Patientin beim Arzt
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Vorwürfe gegen Kassenärztliche Vereinigung Sachsen Ärztin in Niesky wird selbst zum Notfall

In der Oberlausitz fehlen vielerorts Ärzte. Doch anstatt den medizinischen Notstand zu lindern, erschwert die Kassenärztliche Vereinigung Ärzten den Neustart. So zumindest lauten die Vorwürfe einer Ärztin aus Niesky. Zusagen würden nicht eingehalten, bürokratische Hürden aufgebaut.

Patientin beim Arzt
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Allgemeinmedizinerin Sylvana Kretschmar steht vor der Entscheidung, ihre vor gerade einmal sieben Monaten eröffnete Praxis wieder zu schließen. Und das, obwohl sie erst 49 Jahre alt ist, im Landkreis Görlitz bereits rund 20 niedergelassene Ärzte fehlen und sich die Patienten vor ihrer Tür förmlich stapeln. Der Grund: Trotz der Zusage von Fördermitteln und einer sogenannten Umsatzgarantie geht ihr das Geld aus. Schuld trägt Kretschmar zufolge die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS). Diese habe nachträglich die Vertragsbedigungen geändert und zahle weniger als vereinbart.

Große Versprechen

Kassenärztliche Vereinigung Sachsen
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Vor der Praxis-Eröffnung im Oktober 2017 führte die Oberlausitzerin umfangreiche Gespräche mit der KVS. Selbst das betriebswirtschaftliche Konzept wurde gemeinsam erstellt. Die Absprache lautete: Für die Neuansiedlung in einem unterversorgten ländlichen Raum sollte sie 60.000 Euro Fördermittel und eine sogenannte Umsatzgarantie für die ersten drei Jahre bekommen. Später wurde der Investitionszuschuss mündlich sogar auf 100.000 Euro erhöht. Sylvana Kretschmar stellte aufgrund der Zusagen zwei Sprechstundenhilfen ein und nahm die Arbeit in Niesky auf.

Schlangen wie beim Bäcker

Vom ersten Tag an herrschte reger Andrang. Vor der neuen Praxis in Niesky auf der Görlitzer Straße bildeten sich nach der Eröffnung immer wieder Schlangen. Die medizinische Unterversorgung in Niesky wurde damit bis auf die Straße sichtbar. Somit schien es für die Ärztin kein Problem zu sein, den von der KVS geforderten Umsatz zu erreichen. Im ersten Jahr sollten es 50 Prozent sein, 70 im zweiten und 90 Prozent im dritten Jahr. Der Umsatz orientiert sich dabei an den durchschnittlichen Fallzahlen für Hausärzte. Dieser liegt in der Region bei 1.021 Patienten.

Arztpraxis auf der Görlitzer Straße
Patientenschlange vor der Arztpraxis in Niesky auf der Görlitzer Straße. Bildrechte: André Schulze

Arbeiten für Lau

Alles schien gut zu laufen für die ehemalige Sparkassen-Filialleiterin Kretschmar, die mit 35 Jahren einen Neuanfang wagte und in Dresden Medizin studierte. Doch dann folgte die Ernüchterung für die dreifache Mutter. Die Investitionskostenzulage wurde nicht nur auf 58.000 Euro gekürzt, sondern zudem auch noch mit Mindestumsätzen verknüpft. Und nicht nur dieses Geld fehlt. Auch Honorare für die Ärztin stehen noch aus. "Ich kann doch nicht für lau arbeiten. Meine beiden Schwestern müssen pünktlich ihr Gehalt bekommen", ist Kretschmar empört. Zudem schicke die KVS sich inhaltlich widersprechende Bescheide, sagt die Ärztin.

Hausärztin Sylvana Kretschmar
Hausärztin Sylvana Kretschmar Bildrechte: André Schulze

Ich bin hier angetreten, den Menschen zu helfen. Doch unter den gegebenen Umständen kann ich das nicht.

