Gedenken an Pogromnacht Ortshistoriker erweckt jüdische Geschichte in Weißwasser wieder zum Leben

Die Pogromnacht wütete in Weißwasser am 10. November 1938. Der Ortshistoriker Werner Schubert hat die Geschehnisse von damals aufgearbeitet. Jahrelang recherchierte er in Archiven, hielt Kontakt zu jüdischen Nachfahren, deren Familien einst in der Glasmacherstadt lebten, und er befragte einheimische Zeitzeugen. Dabei hat er Menschen gefunden, die in dieser Zeit unglaublich viel Mut bewiesen haben.

Chanukka-Leuchter mit 5 brennenden Kerzen anlässlich des Chanukka-Festes der Jüdischen Gemeinde Thüringen in Erfurt.
Bildrechte: imago/fotokombinat

Um die Ereignisse von 1938 zu verstehen ist ein Blick auf die Zeit vor 1900 wichtig. Weißwasser war ein kleines Dorf mit rund 700 Einwohnern. Seinen rasanten wirtschaftlichen Aufstieg verdankte der Ort maßgeblich dem jüdischen Unternehmer Joseph Schweig. Schnell wurde Weißwasser größer und bald wohnten im Ort rund 11.000 Menschen. Elf Fabriken produzierten Glas für den europäischen Markt. Aber auch weltweit wurde exportiert. Zunehmend ließen sich auch Juden in Weißwasser nieder.

Jüdischer Unternehmer kaum bekannt

Joseph Schweig galt als liberaler Regionalpolitiker. Er gründete Vereine und förderte sie. Dabei setzte er oft auch privates Kapital ein. Schweig gilt unbestritten als der Begründer von Weißwasser. Werner Schubert stellte bei seinen Recherchen fest, dass der Name Joseph Schweig in der Gegenwart zwar bekannt war, aber niemand so richtig wusste, welche Rolle der Unternehmer spielte und welche politischen Richtungen er vertrat.

Da habe ich angefangen, mehr oder weniger wahllos, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Aber es weiß keiner von ihm. Er ist praktisch unbekannt.

Werner Schubert Ortshistoriker

Juden wanderten nach 1933 ab

Die Pogromnacht im November 1938 hat Werner Schubert besonders beschäftigt. Die Nacht stellte für Weißwasser das Ende einer langen Zäsur dar, die bereits nach dem Ersten Weltkrieg begann, die mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 noch tiefer wurde und einen traurigen Höhepunkt in der Pogromnacht erreichte.

Die Abwanderung der Weißwasseraner Juden setzte bereits nach dem Ersten Weltkrieg ein. Die jüdische Minderheit in der Glasmacherstadt umfasste gerade mal 50 Personen. Auch die Kinder und Enkel von Joseph Schweig, der 1923 starb, verließen die Stadt nach und nach. Sie emigrierten größtenteils ins Ausland. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebt in Weißwasser nur noch ein Jude.

 Zuflucht bei Weißwasseraner

Exemplarisch für die Pogromnacht 1938 ist das Schicksal der Familie Pese. Der Textilwarenhändler Max Pese war 1932 verstorben. Sein Grabstein steht noch heute auf dem Friedhof in Weißwasser. Seine Witwe Margarete Pese führte das Geschäft auf der heutigen Muskauer Straße weiter. Sonntags verköstigte sie auch bedürftige Weißwasseraner. Nach 1935 wurde sie im Zuge der NS-Gesetze aus ihrem Geschäft gedrängt. Auch ihre Wohnung musste sie verlassen. Für die jüdische Witwe und ihre behinderte Tochter Gerda begann eine schwere Zeit.

