Interview mit Bürgermeisterin Barbara Lüke "Pulsnitz kann letztlich überall passieren"

Aus einer Kleinstadt in der Oberlausitz ist vor einem Jahr ein Mädchen weggelaufen, mutmaßlich um sich der Terrororganisation Islamischer Staat anzuschließen. Nun gibt es Hinweise, dass sie im Irak aufgegriffen wurde. MDR SACHSEN sprach dazu mit Pulsnitz` Bürgermeisterin Barbara Lüke.

Neue Bürgermeisterin von Pulsnitz, Barbara Lüke
Bildrechte: Barbara Lüke

Frau Lüke, als Sie gehört haben, dass das Mädchen vielleicht wieder aufgetaucht ist, was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?

"Zunächst mal natürlich Erleichterung und die Frage, was sie wohl alles erlebt hat und wie das ihr weiteres Leben bestimmen wird."

Was wurde Ihnen vor einem Jahr bewusst, als das Mädchen verschwand?

"Dass es durch das Internet keine Gegenden mehr gibt, in denen nicht alles möglich ist. Wir leben in einem Ort, in dem es keine Flüchtlinge oder islamische Glaubensbezeugungen gibt. Das Mädchen wurde durch das Internet radikalisiert. Diese Gefahr darf nicht unterschätzt werden."

Wie hat Sie der Fall weiter begleitet?

"Ich habe mich gefragt, welche Möglichkeiten wir eigentlich haben, zu reagieren, wenn Signale von Kindern oder Eltern gesendet werden, dass sie Hilfe brauchen. Ich denke, es ist wichtig, dass wir eine zentrale Krisennotrufnummer brauchen, wo Eltern sich hinwenden können, wenn sie mit Veränderungen ihrer Kinder nicht zurechtkommen und wo Kinder sich hinwenden können. Wir brauchen so etwas wie eine 110 oder 112 , meinetwegen eine 114. Da haben wir ein großes Defizit an Strukturen. Dass in einem Ort, in dem eigentlich nichts darauf hindeutet, sich ein Kind radikalisieren kann, zeigt, dass Pulsnitz letztlich überall passieren kann."

Wo liegt insbesondere für ihre Stadt das Problem?

"Wir haben als Stadt unserer Größenordnung kein eigenes Jugend- und Sozialamt. Wir sind auf das Kinder- und Jugendnetzwerk angewiesen, das der Landkreis zur Verfügung stellt und dort sind solche Fälle nicht vorgesehen. Wir brauchen beispielsweise dringend eine Schulsozialarbeit, die durchaus auch schon in der Grundschule ansetzen kann."

Können Sie da als Stadt nichts tun?

"Wir könnten uns freiwillig an einer solchen Maßnahme beteiligen. Wenn wir ein großes Budget hätten, würden wir einen Teil der Schulpsychologen und psychologischen Beratungsstellen mit anbieten. Unser Problem ist, dass wir als Kommune Pflichtaufgaben haben, die wir zunächst erfüllen müssen. Die freiwilligen Sachen können finanzstarke Kommunen machen, Pulsnitz ist aber nicht finanzstark. Und man muss natürlich sagen, hier gibt es Zuständigkeiten. Wir würden in die Kompetenzen anderer eingreifen."

Wenn das Mädchen zurückkommt, wie geht es dann weiter?

"Das ist in meinem Amt eine hypothetische Frage. Die Bürgermeisterin ist die letzte, die in den privaten Bereich der Familie eingreifen sollte. Aber ich denke, es ist wichtig, dass man zunächst schaut, wie es dem Mädchen geht. Und wenn sie möchte, sollten wir sie unterstützen, ihr Raum geben, ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Es wird ohnehin nicht so sein, dass sie gleich nach Pulsnitz zurückkommt, als wenn vorher nichts gewesen wäre. Es gibt einen ganzen Rattenschwanz an Ermittlungen. Da müssen wir erst einmal abwarten."

Welche Lehre ziehen Sie aus dem Fall?