Sylvana Kretschmar Ärztin in Niesky

Die Kasse nimmt sich Zeit

Während die Ärztin um ihr finanzielles Überleben kämpft, gibt sich die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen gelassen: Der Fall werde geprüft. Auf Anfrage von MDR SACHSEN bestätigt sie, dass niedergelassenen Ärzten in unterversorgten Gebieten Förderpauschalen bzw. Investitionskostenzuschüsse sowie ein Mindestumsatz gewährt werden. Dies sei jedoch mit Rahmenbedingungen und Durchführungsbestimmungen verbunden, die den betroffenen Ärzten auch bekannt seien. Statt schnell zu entscheiden, bietet die Vereinigung der betroffenen Ärztin Seminare für Praxisbeginner und Beratung in Abrechnungsfragen an.

Weitergehende Erläuterungen zu den Beschlüssen des Landesausschusses kann die KV Sachsen nicht geben. Auch können wir nicht sagen, wann das Verfahren abgeschlossen sein wird.

Katharina Bachmann-Bux Pressereferentin der Kassenärztlichen Verinigung Sachsen

Praxis-Aus wegen Bürokratie?

Wenn die KVS über den Fall befunden hat, kann es für die Praxis von Sylvana Kretschmar möglicherweise schon zu spät sein. Die Ärztin wird aufgrund von Kündigungsfristen bereits in den nächsten Wochen entscheiden, ob sie zum Jahresende als selbstständige Allgemeinmedizinerin aufhört. "Hätte ich nur im Ansatz geahnt, welche Bürokratie mich erwartet und dass die Bearbeitung dermaßen stümperhaft erfolgt, hätte ich den Schritt in die Selbstständigkeit nie gewagt“, sagt die Rothenburgerin verbittert. "Ich habe keine Lust, die nächsten 20 Jahre ständig betriebswirtschaftlichen Dingen und meinem Geld nachzurennen."

Ärztin kämpft nicht allein

Landratsamt Görlitz Haupteingang
Das Landratsamt Görlitz unterstützt die Hausärztin in Niesky. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Auch die Sozialdezernentin des Landkreises Görlitz, Martina Weber, empfindet die Arbeitsweise der KV Sachsen als skandalös. "Die Ärztin ist nicht nur eine gestandene Frau, eine gute Medizinerin sondern auch noch eine ausgewiesene Finanzexpertin", sagt Weber. Sie kündigt Konsequenzen an, denn als Behörde habe man sich an den Freistaat als Rechtsaufsicht der KVS gewandt. Mehr kann die Verwaltung nicht machen. Dabei steht der Kreis selbst unter Druck: Nicht nur, dass bereits niedergelassene Ärzte fehlen, fast ein Drittel der vorhandenen Hausärzte ist älter als 60 Jahre und wird bald in den Ruhestand gehen.

Wir können in diesem Fall nur moderierend helfen. Ich habe mir Rat, Hilfe und Unterstützung bei der Kreis- und Landesärztekammer geholt, die ihrerseits schon mit der KV Sachsen verhandelt.

Martina Weber Sozialdezernentin des Landkreises Görlitz

Dresden wird aufmerksam

Patientenschlage vor der Arztpraxis
Die Patienten in Niesky können weiter hoffen. Bildrechte: André Schulze

Unterdessen zieht der Fall aus Niesky immer größere Kreise. Mittlerweile ist selbst Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer informiert. Erst vor einem Monat hatte er beim Besuch in einer Nieskyer Arztpraxis betont, die medizinische Versorgung im ländlichen Raum müsse weiter verbessert werden. Vielleicht auch deshalb gibt sich die Görlitzer Sozialdezernentin Weber optimistisch: "Die Praxis von Sylvana Kretschmar in Niesky bleibt erhalten und wird nicht geschlossen. Die Ärztin kämpft da nicht allein."

