dass können sich weder Jäger noch Biologen erklären. "Rehe, Hasen und Rotwild haben Nachwuchs und der ist leichter zu erbeuten, als eingezäunte Nutztiere", sagt ein Jäger aus Löbau. Auch der Rothenburger Jäger Hans-Dietmar Dohrmann geht davon aus, dass die Reviere genügend Futter bieten. "Zudem haben die meisten Rudel Nachwuchs und da bleiben die Tiere in der Nähe." Nur für die Wölfe bei Cunewalde, in den Königshainer Bergen sowie in der Königsbrücker Heide gibt es noch keine endgültigen Nachweise.

Wolfsexpertin Karin Bernhardt vom Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie meint, dass sich in der Oberlausitz viele Tierhalter auf die Wölfe eingestellt haben und die Schutzmaßnahmen langsam Wirkung zeigen. Allerdings gebe es auch noch viele unvernünftige Hobbyhalter, die ihre Tiere nicht schützen würden. Deshalb sei jederzeit mit Übergriffen zu rechnen.

Die Erfahrung der letzten Jahre zeigen, dass die Übergriffe auf Nutztiere Ende Sommer bis in den Winter wieder zunehmen werden. Dann können die Welpen allein gelassen werden und die Jungwölfe vom letzten Jahr werden aktiv. Es gilt also, Nutztiere zu schützen.

Karin Bernhardt Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie

Dass es um den grauen Räuber still geworden ist, hat auch Carola Tuschmo festgestellt. Den Grund kann sich die Nutztierhalterin nicht erklären. "Vielleicht werden auch nicht mehr alle Risse angezeigt, weil die Leute resigniert haben", sagt die Neschwitzerin. Nachdem das berüchtigte Rosenthaler Rudel auch in ihre Herde eingebrochen war, hatte die Schäferin den Widerstand gegen die Wölfe in der Oberlausitz mit organisiert. Der Wolf sorgt in der Oberlausitz also weiterhin für Sorgenfalten.

Wolf, unscharf in Bewegung: Trollt sich
In der Oberlausitz machen sich die Wolfe derzeit kaum bemerkbar. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Für die gewaltigen Wildschweinrotten in der Oberlausitz machen die Jäger nicht nur die Monokulturen von Raps und Mais verantwortlich, sondern auch den Wolf. Um sich vor Isegrim zu schützen, würden sich die Schwarzkittel zu den großen Rotten zusammen schließen, heißt es von der Jägerschaft.

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 18.06.2020 | 12:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

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