Historische Aufnahme von Weißwasser in den 1930er Jahren.
Auf der Muskauer Straße in Weißwasser hatte die jüdische Familie Pese ein Textilgeschäft. Bildrechte: MDR/Stephan Kloss

Nach den Recherchen von Werner Schubert fand Margarete Pese Zuflucht bei dem arbeitslosen Heizer August Scheffler. Der alleinerziehende Vater von drei Kindern machte in seinem kleinen Haus, das gerade mal 56 Quadratmeter Platz hatte, die Hälfte der Fläche frei. Die beiden Zimmer im Dachgeschoss durfte die Witwe mit ihrer Tochter beziehen. "Die Familie wollte niemand aufnehmen. Da hat mein Opa gesagt: Schluss aus, wir helfen der Familie", erzählt Gisela Richter, die Enkelin von August Scheffler. "Unten hat meine Opa geschlafen, im Nebenzimmer die drei Kinder und oben die Peses für sechs Jahre."

 Unterstützung auch aus der Nachbarschaft

Werner Schubert fand mit Hilfe von Zeitzeugen auch heraus, daß es aus der Nachbarschaft ebenfalls Unterstützung gab. In diesen dunklen NS-Zeiten lebten einige Weißwasseraner Solidarität für jüdische Mitbürger. Am 10. November 1938 stand eine SA-Schlägertruppe mittags vor dem Scheffler-Haus und wollte das Inventar von Margarete Pese zertrümmern. Scheffler, der in der Marine gedient hatte, stellt sich den Schlägern in den Weg.

Er hat zu den SA-Leute gesagt, ob sie sich nicht zu Tode schämen, einer Frau und ihrer behinderten Tochter so etwas anzutun. Dann haben sie den Opa mitgenommen, er wurde eingesperrt.

Gisela Richter Enkelin von August Scheffler

Deportation ins Vernichtungslager

Sechs Wochen saß August Scheffler im Stadtgefängnis von Weißwasser. 1942 wurden Margarete Pese und ihre Tochter Gerda in das Vernichtungslager Belzec deportiert. Werner Schubert geht davon aus, dass nur dieses Lager in Betracht kommen kann. Magarete Pese schrieb noch aus Breslau verzweifelt eine Postkarte an August Scheffler: "Die wollen mir meine Tochter Gerda wegnehmen. Das überlebe ich nicht." So habe ihr ihre Mutter den Inhalt der Postkarte mündlich übermittelt, erzählt Gisela Richter, als wir in ihrem Wohnzimmer in Weißwasser sitzen. Ihr Ehemann sitzt neben ihr. "Danach hat man nichts mehr gehört. Nie wieder", fügt sie hinzu. Es ist deutlich zu spüren, dass die Geschehnisse von damals Gisela Richter noch immer berühren. Dem Thema Gerechtigkeit ist sie ein Leben lang verbunden geblieben, sie arbeitete als Rechtspflegerin.

Hohe jüdische Auszeichnung für Werner Schubert

Per Skype treffen wir in Israel Ingrid Kellermann-Kluger. Sie lebt in Haifa und ist Enkelin von Joseph Schweig, des Begründers der Glasindustrie in Weißwasser.

Werner Schubert hat eine fantastische Sache gemacht, dass er die Geschichte der Juden in Weißwasser wieder zum Leben erweckt hat. Ich habe viel über meinen Großvater gelernt.

Ingrid Kellermann-Klugler Enkelin von Joseph Schweig

Die 91-Jährige war es auch, die gemeinsam mit anderen Nachkommen von Joseph Schweig den Ortshistoriker Werner Schubert für den Obermayer German Jewish History Award vorgeschlagen hat. Der Preis ist eine der höchsten jüdischen Auszeichnungen. Sie wird Nicht-Juden verliehen, die einen Beitrag zur Bewahrung des Gedenkens der jüdischen Vergangenheit geleistet haben.

An seinem Buch „Beiträge zur Geschichte der Juden in Weißwasser - Eine bedeutsame Episode zwischen 1881 und 1945“ schrieb Werner Schubert über 10 Jahre. Darin sind die jüdische Vergangenheit von Weißwasser und die Ereignisse von November 1938 umfangreich und lesenswert erfasst.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 09.11.2020 | 19:00 Uhr

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