Warnstreik beim DRK rund um Dresden Lebensretter kämpfen ums Überleben

Die Mitarbeiter der Rettungsdienste haben die Nase gestrichen voll. Viel Arbeit, hohe Verantwortung und wenig Geld. Deshalb haben Mitarbeiter des DRK-Rettungsdienstes im Raum Dresden am Dienstag die Arbeit niedergelegt. Sie fordern einen neuen Tarifvertrag. Erst vor einer Woche hatten sich der DRK-Landesverband und die Gewerkschaft DHV auf ein neues Tarifwerk geeinigt. Zufrieden sind die Rettungssanitäter damit aber nicht.

In Dresden und Umgebung haben sich zahlreiche Rettungssanitäter des Deutschen Roten Kreuzes an einem Warnstreik beteiligt. Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi nahmen Beschäftigte der Rettungswachen in Dresden, Radeberg, Pulsnitz und Ottendorf-Okrilla teil. Die Lebensrettung sei abgesichert gewesen, allerdings fiel für zwölf Stunden ein Großteil der Krankentransporte aus. Die Mitarbeiter des Rettungsdienstes kämpfen für einen neuen Tarifvertrag, den das Rote Kreuz bislang ablehnt.

Streit der Gewerkschaften?

Das Rote Kreuz hat bisher die Tarifverträge mit der Gewerkschaft DHV - Die Berufsgewerkschaft e.V. abgeschlossen. Die christliche Gewerkschaft vertritt nach eigenen Angaben 73.000 Mitglieder - aus Sicht von Verdi aber nur unzureichend die Interessen der Beschäftigten der Rettungsdienste im Großraum Dresden. Der von der kleinen Gewerkschaft DHV vor einer Woche ausgehandelte Tarifvertrag ist nach Ansicht des Gewerkschaftsriesen zu unternehmerfreundlich. Ein Sprecher des DRK hat dieser Darstellung im Gespräch mit MDR SACHSEN widersprochen. Demnach sind viele Anregungen der Mitarbeiter berücksichtigt worden. Kürzere Arbeitszeiten, mehr Urlaub, vor allem aber mehr Geld wurden vereinbart.

Wir sind mit dem Tarifvertrag nicht einverstanden, mussten viele Kürzungen hinnehmen. Zuschläge wurden gestrichen. Als Rettungsassistent kommt man mit einem hohen Rang in die Branche, wird aber schlecht bezahlt. Wir wollen, dass sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Das ist ein generelles Problem, nicht nur beim DRK.

Sanitäter* Rettungsdienst Dresden

Die Mitarbeiter haben versucht, mit der Geschäftsleitung ins Gespräch zu kommen, sind aber abgeblitzt. Jetzt soll mithilfe von Verdi das Rote Kreuz unter Druck gesetzt werden, denn rund die Hälfte der Beschäftigten ist laut eines Rettungssanitäters, der anonym bleiben will, Gewerkschaftsmitglied bei Verdi geworden. Trotzdem weigert sich die Geschäftsführung bislang, mit Verdi als Interessenvertreter der Beschäftigten zu verhandeln und verweist auf den Tarifabschluss mit der DHV.

Am Dienstagnachmittag zeigte der Warnstreik in Dresden Wirkung. Der DRK-Kreisverband hat sich bereit erklärt, sich mit Verdi am Montag zu einem sogenannten Sondierungsgespräch zu treffen.

Wenig Geld für gute Arbeit

Im Raum Dresden fordern die Beschäftigten des DRK-Rettungsdienstes die Gleichstellung mit Kollegen anderer Rettungsdienstanbieter bei Bezahlung, Urlaub und Arbeitszeiten. Zwischen 300 und 400 Euro mehr pro Monat müssten die Mitarbeiter erhalten, sagt Verdi-Gewerkschaftssekretär Jens Uhlig. Zudem geht es um die Zukunft des DRK-Rettungsdienstes im Raum Radeberg. Bei zunehmenden Personalproblemen steht dort die Konzession auf dem Spiel.

