07.07.2020 | 12:40 Uhr Auf der Suche nach dem Plastikskelett - Archäologen helfen bei der Kriminalisten-Ausbildung

In einer nach eigenen Angaben bundesweit einzigartigen Kooperation arbeitet die Polizei in Sachsen mit Archäologen zusammen. Ziel ist es, Kriminalfälle schneller aufzuklären. "Die akribischen Methoden archäologischer Ausgrabungen können bei der Sicherung eines Tatortes hilfreich sein", sagt Archäologin Patricia van der Burgt. Diese Methoden vermittelt sie sowohl angehenden als auch langgedienten Kriminalisten an der Hochschule der Sächsischen Polizei.

Bei einer gemeinsamen Übung zu einem fiktiven Mordfall arbeiten Kriminalisten und Archäologen bei einer Ausgrabung eines Plastikskeletts.
Bildrechte: Hochschule der Sächsischen Polizei /dpa

Die nächste Leiche ist schon versteckt - allerdings aus Plastik und zu Übungszwecken. Wo genau, das verrät Steffen Schulz nicht. Der Fachlehrer an der Hochschule der Sächsischen Polizei heißt eigentlich anders. Er gibt sein Wissen weiter an die nächste Generation Polizisten und an Kollegen, zu deren Alltag Spurensuche gehört. Dafür vergräbt Schulz auch schon mal ein Plastikskelett samt Kleidung. Unterstützt wird er dabei von Patricia van der Burgt. Die Archäologin ist ausgebildete Forensikerin. Forensische Wissenschaftler analysieren und vergleichen Spuren und Fundstücke, um Beweismaterial zu sammeln.

Erst komplett freilegen, dann dokumentieren

"Die Zusammenarbeit ist deutschlandweit einzigartig. Sogar die Kollegen von der Bundespolizei und dem Bundeskriminalamt haben Interesse an der Weiterbildung", sagt Kommissar Schulz. Die Kooperation zwischen dem Landesamt für Archäologie Sachsen und der Hochschule der Sächsischen Polizei läuft seit mittlerweile drei Jahren. "Archäologen gehen anders an Ausgrabungen heran als Kriminaltechniker. Diese legen oftmals einen Knochen nach dem anderen am Fundort frei, fotografieren und nehmen sie Stück für Stück heraus. Der Archäologe legt das gesamte Skelett frei, und erst dann wird dokumentiert", erklärt Schulz.

Die spurenlose Straftat gibt es nicht

So könne auch die genaue Lage des Skelettes rekonstruiert werden, etwa ob die Hände gebunden waren oder ob die Person auf dem Bauch lag. Nicht nur die Bilder des vorsichtig abgetragenen Übungs-Areals berichten vom fiktiven Mordfall, auch die Bekleidungsstücke sowie geborgene Gegenstände. Etwa eineinhalb Jahre lag das künstliche Opfer im Boden. Seine Sachen sind teilweise noch gut erhalten, ein bisschen verschmutzt, eine Wurzel hat das Portemonnaie umschlungen. "Auf darin befindlichen Plastikkarten konnten wir im Bedampfungsschrank trotzdem noch Fingerabdrücke feststellen, auch weitere Spuren, sogar DNA, konnten wir sichern, und einen Schuhabdruck, den die Täter beim Vergraben der Leiche im Erdreich hinterlassen haben", sagt der Kommissar. Eine spurenlose Straftat gibt es aus seiner Sicht nicht.

Kooperation hilft beiden Seiten

Die akribische Spurensuche am Tatort wird aus Sicht von Hanjo Protze, Prorektor der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH) am Standort Bautzen, immer wichtiger. "Die kriminaltechnische Arbeit bekommt eine immer höhere Bedeutung bei der Polizei, denn die Aussagen von Beschuldigten und Zeugen gehen zurück", sagt Protze. Häufig verweigerten Verdächtige die Aussage. So müssen Spuren am Tatort die Straftat zu einem Bild zusammensetzen - und die Täter anhand der Indizien überführt werden. Auch aus dieser Sicht sei die Kooperation zwischen Archäologen und Polizei wichtig.

Die Forensikerin Patricia van der Burgt schaut in die Unterlagen zum Fall.
Die Archäologin und Forensikerin Patricia van der Burgt. Bildrechte: dpa

Für van der Burgt ergibt sich noch ein weiterer Mehrwert. "Wir Archäologen profitieren vom anderen Denken der Kriminalisten. Wir überlegen uns allerhand zu unseren Funden, haben aber nicht immer ausreichende Belege, die unsere Überlegungen stützen. Die Polizei aber stellt mehrere Thesen in der Theorie auf, prüft diese und gleicht sie mit den Fakten ab, um so die passendste These zu finden", sagt die Forensikerin.

Interesse über Sachsen Grenzen hinaus

Van der Burgt unterstützt Behörden auch in anderen Bundesländern. An der Hochschule der Polizei in Brandenburg bietet sie Vorträge an, die Tatortermittler in Saarbrücken hat sie mit dem "Bautzener Modell" fortgebildet. Zuweilen klingelt bei ihr in Dresden das Telefon, wenn ermittelnde Kollegen Fragen haben. Und die neue Bautzener Übungs-Leiche? Die wartet noch auf ihre Entdeckung. Das Plastikskelett muss mehrere Monate in der Erde liegen, um besonders authentisch zu wirken. Im Sommer 2021 soll sich eine Tatortgruppe auf seine Spur begeben.

Quelle: MDR/dpa/rad

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