15.06.2020 | 07:05 Uhr Studie zum Kohleausstieg: Lausitzer üben eher Verzicht für Firmenansiedlungen

In Deutschland gibt es mehrere Regionen, in denen traditionell Kohle abgebaut wurde oder noch abgebaut wird. Wie haben die Menschen den Strukturwandel erlebt? Welche Erfahrungen haben sie gemacht und wie sind ihre Einstellungen zur Wirtschaft in ihrer Region? Damit hat sich eine Studie beschäftigt, die jetzt veröffentlicht wurde.

Kühltürme eines Braunkohlekraftwerkes
Kühltürme des Braunkohlekraftwerke im brandenburgischen Jänschwalde. Bildrechte: dpa

Für die Ansiedlung neuer Unternehmen sind Menschen in der Lausitz eher bereit, Abstriche in der Lebensqualität ihres Wohnumfeldes zu machen. Das hat eine aktuelle Studie der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung zum kohleausstiegsbedingten Strukturwandel ergeben.

Die Studie hat untersucht, wie sich der wirtschaftliche Strukturwandel in den regionalen Kohleregionen auf das Leben und Denken der Bevölkerung auswirkt. Im Fokus standen vier Regionen, die durch einen Strukturwandel beim Kohlebergbau geprägt wurden, beziehungsweise noch geprägt werden: das Saarland (Steinkohleabbau bis 2012), das Ruhrgebiet (Steinkohlebergbau bis 2018, aktuell noch Braunkohle), die Region bei Chemnitz und Zwickau (Steinkohlebergbau bis 1978) und die Lausitz (Rückgang der Braunkohleförderung seit Mitte der 1990er-Jahre). Die Berufsbiographien und Einstellungen der Befragten wurden mit Menschen aus anderen Gebieten in Deutschland verglichen.

Wendebedingter Unterschied zwischen Ost und West

Zunächst einmal zeigte sich, dass die Erfahrung mit Arbeitslosigkeit in Kohleregionen nicht weiter verbreitet war als in anderen Landesteilen. Im Ruhrgebiet gaben 22 Prozent der Befragten an, in ihrem Leben arbeitslos gewesen zu sein, im Saarland 25 Prozent, was sich nicht groß vom Durchschnitt in Westdeutschland mit 26 Prozent unterschied.

In der Region Chemnitz haben 32 Prozent der Befragten eigene Arbeitslosigkeit erlebt und 35 Prozent in der Lausitz. Während in Ostdeutschland insgesamt 40 Prozent der Befragten angaben, mal ihren Job verloren zu haben.

Dass es keinen Unterschied zwischen den Kohleregionen und den Vergleichsregionen gibt, hat uns schon überrascht.

Jochen Roose Soziologe

Einzig die Wende mit der nachfolgend wegbrechenden DDR-Wirtschaft lässt sich mit einem deutlich häufigerem Jobverlust in Ostberufsbiografien herauslesen. Hält man die Lupe aber auf einzelne Regionen, lassen sich laut der Studie keine weiteren strukturell bedingten Unterschiede ausmachen.

Strukturwandel nicht auf Regionen beschränkt

Strukturwandel sei eben nicht auf Regionen beschränkt, sondern finde in ganz Deutschland permanent und branchenübergreifend statt, erklärt der Leiter der Studie, Jochen Roose, MDR SACHSEN. Die Gründe für Veränderungen der Wirtschaftsstruktur seien vielfältig und reichten von individuellen Entscheidungen einflussreicher Unternehmer über Veränderungen bei Technologie oder Kundenpräferenzen bis zu gesellschaftlichen Trends, führt Roose aus.

