14.07.2020 | 05:00 Uhr Domowina-Verlagschef Ziesch: "Die sorbische Sprache muss im Digitalen ankommen"

Aufgewachsen im Sorbischen, Sänger einer Metal-Band, später Entwickler des ersten E-Readers für Sony - heute will Simon Peter Ziesch nicht weniger, als mit dem Bautzener Domowina-Verlag in eine neue Ära starten. Ein Gespräch über seine Pläne und seine Liebe zur sorbischen Sprache.

Simon Peter Ziesch ist neuer Verlagschef
Bildrechte: MDR/Hanka Šěnec

Herr Ziesch, seit Anfang Juni leiten Sie jetzt den Verlag. Was sind Ihre wichtigsten Ziele?

In den nächsten Jahren müssen wir den digitalen Wandel gestalten. Wir müssen global und digital auftreten, denn unsere sorbischsprachige Zielgruppe ist auf der ganzen Welt verteilt.

Da geht es auch um Arbeits- und Denkweisen innerhalb des Verlags. Mit E-Books beispielsweise ist es nicht getan. Wir müssen uns eine Reihe von Fragen stellen: Wie kommunizieren wir intern, wie extern, welche Software nutzen wir? Welche Social-Media-Kanäle passen zu uns, unserer Zielgruppe, die Jung und Alt einschließt? Dabei gilt es, immer dynamisch zu bleiben: Denken Sie an Facebook. Welcher junge Mensch nutzt das noch? Heute nutzt die junge Zielgruppe eher Instagram oder TikTok. Im Moment bin ich dabei, mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu sprechen und eine Strategie zu entwickeln.

Stichwort Digitalisierung: Ich habe auf Ihrer Internetseite gesehen, dass es aktuell nur eine Handvoll E-Books gibt. Es ist der Anfang eines langen Weges oder?

Sorbisches E-Book
Ein sorbisches Liederbuch war zuletzt ein Erfolg für den Verlag. Bildrechte: MDR/Hanka Šěnec

In Deutschland werden maximal 20 Prozent der Bücher als E-Book gelesen. Das heißt: Das E-Book ist nicht gleichbedeutend mit Digitalisierung. Ein E-Book ist ein digitales Produkt, aber allein damit erreicht man noch keine digitale Marktorientierung. Denn die bedeutet, digitale Bedürfnisse zu erfassen und zu bedienen. Da geht es um die Frage: Wie können wir die Sorben in der Welt in ihrem aktuellen Lifestyle erreichen und dazu bringen, nicht mehr hauptsächlich deutsche Inhalte zu konsumieren.

Denn nur so kann die sorbische Sprache auch überleben – sie muss im Digitalen ankommen.

Welche Hürden gibt es dabei?

Wenn man interessante digitale Angebote machen will, braucht man entsprechende Leute, die das umsetzen können. Und hier stoßen wir einfach an Grenzen. Wir sind ein kleines Volk mit begrenztem Pool an Nachwuchs. Im IT-Sektor findet in der ganzen Welt ein "War for Talents" (zu deutsch: "Krieg um Talente" - durch Fachkräftemangel, Anm. d. Red.) statt. Wir als kleiner Verlag stehen da im Wettkampf mit Weltkonzernen.

Generell ist der wirtschaftliche Erfolg neuer Produkte auf dem überschaubaren sorbischen Markt schwierig einzuschätzen. Die Zielgruppe ist klein, die Entwicklungskosten für neue Angebote im Gegensatz dazu hoch. Allein die korrekte Darstellung der sorbischen Sprache mit ihren Eigenheiten und besonderen Zeichen ist eine technische Herausforderung.

Wie sieht es aus in Sachen Nachwuchs-Autoren. Wie schwer ist es, neue junge Talente zu finden, die auf Sorbisch schreiben?

Klar, das ist schon aus demografischen Gründen eine Herausforderung. Auch junge Sorben wachsen mit einer gewissen deutschen, aber auch englischen Sprachdominanz auf. Bei sorbischen Medienangeboten gibt es wie gesagt eine große Lücke. Wir versuchen mit einem Nachwuchsautorenwettbewerb gegenzuhalten, geben Anthologien junger Autorinnen und Autoren heraus. Jung-Autoren sind zum Beispiel Měrćin Wjenk und Jill-Francis Ketlicojc.

