21.06.2020 | 21:45 Uhr Theater um Neubesetzung: Morgenroth soll Generalintendant am GHT Görlitz-Zittau werden

Der Görlitzer Kreistag hat den Weg für einen neuen Generalintendanten frei gemacht. Daniel Morgenroth soll ab nächsten Sommer den Chefposten im Gerhart-Hauptmann-Theater mit seinen vier Sparten in Görlitz und Zittau übernehmen. Doch damit ist das Theater um das Theater noch lange nicht beendet.

Eine Analyse von Uwe Walter aus dem MDR-Büro Görlitz.

Theater Görlitz
Bildrechte: Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau

Im Gerhart-Hauptmann-Theater an der Neiße wird nicht nur Theater gespielt, sondern es könnte auch selbst den Stoff für ein großes Drama oder eine Seifenoper bieten. Freud und Leid hinter dem eisernen Vorhang liegen dicht beieinander. Nicht nur auf dem Seilboden werden Intrigen gesponnen, Feindschaften und Befindlichkeiten gepflegt. Auch in den vergangenen Monaten lief bei der Wahl des neuen Generalintendanten nicht alles glatt.

Theaterentscheid spaltet AfD

Am Mittwoch tagte der Görlitzer Kreistag ausnahmsweise in den Löbauer Messehallen, um die Corona-Abstandsregeln einzuhalten. Der dritte Punkt auf der Tagesordnung war die Neuordnung der Geschäftsführung des Theaters mit Häusern in Görlitz und Zittau. 59 Kreisräte stimmten für den Konstanzer Kulturwissenschaftler Daniel Morgenroth, elf dagegen und sechs Kreisräte enthielten sich. Im Kreistag sorgte die Abstimmung für Erstaunen, denn Mitglieder der AfD-Fraktion - sonst auf Einigkeit bedacht - entzogen sich dem gemeinsamen Votum.

Damit dürfte das Theater um den neuen Generalintendaten aber noch nicht zu Ende sein. Die AfD hat angekündigt, das Auswahlverfahren noch einmal rechtlich prüfen zu lassen. Auch müssen die Stadträte der Sitzgemeinden Görlitz und Zittau die Personalie noch absegnen.

Blick auf den Kreistag mit Corona-Abstand in der Messehalle Löbau.
Blick auf den Kreistag mit Corona-Abstand in der Messehalle Löbau. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Daniel Morgenroth war nach der Abstimmung erst einmal erleichtert.

Ich fühle mich gerade ganz großartig. Ich habe große Lust auf Görlitz, große Lust auf Zittau und damit auf das Gerhart-Hauptmann-Theater. Ich habe dazu ein Konzept geschrieben, kann und will aber noch nichts verraten.

Daniel Morgenroth

Der 36 Jahre alte Kulturwissenschaftler soll sowohl die künstlerische als auch wirtschaftliche Leitung des Hauses übernehmen.

Klaus Arauner
Der bisherige Intendant Klaus Arauner will in den Ruhestand. Bildrechte: dpa

Der bisherige kaufmännische Geschäftsführer Caspar Sawade wechselte als Intendant an das Theater Lübeck. Der künstlerische Leiter, Generalintendant Klaus Arauner, will in den Ruhestand. Beide stehen für eine wechselvolle Vergangenheit. Sawade brachte seine Frau mit an das Theater und galt auch auch wegen finanzieller Probleme rund um die Sanierung des Zittauer Hauses als angreifbar. Arauner konnte den Chefposten als Intendant ohne Ausschreibung erobern. Er nutzte seine Beziehungen in die Kommunalpolitik: Unter anderem sprachen sich die "Bürger für Görlitz" für Arauner aus, der selbst als Abgeordneter der Fraktion im Stadtrat saß.

Machtkampf zwischen Görlitz und Zittau?

Die Neubesetzung des Generalintendanten erfolgte nicht ohne Probleme, auch wenn Finanzdezernent Thomas Gampe vor dem Kreistag betonte: "Das Auswahlverfahren ist mehrstufig zusammen mit den Gesellschaftern und unter fachkundiger Beratung erfolgt." Doch hinter vorgehaltener Hand werden Geschichten von einem Theater um das Theater erzählt. Im ersten Auswahlverfahren vor einem Jahr hatte der Wunschkandidat im letzten Moment den Chefposten an der Neiße für ein Haus im Westen sausen lassen. Nach dem üblichen Auswahlverfahren hätte nunmehr der Zweitplatzierte nachrücken müssen. Das geschah aber nicht. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren: Dem Vernehmen nach soll es sich bei dem Kandidaten um ein Mitglied des Hauses in Görlitz gehandelt haben. Ein zweites Mal nach Arauner hätten damit die Zittauer zurückstecken müssen.