"Der nächste kann schon vorm Computer sitzen und ähnliches wie das Mädchen vorbereiten. Wir wissen es nicht. Diese Gefühl: Wir ziehen uns zurück, alles ist sicher und uns kann nichts passieren – von diesem Gefühl müssen wir uns verabschieden. Wir sind alle füreinander mitverantwortlich, sollten aufeinander achten und nicht nur unseren eigenen kleinen Quadratmeter betrachten, auf dem wir stehen. "

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio und Fernsehen: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 18.07.2017 | 16:00 Uhr in den Nachrichten
MDR SACHSENSPIEGEL | 18.07.2017| 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juli 2017, 17:51 Uhr

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13 Kommentare

19.07.2017 23:55 Mediator an HERBERT (12) 13

Na klar, Kinder müssen im Prinzip funktionieren wie Erwachsene und die Lebenserfahrung in ihre Entscheidungen einfliesen lassen, die ein Erwachsener mit Mitte 30 i.d.r hat.

Kinder sind aber keine Erwachsenen und wenn es dumm läuft, dann geht eben alles schief was schiefgehen kann. Viele Eltern reiben sich dann verwundert die Augen, wenn sie feststellen, dass trotz einer vernünftigen Erziehung das Kind in den Einflussbereich von Drogen, falschen Freunden oder extremistischen Rattenfängern geraten ist.

PS: Was das Mädchen getan und erlebt hat, dass kann wohl keiner von uns hier aktuell beurteilen!

19.07.2017 21:24 HERBERT WALLASCH, Pirna 12

An @6 - Mediator - Diese Leute sind weder durch Alter, geistige Reife oder Fremdbeeinflussung zu entschuldigen. Muß sie nicht persönlich kennen, kann sie auch verstehen, muß und will es aber nicht akzeptieren. Verständnis könnte man noch für die Leute haben, die im Orjent erzogen wurden, nach anderen moralischen Wertvorstellungen. Aber nicht für diejenigen die mit westlichen Moralvorstellungen aufgewachsen sind und wissen müßten was Gut und Böse ist. Auch eine 16 Jährige mußte da sicherlich ihren festen Glauben beweißen, nicht nur mit Worten, sondern mit Taten, auch Unmenschlichen, zumindestens mit dabeisein. Die Rückkehrer mußten sich alle vorher beweißen, auch aufs Schlimmste um ihren festen Glauben zu dokumentieren. Es wird alles verharmlost und Verständnis für alles und jeden geheuchelt, z.Bsp. die Anerkennung als Taliban durch die Behörden und, und, ... .

19.07.2017 16:19 Mediator an Wutbürger (10) 11

Sorry, aber wer sein Kind der Schulpflicht entzieht, der handelt gegen unsere Gesetze. So einfach ist das. Da muss das Jugendamt einschreiten. Selbstverwalter ist doch nur ein nettes Wort für REICHSBÜRGER .

Wenn dieser Reichsbürger dann sein Kind nicht in die Schule schicken will, dann muss er halt dorthin gehen wo seine Reichsgesetze gelten. Dies ist auf dem Gebiet der BRD jedoch nirgendwo der Fall.

Wenn ein Jugendlicher hingegen plötzlich als Christ, Muslim, Jude oder Atheist leben will, dann ist dies eine freie Entscheidung, die niemandem etwas angeht.

Also hören sie auf rechte Spinner in Schutz zu nehmen und Religiosität pauschal zu verunglimpfen!

19.07.2017 13:22 Wutbürger 10

Wenn eine Selbstverwalterin ohne diesen Staat leben will und ihr eigenes Fleisch und Blut -das eigen kind- alleine erziehen und bilden möchte, ist der Staat in juristischer person des Jugendamtes ganz schnell da, bricht die Wohnung mit Hilfe der Polizei auf und nimmt der Mutter das Kind weg! Beispiele dafür gibt es im WWW zur genüge! Wenn aber eine Schülerin einer staatlichen Schule schon mit Muslim-Kopftuch zum Unterricht kommen will, interessiert das Niemanden und Leute wie Frau Lüke schieben die Verantwortung ab! Es war doch bekannt in Pulsnitz, daß schon die Eltern einen "islam-mulikulturellen Treffer" haben! Die Wandlung des Mädchens kam auch nicht über Nacht nach dem Prinzip "Wehrwolf"! Wo war da die Schulleitung und das Jugendamt??? Falschverstandene Toleranz allüberall, die uns noch mächtige Probleme verschaffen wird.