Was verbinden Sie persönlich mit der sorbischen Sprache?

Kurzum: Es ist meine Muttersprache und ich liebe sie. Es war meine einzige Sprache – bis zur Krippe, in der ich dann auch Deutsch lernte.

Früher war ich Gitarrist und Sänger einer Metal-Band – die Texte waren teilweise auch eine Liebeserklärung ans Sorbische – auch wenn die Band 'Awful Noise' hieß.

Meine Töchter sind in Berlin groß geworden und wir haben es geschafft, ihnen auch dort die Sprache mit auf den Weg zu geben. Sorbische Kinderbücher waren ein fester Bestandteil ihres Alltags. Sie gehen jetzt hier in die sorbische Schule, wachsen zweisprachig auf und das ist eine große Chance.

Um auch der deutschen Mehrheit unsere Sprache näherzubringen, habe ich noch in meiner Vorgängerfirma (Berliner Marketing-Agentur, Anm. der Red.) für eine Image-Kampagne ein deutschsprachiges Online-Magazin über die sorbische Sprache mitentwickelt:. "Sorbisch? Na klar." wird laufend aktualisiert. Ich bin sehr stolz darauf. Es geht um aktuelle Themen, sorbisches Leben, Sprache, Prominente ...

Sie haben lange außerhalb der Lausitz gelebt. Verlernt man da nicht einiges?

Ja, die Sprache ist im Wandel. Ich habe über 20 Jahre fern der Lausitz gelebt und gearbeitet. Manchmal bin ich auf Besuch gewesen und habe die eine oder andere Wortneubildung neu lernen müssen, zum Beispiel die für Smartphone. "Šmóratko" setzt sich langsam durch, steht aber noch nicht im Wörterbuch. Es kommt vom sorbischen Verb "kritzeln". Eine schöne Umschreibung, finde ich.

Das Sprechen habe ich nie verlernt. Nur überlege ich noch manchmal etwas länger beim Schreiben. Da gibt es manche Feinheit, an die ich mich erst wieder erinnern muss.

Haben Sie eine Lieblingsredewendung parat, die es so im Deutschen nicht gibt?

"Wutroba ma husto ćeše njesć hač chribjet." Zu deutsch: "Das Herz hat oft schwerer zu Tragen als der Rücken." Schön finde ich auch: "Ptačka, kiž rano dočasa hwizda, wječor kóčka zežerje." - "Den Vogel, der früh vorzeitig pfeift, frisst abends die Katze."

Simon Peter Ziesch im Gespräch mit zwei Kolleginnen
Der "Neue" im Verlag. Viele Gespräche gehören vor allem am Anfang dazu, so Ziesch. Bildrechte: MDR/Hanka Šěnec

Was kann man auf Sorbisch besser ausdrücken als auf Deutsch?

Prinzipiell muss ich sagen, dass mir das Sorbische prägnanter erscheint. Deutsche Übersetzungen sorbischer Texte sind meist deutlich länger. Sorbisch ist irgendwie kompakter. Und ich kann Gefühle besser auf Sorbisch ausdrücken, das gilt wohl immer für die eigene Muttersprache.

Die Sommer- und Ferienzeit steht an. Welches Buch aus Ihrem Verlag würden Sie deutschen Muttersprachlern ans Herz legen – und warum?

Der bekannteste sorbische Schriftsteller ist Jurij Brězan. In seinem Roman "Krabat oder die Verwandlung der Welt" greift er die sorbische Sage von Krabat auf und überführt sie in die moderne Welt. Ein anspruchsvoller Roman mit drei Erzählebenen, auf den man sich gern im Urlaub einlassen kann.

Domowina-Verlag Der sorbischsprachige Verlag wurde 1958 in Bautzen als Volkseigener Betrieb gegründet und nach der Wende privatisiert. In ihm erscheinen neben Belletristik, Sach- und Kinderbüchern auf Obersorbisch, Niedersorbisch und Deutsch. Bislang hat der Verlag mehr als 4.000 Veröffentlichungen auf den Weg gebracht. Jährlich gibt es etwa 40 Neuerscheinungen.

Quelle: MDR/st

Themenschwerpunkt vom 9. bis 18. Juli 2020

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 14.07.2020 | 19:00 Uhr

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