Amtseinführung des Görlitzer Oberbürgermeisters Octavian Ursu
Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

24.08.2019 | 18:03 Uhr Bei Fassbrause und Häppchen: OB Octavian Ursu geht mit Görlitzern auf Tuchfühlung

Der neue Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu hat nach seiner Vereidigung zum Empfang auf die grüne Wiese eingeladen. Damit suchte er die Nähe zu den Bürgern. Die hielten sich vorsichtig am Rande auf.

Amtseinführung des Görlitzer Oberbürgermeisters Octavian Ursu
Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Mit weißen Decken drapierte Stehtische sind auf der Wiese vor dem Kaisertrutz aufgebaut, auch eine kleine Bühne steht da. "Ist hier eine Hochzeit?", wundert sich eine Dame aus einer vorbeilaufenden Reisegruppe. Daneben getippt. Am Sonnabendvormittag hat Görlitz' neuer Oberbürgermeister Octavian Ursu seinen Amtseid geschworen und als oberster Würdenträger der Stadt die Amtskette erhalten.

Anfang August hat Ursu den Job als Bürgermeister in Nachfolge von Siegfried Deinege aufgenommen. Drei Wochen später nun die offizielle Amtseinführung. Im gut gefüllten Gerhart-Hauptmann-Theater verfolgen Politiker, Bürgermeister diverser Nachbarorte und Partnerstädte sowie weitere zahlreiche Ehrengäste, wie die jüngste Stadträtin und frühere Konkurrentin um das OB-Amt, Jana Lübeck, Ursu die breite Kette umlegt.

Amtseinführung des Görlitzer Oberbürgermeisters Octavian Ursu
Jana Lübeck nimmt dem Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu den Amtseid ab. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

"Seit 30 Jahren bin ich Bürger dieser Stadt, ich komme aus der Mitte und werde in der Mitte bleiben", sagt Ursu mit weichem Akzent in seiner Antrittsrede. Der gebürtige Rumäne nennt die Schwerpunkte der kommenden Jahre: die Stärkung der Wirtschaft, mehr Ordnung und Sicherheit, eine moderne Straßenbahn sowie begonnene Vorhaben wie etwa die Entwicklung des Berzdorfer Sees weiterzutreiben. Der 51-Jährige sieht sich als Teamplayer: "Die Bürgerbeteiligung ist mir wichtig. Aber ich bitte auch um Geduld, viele Vorhaben werden Zeit brauchen." An die Skeptiker appelliert Ursu, nicht alles in Frage zu stellen: "Lassen Sie uns gemeinsam mit mehr Bürgerstolz, Zuversicht, Kreativität und Mut unsere Europastadt Görlitz voranbringen", lautet sein Schlusssatz.

Fassbrause, Bier und Häppchen

Als erstes Zeichen eines Mannes aus der Mitte lädt Octavian Ursu direkt nach dem Festakt zum Bürgerempfang auf der Wiese am Kaisertrutz ein. Eilig läuft er zur Bühne und spricht dort noch einmal seine Einladung aus. Dann spielt die Band, es gibt Fassbrause, Bier und Häppchen. Eine Frau sitzt mit ihren beiden kleinen Kindern auf einer Bank am Rand und beobachtet den Trubel. "Sympathisch finde ich ihn", meint sie zum neuen OB. Für die erst kürzlich Hierhergezogene ist Görlitz eine, wie sie ganz herzlich ausspricht, "wunderbare Stadt". Die Ausländerfeindlichkeit störe sie allerdings, mit diesen üblichen Sprüchen, dass Ausländer die Arbeit wegnehmen und so.

ein älterer Herr lächelt in die Kamera
Das Allerwichtigste sind Arbeitsplätze, so der Appell von Lothar Hoffmann an den neuen OB. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

"Das Allerwichtigste sind Arbeitsplätze in der Industrie, da haben wir ein Problem hier in Görlitz. Nur der Tourismus, reißt es auch nicht raus", sagt der Stadtführer Lothar Hoffmann. Für ihn ist der Ort des Bürgerempfangs heute zufällig der Treffpunkt mit seiner nächsten Reisegruppe. Der 65-Jährige hat den Wahlkampf um die Nachfolge des alten OB mitverfolgt. Neben Octavian Ursu von der CDU und Jana Lübeck von den Linken strebten die Grünen-Politikerin Franziska Schubert und Sebastian Wippel von der AfD nach dem Posten. Ursu sei von allen Kandidaten derjenige, der sich am meisten in der Politik auskennt, findet Hoffmann. "Besonnen ist er auch. Ich denke mal, wenn er Unterstützung hat, müsste es einen guten Weg gehen."

