31.05.2020 | 08:00 Uhr Kaum regionale Forschung: Weiße Seiten im Geschichtsbuch von Sachsen

Es ist kaum zu glauben, aber das Geschichtsbuch von Sachsen enthält noch viele leere Seiten. Vor allem, wenn es um regionale Themen geht. Um diese Lücken zu füllen, fehlt vielen Museen in der Provinz nicht nur das Geld, sondern auch die Kapazität. Sachsens Hochschulen und Universitäten könnten helfen, beispielsweise mit der Vergabe von Abschlussarbeiten.

Ein historisches Buch, aus dem Seiten herausgetrennt wurden.
Im Buch der Geschichte Sachsens sind noch nicht alle Seiten beschrieben. (Symbolbild) Bildrechte: Polizei Harz

Was mit sächsischen Hochschulen oder Universitäten eher die Ausnahme ist, funktioniert immer wieder mit der tschechischen Karlsuniversität in Prag: Gemeinsam mit den Städtischen Museen in Zittau werden weiße Blätter in Sachsens Geschichtsbuch getilgt. Das Ergebnis ist ein dicker Wälzer mit mehr als 1.000 Seiten: "Die Zittauer und ihre Kirchen (1300 - 1600)" von Petr Hrachovec. Das Buch ist vor wenigen Tagen erschienen.

Buchcover
Der Band "Die Zittauer und ihre Kirchen (1300 - 1600)" ist ein wissenschaftliches Werk zur Geschichte der Zittauer Kirchen. Er ist in der Reihe "Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde" des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde
erschienen.
Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Das ist für uns ganz großartig, denn da werden ganz viele wichtige Themen um die Zittauer Geschichte abgehandelt. Petr Hrachovec hat wahrscheinlich als einer der Ersten auch alle tschechischen Quellen zu einem Zittauer Thema genutzt und deshalb ist das auch ein Quantensprung.

Peter Knüvener Zittau Museumsdirektor

Der Tscheche Petr Hrachovec hat zum Wandel religiöser Stiftungen während der Reformation in Zittau geforscht und mithilfe des sächsischen Themas in Prag promoviert. "Ein Glücksfall für die regionale Aufarbeitung der Geschichte", meint Peter Knüvener als Chef der Städtischen Museen in Zittau. "Leider geschieht so etwas viel zu selten."

Grufthäuser mit Erbgräbern
Die Kirchen und ihre Stiftungen gelten nunmehr als erforscht. Die Grufthäuser dagegen harren noch ihrer wissenschaftlichen Aufarbeitung. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Leere Seiten im Geschichtsbuch

Das Geschichtsbuch von Sachsen hat noch weitere weiße Seiten. Selbst historisch bedeutende Ereignisse, wie die Erstbesteigung des Mont Blanc 1786 als höchsten Berg Europas, sind aus sächsischer Sicht noch nicht in allen Farcetten erforscht. Unbeachtet und unausgewertet liegen die handgeschriebenen Tagebücher von Adolf Traugott von Gersdorff und Karl Andreas von Meyer zu Knonow in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften zu Görlitz. Die beiden Adligen aus Sachsen hatten damals die Erstbesteigung als Augenzeugen von einem benachbarten Berg mithilfe eines Fernglases beobachtet.

Bild des Mont Blanc, dem höchsten Berg Europas.
Die sächsischen Aufzeichnungen zur Erstbesteigung des Mont Blanc in Frankreich sind noch nicht wissenschaftlich ausgewertet. Sie liegen in Görlitz. Bildrechte: imago images/IP3press


Auch in Zittau warten noch zahlreiche handschriftliche Aufzeichnungen aus dem 18. Jahrhundert auf ihre wissenschaftliche Auswertung.

Es gibt alte Stadtchroniken oder Ratsprotokolle, da wissen wir noch gar nicht genau, was da drinsteht. Da geht es um überregionale Projekte, die auch für Sachsen von besonderer Bedeutung waren.

