Schweißer bei der Arbeit.
Bildrechte: André Schulze

04.12.2019 | 10:18 Uhr Nach 184 Jahren droht das Aus: Keine Rettung für den Stahlbau in Niesky

Es scheint keine Hoffnung mehr zu geben: Der Stahl- und Brückenbau in Niesky wird nach 184 Jahren abgewickelt. Damit stirbt im Landkreis Görlitz ein weiterer Traditionsbetrieb. Unter anderem hat der Bau der umstrittenen Waldschlößchenbrücke in Dresden zum Ende der Stahlbauer in der Oberlausitz beigetragen. 120 Mitarbeiter sind in Niesky betroffen.

von Uwe Walter

Schweißer bei der Arbeit.
Bildrechte: André Schulze

Die Stahlbauer in Niesky können auf eine lange Tradition zurückblicken:1835 wurde der Betrieb als Kupferschmiede gegründet und 37 Jahre später bauten die Nieskyer bereits eine 560 Tonnen schwere Stahlbrücke in Fachwerkbauweise für die ungarische Eisenbahn. Auch die erste voll verschweißte Brücke in Europa wurde 1931 in Niesky gebaut. Es war die Schlachthofbrücke in Dresden. Heiß umstritten war der Bau der Altstadtbrücke in Görlitz. 2004 überspannten die Nieskyer mit einem kühnen Bogen aus Stahl den deutsch-polnischen Grenzfluss Neiße. Das Traditionsunternehmen ist in der Branche bekannt und hatte noch im Herbst volle Auftragsbücher.

Außenstände waren zu hoch

Die Stahlbauer aus Niesky gerieten in den vergangenen Jahren bereits mehrfach in schwieriges Fahrwasser. Doch jetzt scheint das Traditionsunternehmen unterzugehen. Schon im Spätherbst musste der Stahl- und Brückenbau Niesky GmbH seine Zahlungsunfähigkeit anmelden. Laut Insolvenzverwalter Ralf Hage hatte das Unternehmen viel zu hohe Außenstände, hatte keine Abschläge mit Auftraggebern ausgehandelt oder konnte seine Leistungen nicht einfordern, weil sich die Projekte verzögert hatten. Zudem reizten Behörden als Auftraggeber gerne Fristen aus, die ihnen die Gesetze einräumen. Eine Autobahnbrücke bei Regensburg machte den Oberlausitzern zu schaffen und die Waldschlößchenbrücke in Dresden. Im Streit um die Bezahlung der Waldschlößchenbrücke mussten sich die Nieskyer in der zweiten Instanz auf einen Vergleich einlassen, weil für den weiteren Rechtsstreit das Geld fehlte.

Blick ins Elbtal in Dresden mit der Waldschlösschenbrücke.
Blick ins Elbtal. Die Waldschlößchenbrücke wurde von den Stahlbauern in Niesky gebaut. Einer der Sargnägel für das Oberlausitzer Unternehmen. Bildrechte: imago/ddbd

Sanierung in Eigenregie gescheitert

Nachdem das Unternehmen seine Zahlungsunfähigkeit angemeldet hatte, wurde ein sogenanntes Insolvenzverfahren in Eigenregie angestrebt. Das Unternehmen sollte neu strukturiert und langfristig gerettet werden. Der Dresdner Insolvenzverwalter Ralf Hage machte sich an die Arbeit.

Wir sind hoffnungsvoll angetreten. Niesky hatte damals volle Auftragsbücher und war noch nicht überschuldet. Leider hat die Sanierung in Eigenregie nicht funktioniert.

Ralf Hage Insolvenzverwalter

Das Unternehmen hatte erst einmal gute Voraussetzungen, um einen Käufer zu finden: tolles Know How, einen umfangreichen Maschinenpark, gut ausgebildete Fachkräfte sowie top Referenzen. Auch die Gesellschafter stimmten zunächst einem Verkauf zu. "Wir unterstützen euch, wir haben es 17 Jahre lang getan. Wir haben in den vergangenen Jahren auch größere Verluste ausgeglichen. Wir wollen aber Niesky aus dem Portfolio raus haben. Die Produktionshalle würden wir deshalb mit verkaufen." So oder so ähnlich äußerten sich die Gesellschafter, erinnert sich heute Insolvenzverwalter Ralf Hage.