Fehler im System

Der Arbeitskampf am Dienstag in Dresden ist kein Einzelfall. Erst vor drei Wochen gingen die Mitarbeiter des Arbeiter-Samariter-Bundes Görlitz auf die Barrikaden. Seit Anfang des Jahres gibt es immer wieder Warnstreiks in Glauchau. "Nicht nur in Dresden, sondern auch in Meißen, Glauchau und Görlitz pfeifen die Träger der Rettungsdienste auf dem letzten Loch," sagt Linken-Landtagsabgeordneter Mirko Schultze. Der Görlitzer ist in seiner Fraktion zuständig für das Rettungswesen. "Die Ausschreibung der Rettungsdienste ist das Problem", so Schultze.

Die Landkreise schreiben den Rettungsdienst aus und erteilen danach den Zuschlag streng nach der Wirtschaftlichkeit. Um die Ausschreibungsverfahren zu gewinnen, setzen die Anbieter von Rettungsdiensten ihre Aufwendungen möglichst niedrig an, erklärt der Politiker. Deshalb zahlen sie weniger Geld an die Beschäftigten. So verdienen Rettungskräfte, die dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes angehören, deutlich mehr. Beispielsweise hat ein Rettungssanitäter bei der Berufsfeuerwehr Görlitz bis zu 600 Euro mehr in der Lohntüte.

Retter in Not

"Die EU hat beschlossen, dass der Rettungsdienst nicht mehr ausgeschrieben wird. Sachsen und Bayern aber tun das weiterhin", sagt Mirko Schultze und verweist auf den Landkreis Meißen. Dort konnte das Rote Kreuz seine Leistungen aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr erfüllen. Der Rettungsdienst in Meißen hängt nunmehr am Tropf des Landratsamtes. Der Görlitzer fordert deshalb ein Umdenken.

Wir können jetzt in Sachsen die Notbremse ziehen oder wir sehen zu, wie die Träger der Rettungsdienste wirtschaftlich an die Wand fahren.

Mirko Schultze Landtagsabgeordner der Partei Die Linke

"Noch habe die Landesregierung die Brisanz der Lage nicht erkannt", sagt Schultze. "Doch mit der Einführung des Notfallsanitäters 2023 verschärft sich das finanzielle Problem der Rettungsdienste weiter." Das neue Berufsbild löst die Rettungsassistenten ab. Künftig dauert die Ausbildung drei statt zwei Jahre. Mit der besseren Qualifikation steigt die Versorgungsqualität für die Patienten, aber auch der Anspruch an eine gerechte Vergütung.

Statt Fallpauschale tatsächlichen Aufwand bezahlen

Die Rettungsdienste dürften nicht mehr pauschal von den Landkreisen bezahlt werden wie bisher, fordert Schultze. Stattdessen sollten sie ihren tatsächlichen Aufwand vergütet bekommen, zumal sich die Landkreise das Geld für die Leistungen von den Krankenkassen zurückholen. Diese Meinung vertritt nicht nur der Görlitzer Landtagsabgeordnete Schultze, sondern auch viele Gewerkschafter. In Brandenburg wird das bereits praktiziert. Auch in der Lohntüte wirkt sich das aus: Ein Brandenburger Rettungssanitäter verdient etwa 400 Euro mehr als sein sächsischer Kollege. Möglicherweise plagen die Nachbarn auch deshalb keine Nachwuchssorgen.

Rettungswagen des Malteser Hilfsdienstes fährt mit Blaulicht
Bildrechte: imago/Sämmer

Noch ist in Sachsen keine Lösung für die wirtschaftlichen Probleme der Träger des Rettungsdienstes in Sicht. Aber der Warnstreik von rund 50 Rettungssanitätern in Dresden und Umgebung hat möglicherweise für Aufmerksamkeit bei den Verantwortlichen gesorgt.

* Anm. d. Red.: DRK-Mitarbeiter will anonym bleiben.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 23.05.2017 | ab 5:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Dresden

Zuletzt aktualisiert: 23. Mai 2017, 17:28 Uhr

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