Porträt des Soziologen Jochen Roose.
Der Soziologe Jochen Roose hat untersucht, wie sich regionaler Strukurwandel auf das Leben und Denken in der Bevölkerung auswirkt. Bildrechte: Jörg Klam

Man könne die Daten aber auch als einen Erfolg der Maßnahmen zur Strukturwandelhilfe lesen, erklärt Roose. So wurde der Ausstieg aus dem Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet über Jahrzehnte durch Sozialprogramme und Subventionen abgefedert, im Gegensatz zu anderen Ländern wie Großbritannien, wo man in früheren Kohleregionen noch heute Geisterstädte finde. "Wir in Deutschland geben die Region nicht auf - wir ändern die Wirtschaft", sagt der promovierte Soziologe.

Gefühlsausbrüche wegen des Kohleausstiegs

Auch die Proteste im vergangenen Jahr gegen einen zu schnellen Ausstieg aus der Braunkohle spiegeln sich in der Befragung wider. Die emotionalsten Reaktionen kommen von Interviewten, die selbst in der Kohleindustrie beschäftigt sind. Eine "völlig unbegründete politische Entscheidung", nannte ein Lausitzer den Kohleausstieg. "Negativ. Ohne Sinn und Verstand", urteilte ein anderer Mann aus der Lausitz. "Es ist der größte Blödsinn, der momentan passiert", fand ein Mann aus dem Saarland.

Die Ergebnisse der Tiefeninterviews in der Befragung zeigten eine große Erwartungshaltung an die Politik, so Roose weiter. Auf der anderen Seite gibt es hinsichtlich des geplanten Braunkohleausstiegs bis 2038 und der Vereinbarungen der Kohlekommission starke Zweifel an der Verlässlichkeit der Zusagen für die Regionen.

Bergarbeiter Proteste in Dresden
Bergleute protestieren im August 2019 in Dresden gegen einen zu schnellen Kohleausstieg. Bildrechte: MDR/Tom Schmidtgen

Politik soll Leitbild für Strukturwandel liefern

Viele der Befragten wünschten sich aber dennoch von der Politik ein Leitbild für die wirtschaftliche Entwicklungsrichtung während des Kohleausstiegs, hatten aber selbst oft keine konkreten Vorstellungen. "Man weiß natürlich, dass Jeder große Industriearbeitsplätze bei sich behalten will. Aber die Politik müsste dafür sorgen, dass in solchen Regionen wie der Lausitz sowas mal aufgebaut wird", sagte ein Befragter aus der Lausitz. Ein anderer Lausitzer sah die Chance eher in kleinen Firmen: "Dass es nicht zu große Betriebe sind. Das ist immer stark abhängig vom Großkonzern. Viel Mittelstand müsste angesiedelt werden."

Verzicht auf Wohnqualität für Neuansiedlungen

Im Gegensatz zum Ruhrgebiet kristallisierte sich aus den Umfrageergebnissen heraus, dass die Lausitzer bei der Ansiedlung neuer Unternehmen eher bereit sind, Abstriche in der Lebensqualität ihres Wohnumfeldes zu machen. In allen Regionen wurde nach der Zustimmungsbereitschaft zu einer hypothetischen Ansiedlung von IT-Unternehmen, Windkraft, Flughafen, Chemiefirma und Schweinemast gefragt.

"Erwartungsgemäß ist die Zustimmung zur Ansiedlung eines Windrad-Parks, eines Flughafens, einer Chemiefabrik oder einer Schweinemast deutlich geringer", heißt es in der Untersuchung. Aber es zeigte sich, dass Lausitzer eher der Ansiedlung dieser Unternehmen mit negativen Auswirkungen für die Anwohner zustimmen. Ein Beispiel: "30 Prozent der Befragten in der Lausitz würden die Ansiedlung einer Schweinemast sehr oder eher befürworten." Im ostdeutschen und westdeutschen Durchschnitt liegt die Zustimmung nur bei 22 Prozent, im Ruhrgebiet bei 18 Prozent.

Für die Studie, die 2018 startete, wurden 3.817 repräsentativ ausgewählte Telefoninterviews durchgeführt und je 20 Tiefeninterviews pro Region mit ausgewählten Personen.

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 09.06.2020 | 19:00 Uhr

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