Produktionshalle verhindert die Rettung

Der Knackpunkt für den Verkauf der Stahl- und Brückenbau GmbH ist die Produktionshalle. Diese gehört nicht dem Unternehmen in Niesky. Eigentümer ist statt dessen der Gesellschafter, die DFA-Industriemontagen GmbH Meerane. Diese wiederum gehört zum weltweit agierenden Stahlkonzern, der DSD Steel Group GmbH in Saarlouis. Teil des Konzerns ist auch die DSD Brückenbau GmbH in Berlin mit einem Firmenprofil, welches mit Niesky vergleichbar ist.

Die Zahlungsunfähigkeit hat den Stahl- und Brückenbau in Niesky leck geschlagen und das Finanzloch lässt sich nicht mehr stopfen. Auftraggeber stornierten, weil langfristige Sicherheiten fehlten. Die üblichen Bürgschaften für Bauvorhaben kann ein insolventes Unternehmen weder zusagen noch leisten. Dann steuerten auch noch Ende Oktober die Gesellschafter um: Die Produktionshalle wird nicht mit verkauft.

Blick in die Produktionshalle.
Ein Blick in die Produktionshalle vom Stahl- und Brückenbau in Niesky. Bildrechte: André Schulze

Die Halle wird an keinen Mitwettbewerber verkauft und auch an keinen, der zum Mitwettbewerber werden könnte. Das war die Vorgabe aus der Konzernzentrale für mich und damit auch das Aus für Niesky. Ein Stahlbauunternehmen ohne Produktionshalle ist unverkäuflich.

Ralf Hage Insolvenzverwalter

Der Eigentümer opfert seinen eigenen Betrieb, um durch den möglichen Verkauf die Konkurrenz nicht zu stärken. "Das können die Mitarbeiter in Niesky wohl kaum nachvollziehen, aber aus Sicht des Konzerns ist es verständlich und es ist sein gutes Recht", meint Insolvenzverwalter Ralf Hage. "Zumal, wenn der Konzern weitere Betriebe mit dem gleichen Profil besitzt. Das nennt man Marktbereinigung oder schlichtweg Kapitalimus", fasst der Zwangsverwalter das Drama in Niesky kurz zusammen.

Drei Männer vor Konstruktionsunterlagen, im Hintergrund Brückenteil.
Ab Ende Januar wahrscheinlich Geschichte: Stahl- und Brückenbauer in Niesky! Bildrechte: André Schulze

Transfer-Gesellschaft bei Mitarbeitern wenig beliebt

Keine Bürgschaften, keine Aufträge, keine Produktionshalle, keine Investoren und damit keine Lösung - deshalb arbeiten Insolvenzverwalter, Geschäftsführung und Betriebsrat jetzt an einem Interessenausgleich sowie an einem Sozialplan für die rund 120 Mitarbeiter. Ende Januar sollen die Tore endgültig geschlossen werden, nachdem die letzten Aufträge abgearbeitet sind.

Der Insolvenzverwalter möchte die Mitarbeiter zunächst in einer sogenannten Transfer-Gesellschaft unterbringen: "Das sei soziale Marktwirtschaft!" Damit ist er aber bei der Belegschaft bislang auf wenig Gegenliebe gestoßen. Transfer-Gesellschaften haben in der Oberlausitz seit der Abwicklung zahlreicher Betriebe in der Nachwendezeit keinen guten Ruf. "Mit den damaligen haben die heutigen Transfer-Gesellschaften nichts mehr zu tun", wirbt der Insolvenzverwalter für seine Idee.

Es wird heutzutage in der Transfer-Gesellschaft nicht mehr Schach mit den Leuten gespielt, sondern jeder einzelne Mitarbeiter wird genau analysiert, um für ihn einen passenden neuen Arbeitsplatz zu finden.

Ralf Hage Insolvenzverwalter

Um die Mitarbeiter in der Transfer-Gesellschaft unterbringen zu können, ist viel Geld notwendig. Deshalb ist ihre Finanzierung noch nicht gesichert.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Möglicherweise überlebt auch dieses Mal der Stahl- und Brückenbau das Drama. Für das Unternehmen gibt es noch immer zwei ernsthafte Interessenten. Zudem existiert auch noch eine schriftliche Absichtserklärung des Gesellschafters, den Betrieb in Niesky mit einer verringerten Belegschaft weiterführen zu wollen. Ein weiteres Trostpflaster für die Belegschaft: In der Oberlausitz sind gute Fachkräfte begehrt.

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 03.12.2019 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2019, 10:23 Uhr

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