Es erfolgte eine erneute Ausschreibung. 15 Bewerbungen kamen aus dem gesamten Bundesgebiet. Daniel Morgenroth machte jetzt das Rennen.

Eine Kurzvorstellung von Daniel Morgenroth - 2003 Abitur in Ebern
- ab 2004 Studien Sprachen, Kommunikation, Wirtschaft an der Uni Passau
- 2007 bis 2008 Studien am King's College London & Royal Acadamy of Dramatic Art
- 2011 bis 2015 Promotion an der TU Dortmund
- 2011 bis 2017 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Würzburg
- 2017 stellvertretender Intendant Theater Konstanz

Morgenroth hat sich beworben, weil es auch im Konstanzer Theater Veränderungen gibt. Der bisherige Intendant tritt ab und ein derartiger Wechsel sorgt immer auch für ein Kommen und Gehen im Ensemble. Möglicherweise stehen diese Personalwechsel mit dem neuen Intendanten demnächst auch in Görlitz und Zittau an.

Daniel Morgenroth auf einer Wiese.
Daniel Morgenroth vor dem Löbauer Berg nach der Entscheidung durch den Kreistag. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Große Aufgaben warten

Auf Daniel Morgenroth warten viele Herausforderungen, wenn er im nächsten Sommer den Chefposten übernimmt. Das Gerhart-Hauptmann-Theater steuert erneut auf eine finanzielle Katastrophe zu: Coronabedingt fielen Vorstellungen und damit auch Einnahmen aus. Zudem kann der klamme Landkreis als Gesellschafter seine Zuschüsse nicht mehr erhöhen. Auch der Kulturraum Oberlausitz/Niederschlesien ist mit seinen Zuwendungen am Ende.

Szenenbild aus "Dinorah"
Szenenbild aus "Dinorah", einer Inzenierung aus der aktuellen Spielzeit, die wegen Corona vorzeitig beendet wurde. Bildrechte: Marlis Kross

Der Görlitzer Landrat Bernd Lange hat deshalb eine Studie in Auftrag gegeben, um weitere Möglichkeiten zum Sparen auszuloten. Dabei war in den vergangenen Jahren mehrfach der Rotstift angesetzt worden. Das Ensemble akzeptierte weniger Geld, Premieren und Produktionen wurden gestrichen.

Trotzdem gibt sich der neue Generalintendant Morgenroth optimistisch: "Bei der Kultur wird immer gespart, damit kann ich umgehen."

Möglicherweise flammt aber auch der Theaterkrieg zwischen Bautzen und Görlitz wieder auf. Um Kosten zu sparen, sollten vor und zehn Jahren die eigenständigen Häuser in Bautzen, Görlitz und Zittau zu einem gemeinsamen Kulturraumtheater verschmolzen werden. Das Projekt scheiterte in letzter Minute am Widerstand des Bautzener Landrates. Die Idee sei aber noch nicht vom Tisch, sagte unlängst der Görlitzer Landrat.

Neue Konzepte sind gefragt

Möglicherweise stehen aufgrund von finanziellen Engpässen auch wieder Sparten zur Diskussion, beispielsweise die Weiterführung der Neuen Lausitzer Philharmonie, des Zittauer Schauspiels oder auch der Görlitzer Tanzcompany. Die Tanztruppe des Görlitzer Theaters konnte in der Region nie an die Erfolge des einstigen Balletts anknüpfen und reist nach dem Zusammenschluss mit einem Berliner Ensemble unter dem Namen "Wee Dance Company" durch das Land, gesponsert vom Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien .

Dank dem bisherigen Intendanten Klaus Arauner wird die Tanzcompany in der freien Szene als "eine der aktivsten Berliner Formationen im zeitgenössischen Tanz" wahrgenommen. Oberlausitzer Theaterbesucher bemängeln dagegen die Fähigkeiten der "Wee Dance Company" bei klassischen Tänzen bei Aufführungen von Opern oder Operetten.

Auch deshalb wird der Wechsel im Chefsessel aufmerksam beobachtet, nicht nur von Theaterfreunden und Kommunalpolitikern.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 18.06.2020 | 05:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

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