Schafe der Naturschutzstation Östliche Oberlausitz auf der Weide.
Schafe und Ziegen auf der Weide. Eine weiße Litze erhöht optisch den Elektrozaun und soll den Wolf vom Überspringen abhalten. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

08.10.2019 | 16:16 Uhr Schafe im Rudelgebiet: Ein Jahr nach dem großen Wolfsriss bei Förstgen

Der Naturschutzverein "Östliche Oberlausitz" beweidet mit Schafen und Ziegen Biotope im Daubaner Wald. Dort lebt auch ein Wolfsrudel. Zweimal kam es zu großen Übergriffen. Die tierische Landschaftspflege soll aber erhalten bleiben.

Schafe der Naturschutzstation Östliche Oberlausitz auf der Weide.
Schafe und Ziegen auf der Weide. Eine weiße Litze erhöht optisch den Elektrozaun und soll den Wolf vom Überspringen abhalten. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Ein lauter Pfiff hallt über die Koppel an einem kleinen Teich von Ruhetal im Biosphärenreservat der Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft. Rund 100 Schafe und drei Dutzend Ziegen heben ihre Köpfe aus der stoppeligen Grasdecke, antworten mit einem kollektiven Meckern und setzen sich in Bewegung. Im Pulk traben sie zum Chef, ihrem Schäfermeister Felix Wagner. Voran laufen die frechen, braun-weiß gefleckten Burenziegen, die wollig-weißen Moorschnucken sammeln sich dahinter.

Schafe der Naturschutzstation Östliche Oberlausitz auf der Weide.
Schäfer Felix Wagner wird von einem Burenziegenbock auf der Weide begrüßt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Etwa drei Monate hatte Felix Wagner die Herde in diesem Sommer gehütet. Seine Kommandos sind die Tiere dadurch gewöhnt. Denn wenn sie nicht beim Pfeifen oder Rufen gekommen waren, war der Hütehund unterwegs und hatte die Herde zusammengetrieben. "Das versuchen die Tiere natürlich zu vermeiden", erklärt der 24-Jährige.

Um insgesamt vier Herden mit mehr als 600 Schafen und Ziegen kümmert sich der Schäfer. Der Großteil weidet in Koppeln auf kleinen Naturschutzflächen, viele Wiesen liegen im und rund um den Daubaner Wald. Die Tiere gehören zur Naturschutzstation "Östliche Oberlausitz" und befinden sich von Frühjahr bis Herbst Tag und Nacht im Freien. Ist ein Fleckchen abgegrast, rücken die Elektrozäune der Koppeln Stück für Stück weiter. Das Brisante: Der Daubaner Wald ist von Wölfen besiedelt.

Die Moorschnucken sind sehr genügsam und eignen sich hervorragend für die Landschaftspflege. Was Besseres gibt es nicht.

Annett Hertweck Leiterin Naturschutzstation "Östliche Oberlausitz"

Über viele Jahre gab es kaum Probleme mit dem Raubtier. Aber im Dezember 2017 verlor die Naturschutzstation bei einem Wolfsübergriff auf einem Schlag fast 30 Schafe. Dann folgte am 9. Oktober 2018 ein zweiter massiver Übergriff, der eine Herde fast um die Hälfte dezimierte. Wölfe waren in der Nacht auf die umzäunte Koppel gelangt, rissen Tier um Tier. Der Schäfermeister kann sich gut daran erinnern, als früh Anrufe von Anwohnern kamen, die von herumirrenden Schafen berichteten.

"Wir sind gleich in den Daubaner Wald gefahren und uns kamen vereinzelt Schafe entgegen", erzählt Wagner. Als ihm Schafe mit Verletzungen am Hals zuliefen, war der Täter klar. An der Koppel angelangt, bot sich dem Schäfer eine blutige Szene. "Vor unseren Augen hatte noch ein Wolf Schafe zu Boden gerissen und an ihnen geschüttelt. Er war so richtig in Rage, die Tiere tot zu machen."

