130 Jahre Glasherstellung bei Stölzle in Weißwasser
Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig

Jubiläum bei Stölzle Letzter Glashersteller in Weißwasser wird 130 Jahre alt

Was mit Bonbon- und Medizingläsern begann, ist heute eine Traditionsmarke. Der Glashersteller Stölzle in Weißwasser feiert 130. Geburtstag, exportiert in 120 Länder und hat rund 370 Mitarbeiter, die in wechselnden Schichten rund um die Uhr arbeiten. Im Jubiläumsjahr gab es Besuch von einem besonderen Gast.

130 Jahre Glasherstellung bei Stölzle in Weißwasser
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Es klirrt. Dieses Glas ist hin! Und das mit Absicht. Was dem geschulten Blick der Kontrolleure beim Glashersteller Stölzle Lausitz nicht standhält, wird zerbrochen. "Und zu hundert Prozent wiederverwertet", sagt Werksleiter Ronald Brieger. Es wird eingeschmolzen und bekommt sozusagen eine zweite Chance bei diesem Glasproduzenten in Weißwasser.

Drei Mitarbeiter an der Kontrolle.
Jedes Glas wird vorm Verpacken kontrolliert. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig

Es ist Sonnabendvormittag. Ganz normaler Produktionsalltag hier im Norden der Oberlausitz. Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, werden Stielgläser, Becher, Karaffen und andere Produkte hergestellt. "100.000 bis 130.000 pro Tag", weiß Brieger. In vier Schichten. Auch an einem Tag wie diesem, an dem Rundfunk, Fernsehen und Presse durch die Produktionshallen laufen. Weil das Unternehmen 130. Geburtstag feiert, gibt es einen Rundgang.
In der Kontrollabteilung sitzen sich immer zwei Mitarbeiter gegenüber. Mit leisem Brummen schiebt ein Förderband Glas für Glas heran. Jedes nehmen die Kollegen in die Hand. Schauen, prüfen. Dann kommt das Stück in den Karton oder wird aussortiert. In der Fertigungshalle nebenan ist es deutlich lauter. Und viel wärmer. Auch wenn Glas bei Stölzle seit Mitte der 1990er Jahre ausschließlich maschinell gefertigt wird, braucht es die Hitze, um es zu machen. 1.500 Grad beträgt die Schmelztemperatur. "Fassen Sie hier nichts an. Es ist überall heiß", warnt Marketingleiter Thomas Schulz und führt durch ein Gewirr von Rohren, Leitungen, Treppen und Gängen.

42 Millionen Euro Umsatz

Gläser hängen in einer Maschine und glühen.
Die geblasenen Gläser sind glühend heiß. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig

Mitarbeiter in blauen Kitteln überwachen die Maschinen. Ganz am Anfang der Halle stehen die beiden Schmelzwannen. Befeuert mit Erdgas werden hier Rohstoffe wie Soda, Pottasche, Kalkstein und Sand verflüssigt. 13 Grundstoffe stecken insgesamt in der Mischung. "Der Sand kommt noch immer aus der Oberlausitz", so Schulz. Das Vorhandensein solcher Materialien sei ein wichtiger Standortfaktor. Die für die Region vieldiskutierte bessere Autobahnanbindung hält der Marketingfachmann grundsätzlich für wichtig für die Menschen. Für die Glasindustrie spiele sie keine große Rolle. "Dieser Zweig funktioniert auch in eher entlegenen Regionen", sagt Schulz. Das zeige sich an Stölzle. Die Firma sei sehr gut ausgelastet. Bei 42 Millionen Euro lag der Umsatz im vergangenen Jahr. Rund 370 Mitarbeiter sind beschäftigt. Kunden in 120 Ländern kaufen die Produkte. "Viele kommen aus der Gastronomie. Wir produzieren aber auch für andere Glashersteller", so Thomas Schulz. Und für den Privatkunden. Der entdecke inzwischen schon mal ein Stölzle-Glas im Restaurant, maile ein Foto an den Hersteller und schreibt: "Genau das will ich auch haben", freut sich Schulz.

Ein Glastropfen kommt aus der Maschine, läuft weiter und wird in wenigen Sekunden zum Becher geblasen. Später, wenn das Glas auf etwa 40 Grad heruntergekühlt und ein stabilisierender Glasdeckel entfernt ist, wird der Rand solange bearbeitet, dass Weinliebhaber, Biertrinker und Wasserfans gefahrlos daraus trinken können. Überall brummen Maschinen, greifen Roboterarme zu, laufen Bänder. Die Mitarbeiter selbst stellen die Geräte ein. "Dafür brauchen sie viel Erfahrung. Das muss alles millimeter- und punktgenau passen", sagt Werksleiter Brieger.