Peter Knüvener Zittau Museumsdirektor

"Zittau war nicht immer ein unbedeutendes Provinznest", meint der Zittauer Museumschef Peter Knüvener. Das werde heute immer wieder vergessen. Im 18. Jahrhundert war Zittau nach Leipzig der reichste Handelsort in Sachsen. Deshalb schufen und hinterließen renommierte Künstler aus ganz Europa ihre Werke im Zittauer Dreiländereck.

direktor Peter Knüvener vor Grufthaus
Für Museumsdirektor Peter Knüvener ist Zittau ein spannendes Betätigungsfeld. Viele Geheimnisse könnten hier noch gelüftet werden. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Jeder Rockzipfel wird Forschungsschwerpunkt

Die Universitäten und Hochschulen konzentrierten sich häufig auf die Geschichte an ihren Standorten. In Dresden beispielsweise auf den Hof von August dem Starken. Da werde der Rockzipfel jeder Mätresse von Historikern unter die Lupe genommen, lacht ein Mitarbeiter eines Görlitzer Museums, der damit natürlich nicht zitiert werden will. Obwohl Zittau viel Kraft in die Erforschung der Epitaphien gesteckt hat, sind noch viele Fragen offen.

Virtueller Rundgang Franziskanerkloster Zittau
Das Franziskanerkloster in Zittau können Besucher auch in einem virtuellen Rundgang erleben. Bildrechte: Städtische Museen Zittau/Matterport

Verschiedene Fachbereiche der Wissenschaft seien gefragt, um beispielsweise die Geheimnisse der wertvollen Grufthäuser im Klosterfriedhof in Zittau zu lösen. "Hier gäbe es noch viel zu tun", sagt Museumschef Peter Knüvener.

Hier sind Dinge geschaffen worden, die sich in allen Bereichen mit der Dresdner Hofkultur messen können und da wissen wir in den wenigsten Fällen, wer das gemacht hat.

Peter Knüvener Zittau Museumsdirektor

Derzeit laufen Sanierungsarbeiten an den Grufthäusern, darunter auch am Erbbegräbnis Besser (1696). Dort arbeitet derzeit die Denkmalpflege. Die Figur des Hermes als Führer der Seelen in die Unterwelt beschäftigt die Denkmalpfleger, nachdem winzige Farbreste gefunden worden sind. Möglicherweise stand die Figur vor einem gemalten Vorhang. Auch der Götterbote selbst könnte bemalt gewesen sein.

Hermesfigur in Grufthaus
Die Figur des Hermes wird derzeit von der Denkmalpflege für die Sanierung untersucht. Möglicherweise stand sie vor einem bemalten Hintergrund. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Ähnlich verhält es sich mit der Geschichte der NS-Diktatur. Für Sachsen im Allgemeinen und Dresden im Speziellen sei die von Wissenschaftlern aus Leipzig und Dresden umfangreich aufgearbeitet worden, bestätigt Knüvener. Wer aber Informationen zum ersten Konzentrationslager in Sachsen suche, der finde bei ihnen nur wenig.

Dieses sogenannte Schutzhaftlager entstand am 27. März 1933 im Kanitz-Kyawschen Schloss in Hainewalde. Die wenigen wissenschaftlichen Verweise dazu stammen vom United States Holocaust Memorial Museum in Washington. Die regionale Geschichtsforschung hat sich nach Knüveners Einschätzung bislang nicht dafür begeistern können.

Schloss Hainewalde
Im Schloss Hainewalde entstand das erste KZ in Sachsen. Die Geschichte des Lagers ist noch unerforscht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenig Interesse an provinziellen Themen

Die Zittauer versuchten bislang meist vergebens, Studenten oder Doktoranden für Themen in der Provinz zu begeistern. Entsprechende Fakultäten gibt es in Dresden, Chemnitz sowie in Leipzig. Die Hochschule Zittau/Görlitz leitet regionale Themen- und Forschungsangebote nicht nur an die Fachbereiche weiter, sondern macht sie öffentlich. "Dann können Studierende diese Themen für sich entdecken", sagt Hella Trillenberg aus dem Zittauer Büro des Rektors. Die TU Dresden verweist auf das umfangreiche Arbeitspensum ihrer Fachbereiche. "Vielleicht sei dadurch im Laufe der Zeit manche Verbindung zu den Museen eingeschlafen."

Klosterfriedhof in Zittau
Zittau bietet ein vielfältiges Bestätigungsfeld in allen Fachgebieten der Geschichte. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Regionale Forschungen fördern

Um Wissenschaftler und den wissenschaftlichen Nachwuchs mehr als bisher für regionale Forschungsthemen zu interessieren, müssten Geldgeber umdenken. "Statt Projekte in den Ballungsräumen zu fördern, müssten Stipendien zum Beispiel an Forschungsprojekte im ländlichen Raum geknüpft werden", regt der Zittauer Museumschef an. "Manchmal müsse man aber nur über den Tellerrand schauen, um neue Themen zu entdecken."

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 28.05.2020 | 07:30 Uhr in den Nachrichten aus der Region Bautzen

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