Zwischen Verschwörungstheorie und Politikverdrossenheit

"Ich hätte gern den Sebastian Wippel als Bürgermeister gehabt", sagt eine Görlitzerin, die der Musik zuhört. "Die Wahl, das war nicht ganz ohne Gemauschel von der anderen Seite und deswegen fand ich es nicht korrekt", fügt sie hinzu. Damit bezieht sie sich auf die Entscheidung von Grünen und Linken, die im zweiten Wahlgang ihre Kandidaten zurückgezogen hatten. Dadurch bekam Ursu Stimmen hinzu und konnte den AfD-Kandidaten, der in der ersten Runde noch vorn lag, überholen. Die Görlitzerin verspricht sich vom neuen OB wenig, sie sei auf der anderen Seite. Für sie ist klar, dass da ganz oben politische Geheimmächte am Werk sind. Die Flüchtlingswelle 2015, dahinter stecke die neue Weltordnung der Freimaurer. Das deutsche Volk solle ausgetauscht werden.

ein älterer Herr sitzt auf einer Parkbank und schaut aus dem Bild
Michael Schreiter stört es, wie die Gebäude in der Stadt verfallen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Während die Frau ein komplexes Verschwörungsszenario ausrollt, genießt einige Meter weiter der Görlitzer Michael Schreiter mit einem Kumpel den Moment. Dass die Musik am Platz nicht zum Altstadtfest gehört, sondern zum Bürgerempfang, war ihm nicht bewusst. "Also für Politik habe ich nichts übrig", sagt der 63-Jährige. Jeder wolle an die Macht, hoch auf das Treppchen, damit befasse er sich nicht und davon halte er nichts. "Ich gehe auch nicht wählen", so Schreiter, der von der OB-Wahl gar nichts mitbekommen habe. Aber in Görlitz gibt es einiges zu tun, so der Mann. Die vielen verfallenen Häuser in der Stadt, da müsse dringend was gemacht werden.

Görlitzer Bürger halten sich eher am Rande des Geschehens auf, während sich Octavian Ursu am politischen Who-is-who der Region abarbeitet und die vielen persönlichen Glückwünsche entgegennimmt. Für Gespräche in der Mitte bleibt da keine Zeit. Trotzdem war es Ursu wichtig, jenseits der Veranstaltung mit geladenen Gästen diesen Empfang zu geben: "Ich wollte, dass wir rausgehen, dass wir im öffentlichen Raum sind und jeder vorbeikommen kann, der es gerne möchte und da freue ich mich, dass das Wetter auch mitmacht."

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 24.08.2019 | 11 Uhr in den Nachrichten

Zuletzt aktualisiert: 24. August 2019, 18:02 Uhr

9 Kommentare

Fuerst Myschkin vor 11 Wochen

Mit Speck fängt man Mäuse. Bei den Görlitzern muss es aber schon was Besseres , nämlich Häppchen und Fassbrause sein. Na dann guten Appetit und möge es Euch nur bekommen. Apropos ich würde keinen Bissen herunter bekommen, nach so einer verpassten Chance. Na dann halt viel Spaß beim Weiterso. Vielleicht spielt der OB Euch noch ein Ständchen auf der Trompete beim Empfang? Wäre doch volksverbundener, als die ewigen Reden. In Herrn Lothar Hoffmann (s.Artikel) scheint der Herr Ursu auch schon seinen grössten Fan gefunden zu haben. Kleiner Tipp Herr Hoffmann, bei den Vorschusslorbeeren nicht so dicke auftragen. Man sollte den Herrn Musiker, von der CDU, erstmal mal was leisten lassen. Kompetenz ist, entgegen ihrer Annahme, nicht an ein CDU Parteibuch gebunden. Herrn Michael Schreiter (s. Artikel) empfehle ich, nach der Amtzeit von Herrn Ursu zu schauen, wie viel der verfallenen Häuser renoviert wurden. Vielleicht geschieht ja ein Wunder. Weiss mans?

DER Beobachter vor 11 Wochen

Liebes MDR-Team,

ich bezog mich auf Ihr Thema des heute vereidigten neu eingeführten Görlitzer OB und konkret auf den von Ihnen freigeschalteten Kommentar und in diesem auf konkrete bedenkliche und bedenkenswerte jüngere sächsische Erfahrungen...

DER Beobachter vor 11 Wochen

Normalerweise müsste man sich in unserem schönen wertkonservativen Sachsen zur Einführung eines zumal CDU-nahen OBs wagen können, zumal in Görlitz. Das nicht zu wagen oder zu wollen, ist für mich ein sehr bedenkliches Zeichen...

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