05.07.2019 | 14:06 Uhr Camping hinterm Gartenzaun: Oberlausitzer erfinden das Zeltsurfen

Zu Fuß, mit dem Rad, im Auto oder Wohnmobil ganz individuell reisen und Land und Leute kennenlernen - das liegt im Trend. Reizvolle Touren wie Pilgerstrecken, Flussradwege oder Fernwanderrouten gibt es ja in Deutschland genug. Bei der Übernachtung allerdings endet die Freiheit. Denn bis auf wenige Ausnahmen ist das spontane Zelten im Freien in Deutschland verboten. In Skandinavien gibt es dagegen das Jedermannsrecht. Das besagt unter anderem, dass man überall im freien Gelände für eine Nacht kostenlos sein Zelt aufschlagen darf, wie Anne-Sophie Hußler erklärt. "Wir haben überlegt, wie wir das hier etablieren können."

Zum Wildcampen bin ich zu feige.

Anne-Sophie Hußler

Da sich Gesetze nicht mal schnell ändern, hat die 30-Jährige mit ihrem Partner Patrick Pirl vor einem Jahr die Internetplattform "1Nite Tent" zum Zeltsurfen gestartet. "Wir hatten relativ fix das Modell des Couchsurfens vor Augen, also dass Leute ihre Zimmer oder Wohnungen mit Menschen teilen, die auf der Reise sind", erklärt Pirl. Bei "1Nite Tent" stellt man nun nicht seine Schlafcouch, sondern sein Stückchen Wiese für eine kostenlose Campingnacht zur Verfügung. Und das, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Einzige Bedingung für den Reisenden sei, dass er den Platz so wieder verlässt, wie er ihn vorgefunden hat, betont der 32-Jährige.

Wenn man beim Couchsurfen Menschen für eine Nacht in seine vier Wände lässt, dann ist es bestimmt ein geringeres Problem, jemanden in seinem Garten für eine Nacht zelten zu lassen.

Patrick Pirl

Bisher wurde die Idee über Mundpropaganda weitergetragen und tatsächlich gibt es genau ein Jahr später bereits bundesweit 86 Wiesenstücke für Zeltsurfer, 16 davon in der Oberlausitz. Klickt man auf die Pins in der Karte bekommt man ein paar Infos zum Grundstück und den Gastgebern. Auch gibt es Telefonnummern oder Email-Adressen für einen ersten Kontakt vorab, der in der Regel auch gewünscht wird. Dass man mit der Plattform eine Konkurrenz zu herkömmlichen Campingplätzen schafft, glaubt Hußler nicht. Denn wer auf "1Nite Tent" nach Schlafplätzen sucht, muss sich durchaus auch mal mit einer Holzspint-Biotoilette, einem Plumpsklo oder einer Gartendusche arrangieren.

Ausgezeichnete Idee

Beim Tourismus-Ideenwettbewerb "So geht sächsisch." wurde das Projekt von Pirl und Hußler vor wenigen Tagen mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Das darin inbegriffene Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro will das Paar, das in Kringelsdorf lebt, nun unbedingt in die Weiterentwicklung der Plattform stecken. So soll das Zeltsurfen für die Anbieter sicherer gemacht werden, erklärt Pirl. Eine Login-Funktion wäre denkbar. Auch soll die Karte weiter mit kostenlosen Zeltgelegenheiten gefüllt und vielleicht auf Europa ausgeweitet werden. Außerhalb Deutschlands gibt es bisher nur drei Plätze - in Frankreich nahe bei Montpellier, im polnischen Łódź und bei Baranawitschy in Weißrussland.

Feedbacks wie und ob das Zeltsurfen funktioniert, trudeln inzwischen auch bei Pirl und Hußler ein. Jetzt im Sommer wollen die beiden Oberlausitzer ihr Campingnetzwerk selbst probieren. Zehn Tage lang werden sie mit der Bahn quer durch Deutschland reisen und im Blog von ihren Nächten hinterm Gartenzaun berichten. "Wir hatten es letztes Jahr angetestet und sind von Kringelsdorf nach Neuliebel gelaufen. Dort wurden wir gleich zum Abendbrot eingeladen und haben bis in die Nacht über Gott und die Welt gequatscht", schwärmt der Kringelsdorfer.

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 05.07.2019 | 15:40 Uhr im Programm

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