Bauhaus-Schüler Wilhelm Wagenfeld war einst künstlerischer Leiter

Zwei Männer in weißen Kitteln und ein dritter Mann reden miteinander.
Zwei Schauspieler sind in die Rollen von Produktdesigner Wilhelm Wagenfeld (l.) und Architekt Erich Neufert geschlüpft und besuchen die Firma - zuvor reden sie mit dem Regisseur. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig

Zwei Herren betreten die Halle. Einer hat eine Tabakspfeife im Mund. Beide tragen weiße Kittel, wirken ein bisschen aus der Zeit gefallen – und das soll auch so sein. Heiner Bomhard und Sebastian Straub heißen die beiden. Für ein Projekt im Rahmen von 100 Jahre Bauhaus schlüpfen die Schauspieler in die Rolle von Bauhaus-Schüler und Produktdesigner Wilhelm Wagenfeld und von Architekt Ernst Neufert. Wagenfeld war von 1935 bis 1947 künstlerischer Leiter am Stammsitz der Vereinigten Lausitzer Glaswerke, aus denen viel später Stölzle wurde. Neufert arbeitete als Hausarchitekt für den Betrieb. Für ein paar Szenen sind die Männer an ihre alte Wirkungsstätte zurückgekehrt. Bis ins Rohglaslager schaffen es die historischen Gäste nicht. Hier gibt es 24.000 Palettenplätze für Waren, die eigentlich fertig sind, denen man aber auf Wunsch noch Schriftzüge, Logos oder Gravuren verpassen kann. Meterhoch türmen sich Kartonstapel mit der zerbrechlichen Ware. "Wir lagern relativ viel, damit wir auch kurzfristig Kundenwünsche erfüllen können", erzählt Thomas Schulz.

Er weiß um die Bedeutung, die das Werk für die Einheimischen hat. Das Glasmachen ist längst Teil der DNA von Weißwasser geworden. 1889 hatte Joseph Schweig den Betrieb am gleichen Standort errichtet, an dem Stölzle nun produziert. "Damals war Schweig das dritte Glasunternehmen. Später gab es elf Werke. Heute sind wir das Einzige hier", so Schulz. Das Interesse der Menschen sei groß. Sie wünschen sich Führungen und die wird es mindestens im Jubiläumsjahr, aber vielleicht auch sonst, immer wieder geben. Durch viele Bauarbeiten in den vergangenen Jahren sei das kaum möglich gewesen.

2018 gab es zwei Designpreise

Stölzle gehört zur österreichischen CAG Holding. Die hatte das Unternehmen in den 1990er Jahren nach einer Insolvenz übernommen, seitdem investiert und so ein wichtiges Kapitel Weißwasseraner Geschichte vor dem Aus bewahrt. 2018 erhielt Stölzle zwei renommierte Designpreise für eine Glasserie. Und Thomas Schulz sagt: "Wir sind nicht nur Teil der Geschichte, wir wollen auch Teil der Zukunft sein".

Zu Besuch bei Stölzle

Rundgang bei Stölzle

Ein modernes Firmengebäude
Das Unternehmen Stölzle in Weißwasser feiert 130. Geburtstag. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Ein modernes Firmengebäude
Das Unternehmen Stölzle in Weißwasser feiert 130. Geburtstag. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Ein Regal mit Gläsern.
Im Musterzimmer gibt es einen Überblick über die Produkte. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Ein Lager mit Kartons.
Im Rohglaslager stapeln sich die Kartons mit zerbrechlicher Ware. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Eine Maschinenhalle mit viel Technik.
In der Schmelzwanne entsteht der Grundstoff Glas. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Ein Mann hält eine halbe Gussform in der Hand.
Mithilfe solcher Formen werden Bierpokale hergestellt. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Ein glühender Glastropfen landet in einer Halterung.
Aus solchen Glastropfen werden Gläser geblasen. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Ein Mann hält ein Glas hoch.
Kontrollblick von Werksleiter Ronald Brieger. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
Ein Mann steht vor einem Regal mit bunten Gläsern.
Im Werksverkauf gibt es auch ganz bunte Produkte. Bildrechte: MDR/Rosmarie Hennig
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Quelle: MDR/nng

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR Sachsenspiegel| 06.04.2019 |19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 07. April 2019, 11:53 Uhr

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