Quelle: MDR/uw

Dieses Thema auch im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 15.05.2018 | 15:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

Zuletzt aktualisiert: 15. Mai 2018, 19:52 Uhr

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11 Kommentare

17.05.2018 21:13 Uta Wagner 11

Gegen Hausärztemangel hilft nur ein Schluck aus der Baldrianküstennebelbuddel.
Ich staune immer wieder über die Blüten der Kommentatorenriege hier im Netz vom MDR . Schön zu lesen...

17.05.2018 11:26 Karl Winter 10

Wo sind denn die Konsorten von der AfD und CDU jetzt um zu helfen? Die Bürger haben sie doch als stärkste Kraft in Stadt und Land auserkoren.
Abgetaucht und scheren sich kein deut darum das hier alles vor die Hunde geht. Dort kann am Ende Pfarrer Kretschmer die Grabrede halten, zusammen mit der KV Sachsen die bewusst Existenzen kaputt machen. Das ist schlimmer wie Mord!!!!

17.05.2018 10:14 Fred Schüller 9

@Dr. S. Freud
Trau keinem Arzt, sein Gegengift ist Gift.

17.05.2018 09:54 Udo Degen 8

Wer kennt die Geschichte vom Blitz und einem Glühwürmchen ? Der Blitz schlägt ein und ist weg, das Glühwürmchen verglüht wie wir alle irgendwann mal auch.
@7 Der Tod lässt niemals im Stich Andreas.
Aber die Behörden wie hier man lesen kann.
Auch sie wird der Tag des jüngstes Gericht beim s... vom Blitz ers.... und verglühen lassen.

17.05.2018 03:10 Andreas 7

Irgendwas läuft hier nicht Richtig. Wenn jetzt noch die Alten Ärzte aufhören dann ist Feierabend. Die Rentenversicherer wirds erfreuen. Man Stirbt halt früher ohne Ärzte.

16.05.2018 14:42 Dr.S. Freud 6

Bei uns in der Sachsenklinik suchen wir Landärztinnen...
Bitte bei mir melden. Kontakt per Telefon, keine E-Mail da nur Schreibgeräte.

16.05.2018 14:29 August der Starke 5

Kein Busch zu sehen, wegen Glyphosat? Keine Buschzulage meine Herrschaften
im weißem Gewand aus dem Kassensäckle.
Nur noch ein Irrenhaus hier in Dräsdn...

16.05.2018 08:00 Michael Möller 4

wenn man diesen Artikel liest und auch gestern einen Bericht im TV über den Schlüssel für die Ärzte gesehen hat, fragt man sich was für Entscheider sitzen da und sind befugt Entscheidungen zutreffen die über Leben oder Tot entscheiden . den nichts anderes ist das wenn Ärzte fehlen und die Hilfe so schnell wie möglich erfolgen muss. die Fragen sind diese Personen unfähig oder Dumm oder liegt es daran das nach einen Schlüssel gearbeitet wird der fast 30 Jahre alt ist und somit total überholt. auch kommt dann die Frage auf was treiben eigentlich die Gesundheitsminister dann wenn Sie ihre Arbeit nicht machen und dadurch Ärzte fehlen und jedes Jahr den gleichen Mist reden ohne wirklich zu handeln. auch wenn man hier ob lesen muss wie lange sich diese KV zeit nimmt ,kann man auch zu auf den Gedanken kommen das hier Arbeitsverweigerung vor liegt. denn jeder normale Arbeiter wäre schon für so eine Arbeitsauffassung gefeuert wurden .

15.05.2018 23:52 Paulchen 3

Warum gehen deutsche Ärzte nach England, während tschechische Ärzte Lücken in Deutschland füllen? Im Vergleich zum Ausland geht es uns noch nicht sooo schlecht, NOCH! (leider wissen das die meisten Patienten mangels Auslandserfahrung nicht)

15.05.2018 21:32 wwdd 2

Warum sich diese Ärztin in diesem Land, mit ihrer Qualifikation und ihrem Engagement niederlassen will, verstehe ich wiederum nicht.