Ein Schild im Fenster einer Drogen- und Alkoholberatungsstelle
Bildrechte: imago/Ina Peek

16.11.2019 | 12:15 Uhr Millionengewinn: Suchtberatung entlastet öffentliche Kassen

Im Landkreis Görlitz sind die Sozialkosten explodiert - aufgrund von Drogen und Alkohol. Doch es hätte noch schlimmmer kommen können, wenn es die Suchtberatung nicht geben würde. Das zeigt eine bundesweit einmalige Studie, die am Freitag in Görlitz vorgestellt worden ist.

Ein Schild im Fenster einer Drogen- und Alkoholberatungsstelle
Bildrechte: imago/Ina Peek

Die Jugendämter in Sachsen nehmen im Jahr knapp 6.000 Kinder und Jugendliche in Obhut, in der Oberlausitz sind es im Jahr mehr als 700. Vor vier Jahren waren es in der Oberlausitz noch halb soviel Kinder und Jugendliche, bei denen die Eltern ihre Pflichten nicht mehr erfüllen konnten.

Wir haben Drogenhintergrund, wir haben Alkohol, wir haben psychisch kranke Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, ihren Tag zu organisieren, geschweige denn ihre Kinder zu erziehen und das bedarf Hilfe vom Staat.

Martin Weber Sozialdezerntin Landkreis Görlitz

Im Landkreis Görlitz ist es kein Problem, an Drogen zu kommen. Schüler aus Weißwasser berichten, dass sie bereits auf dem Schulweg von Dealern angesprochen werden. Für die Modedroge Crystal Meth müssen Interessenten nur wenige Meter über die Grenze nach Polen oder Tschechien laufen. "Die Fallzahlen beim Drogenkonsum, gerade bei Crystal, haben sich auf einem relativ hohen Niveau eingepegelt, das Hauptproblem ist aber weiterhin Alkohol," sagt Frank Lehnert von der Psychosozialen Beratungs- und Behandlungsstelle Görlitz (PsBB).

Ein mit einer braunen Flüssigkeit gefülltes Glas und 2 leere Schnapsflaschen.
Die Abhänigkeit von Alkohol führt meist zum sozialen Absturz. Die Suchtberatung kann helfen. Bildrechte: colourbox.com

Teure Suchtberatung

Seit der politischen Wende gibt es diese Suchtberatung in Görlitz. Immer wieder wird die Arbeit der PsBB in Frage gestellt, aufgrund der Kosten. Erst kürzlich wollten die Kreisräte von der AfD bei der Suchtberatung den Rotstift ansetzen.
257.150 Euro fließen nach Angaben der PsBB in das Vorhaben, um suchtkranken Menschen im Landkreis Görlitz helfen zu können. Den Löwenanteil mit 143.313 Euro übernimmt der Freistaat, der Landkreis gibt 88.838 Euro und die Stadt 25.000 Euro dazu. Doch das Geld ist gut angelegt. Das hat jetzt eine Studie bewiesen.

die Droge Crystal
Die Modedroge Crystal Meth stammt meist aus Polen oder Tschechien. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie effektiv ist die Suchtberatung?

Die Görlitzer Suchtberatung betreut derzeit etwa 600 Klienten und führt im Jahr etwa 2.000 Beratungsgespräche im gesamten Landkreis. Wie Abteilungsleiter Alf-Rüdiger König vom sächsischen Sozialministerium sagt, wurde eine Frage bislang noch nie beantwortet: "Was bringt die Suchtberatung effektiv?" Eine Studie kommt zu einem überraschenden Ergebnis: "Jeder Euro, der in die Suchtberatung investiert wird, spart 28 Euro aus den öffentlichen Kassen", bilanziert Stefan Löwenhaupt von der xit-Gmbh.

Amerikanische Methoden angewendet

Der Versuch, die Effektivität der Suchtberatung zu ermitteln, ist bundesweit einmalig. Der Landkreis Görlitz als sozialer Schwerpunkt mit hoher Arbeitslosigkeit und geringem Einkommen spielte dabei keine große Rolle. Beim Suchtverhalten gibt es in Deutschland innerhalb der sozialen Schichten keine gravierenden Unterschiede, sagt Löwenhaupt als Chef der Studie.

Görlitz Suchtberatung
Vorstellung der bundesweit einmalige Studie zur Suchtberatung im Landkreis Görlitz. Bildrechte: DR/Uwe Walter

Reale Fälle liegen zugrunde

Die Sozialwissenschaftler nutzten für ihre Studie 67 reale Fälle aus dem Landkreis Görlitz. Darunter sind tragische Lebensläufe. So brauchte ein 43 Jahre alter Familienvater rund zehn Jahre, um von seiner Alkoholsucht loszukommen. In dieser Zeit gingen Partnerschaften zu Bruch. Der Alkoholiker wurde mit zwei Promille am Steuer erwischt. Damit war die Fahrerlaubnis weg, wenig später folgte der Job.
Mit Hilfe der Suchtberatung bekam der Görlitzer sein Leben nach einigen Rückfällen wieder in den Griff. Jetzt arbeitet er und hat Ziele! So will sich der 43-Jährige seine Fahrerlaubnis wiederholen. Zum ersten Mal in seinem Leben plant der Vater eines 12 Jahre alten Sohnes einen Familienurlaub.

Sozialer Abstieg kostet Geld

In der Studie wird versucht, anhand von Fallbeispielen die Kosten zu ermitteln. So wird ein Alkohol- oder Drogensüchtiger durch den Verlust des Arbeitsplatzes vom Einzahler in die Solidargemeinschaft zum Empfänger. Das kostet im konkreten Fall 16.736 Euro im Jahr. Dazu kommt die stationäre Entgiftung: 32.514 Euro. Aufgrund des sozialen Abstiegs folgten Depressionen, die ebenfalls stationär behandelt werden müssen. Kosten: 19.874 Euro. Der Absturz führt zur Überschuldung von 29.313 Euro. Damit summieren sich die Kosten für die Gesellschaft auf 98.438 Euro. Doch ein Teil der Kosten hätte vermieden werden können, wenn der Betroffene den Mut gehabt hätte, sich von der Suchtberatung helfen zu lassen.

eine Grafik
Bildrechte: Colourbox.de

Bislang unbekannte Wertschöpfung

Die Suchtberatung PsBB in Görlitz zeigt Wirkung. Beispielsweise haben mit ihrer Hilfe 37 Prozent der Klienten den Absturz in die Arbeitslosigkeit vermieden. Nach der Studie summieren sich die eingesparten Kosten für die Gesellschaft im Landkreis Görlitz auf 7,2 Millionen Euro im Jahr.

Dieses Ergebnis hat auch Martina Weber als Sozialdezerentin im Landkreis Görlitz überrascht: "Endlich haben wir Zahlen, mit denen wir agieren und argumentieren können." Finanziell profitieren die Stadt und der Landkreis Görlitz aber nur wenig von der Wertschöpfung durch die Suchtberatung. Nutznießer sind vor allem die Sozialkassen und die Arbeitsagentur.

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 15.11.2019 | 16:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 16. November 2019, 12:15 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus Görlitz, Weisswasser und Zittau

Mehr aus Sachsen