19.07.2017 12:45 jochen 9

Ich hoffe, die Göre wird im Irak angemessen bestraft, dann erledigt sich ihre Ideologie von alleine.

19.07.2017 11:51 pkeszler 8

@Pattel: zu pkeszler /" ich merke wie Sie früher schon manipuliert worden sind vom System...."
Was Sie schon alles merken? Als früherer DDR-Bürger war ich gezwungermaßen 1/2 Jahr zum Reservistenlehrgang und nie in einer Partei.
Ob das auch für eine Manipulation vom DDR-System gereicht hat, überlasse ich Ihnen.

19.07.2017 11:13 Pattel 7

zu pkeszler / ich merke wie Sie früher schon manipuliert worden sind vom System....
So zu urteilen wie sie es tun oder sind wir nicht schon mit 15-16 geworben und beworben worden NVA etc.
Nur hieß das damals alles anders !!!!
Unsere Generation sollte auch Krieg führen.......alles außerhalb von uns westwärts war der feind!!!

19.07.2017 10:46 Mediator an HERBERT WALLASCH, Pirna(4) 6

Sie fällen aber ein ziemlich hartes Urteil über ein junges Mädchen, dass sie weder kennen und über deren Motivatiosnlage ihnen NICHTS bekannt ist.

Ist ihnen schon mal in den Sinn gekommen, dass da pschologisch äußerst geschickte Menschen labile Jugendliche manipulieren.

Frauen die für den IS geködert werden sind i.d.r. für diese Leute eine Ware. In der traditionellen arabischen Welt kann ein 'Habenichts' kaum darauf hoffen zu heiraten, da die Eltern sich vom zukünftigen Schwiegersohn eine finanzielle Entlastung und eben auch Absicherung erhoffen. In Gesellschaften ohne funktionierendes Rentensystem ist so etwas ein verständlicher Gedanke. Ohne Heirat ist in der Regel auch kein Sex möglich.

Hier ist der IS durchaus für junge Männer attraktiv, da er einerseits Frauen versklavt und als Beute verteilt und andererseits eben auch naive junge frauen oder wie hier Mädchen in den Einflussbereich des IS reisen. Spätestens dann ist es aus mit freien Entscheidungen!

19.07.2017 07:07 pkeszler 5

Was ging nur bei den damals 15-Jährigen deutschen Mädchen im Kopf vor, als es zum Islam wechselte und zur IS- Anhängerin wurde? Hatte sie Probleme in der Schule oder mit den Eltern, wahrscheinlich Beides. Wie konnte der IS mit Hilfe des Internets deutsche Jugendliche so in seine Fänge bekommen? Wahrscheinlich haben die Psychologen in Deutschland mal sehr viel Aufklärungsarbeit zu leisten, denn heute machen teilweise schon Kinder, was sie wollen und was wir uns im Elternhaus und in der Schule gar nicht gewagt hätten.

18.07.2017 23:35 HERBERT WALLASCH, Pirna 4

Mein Gott, ich habe kein Mitgefühl für solche Egomanen, würde sie denen überlassen wo ihresgleichen gehaust haben. Wollten sich außerhalb der westlichen Normen stellen und man sollte das auch tun. Natürlich reißt das junge Menschen, einer großen Siegerideologie anzugehören, bei den gesendeten Bildern: Weiße Geländwagen mit MG+schwarzer Flagge / schwer bewaffnet Macht ausüben zu können / Anerkennung zu erhalten und vom Westen gelitten und gelobt zu werden, da sie ja am Anfang nur gegen Assad und einheimische vorgingen, also moralisch im Einklang mit einem Teil der Weltmeinung waren.

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