Der Verlust durch die Wolfsattacke im vergangenen Jahr sei schmerzlich hoch gewesen, berichtet Annett Hertweck, Leiterin der Naturschutzstation: 56 Kadaver, 19 verletzte und 16 vermisste Schafe und Ziegen. Aufgeben will die 44-Jährige die Beweidung im Wolfsland aber nicht. Denn die Schafe haben im Biosphärenreservat seit Anfang der 1990er Jahre eine wichtige Aufgabe. Sie sollen auf den feuchten Wiesen das Gras und Sprößlinge abfressen, dort wo Traktoren einsinken würden, um so die Biotope vor dem Zuwuchern zu schützen.

Die Schafe werden zur Landschaftspflege eingesetzt. Sie zerstören das Bodengefüge nicht, sie gehen bloß drüber und fressen das ganze Gras runter. Dadurch will man verschiedenen Pflanzen, die unter Naturschutz stehen, den Aufwuchs ermöglichen.

Felix Wagner Schäfer
Schafe der Naturschutzstation Östliche Oberlausitz auf der Weide.
Schafe und Ziegen der Naturschutzstation auf einer Feuchtwiese bei Ruhetal. Der Zaun ist neu und 1,40 Meter hoch. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Also gilt es für Annett Hertweck, die Schafe und Ziegen optimal zu schützen. Nach dem Wolfsriss vor einem Jahr wurden über die 1,10 Meter hohen Elektrozaunnetze zusätzlich Breitbandlitzen gespannt. Das soll den Wolf vom Überspringen der Netze abhalten, weil sie sehr hoch wirken. Eine Koppel hat seit diesem Jahr neu 1,40 Meter hohe Herdenschutzzäune. Der Naturschutzverein konnte sie sich anschaffen, weil sie vollständig über EU-Fördergelder zur Wolfsprävention finanziert werden.

Tagsüber kontrollieren die Schäfer regelmäßig die Herden und prüfen, ob Strom an den Elektrodrähten der Zäune anliegt. In der Nacht stehen die Tiere jedoch allein.

Schafe der Naturschutzstation Östliche Oberlausitz auf der Weide.
Annett Hertweck von der Naturschutzstation "Östliche Oberlausitz" vor einem Nachtpferch bei den Tauerwiesen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Sogenannte Nachtpferche wären für Hertweck eine Lösung. Das sind extra gesicherte Gehege, mit 1,80 Meter hoher Umzäunung, Untergrab- und Übersprungschutz, in die die Tiere über Nacht untergebracht werden. Einen Nachtpferch hat die Naturschutzstation bereits bei Bärwalde, einen bei den Tauerwiesen. Man bräuchte aber mehr. "Wir haben 160 Teilflächen in Pflege, hauptsächlich im Daubaner Wald, wo auch das Daubaner Rudel wohnt. Und da wären Nachtpferche für die Sicherheit der Schafe schon gut", so Hertweck.

Etwa 20 Nachtpferche müsste man über das Gelände verteilen. Der Weg von den Wiesen zu den Übernachtungsplätzen wäre für die Tiere sonst zu weit. Nur kann der Verein die Pferche nicht bezahlen und es gibt auch keine Wolfpräventionsgelder für diese Art des Herdenschutzes.

Hertwick hofft, die Pferche über eine Art Pilotprojekt finanzieren zu können. Hierzu befinde man sich in Gesprächen, unter anderem mit dem Flächeneigentümer, der Bundesstiftung Naturerbe, und dem Bundesforst. "Wir wollen nicht aufgeben. Man kann ja nicht sagen, damit es keine Konflikte gibt, verzichten wir auf die Schafe. Nein, wir wollen einen optimalen Schutz für die Schafe, damit die Biotoppflege durchgeführt werden kann."

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 08.10.2019 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 08. Oktober 2019, 16:16 Uhr

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