Schattenbild von Händen von Leuten, die auf eine Frau mit den Finger zeigenzeigen.
Bildrechte: Colourbox.de

Interview mit Forscherin Was bringt die Forschung über Schmähkultur?

Katja Kanzler ist eigentlich Literatur-Professorin an der TU Dresden. Gemeinsam mit Forschern aus anderen Bereichen beschäftigt sie sich aber die nächsten Jahre mit weniger schöngeistigen Themen: Shitstorms, Hassbotschaften und Beleidigungen. Woher kommt diese menschliche Eigenart, andere gern herabzusetzen? Und ist es wirklich eine spezielle Eigenart unserer Zeit?

Schattenbild von Händen von Leuten, die auf eine Frau mit den Finger zeigenzeigen.
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Ist es nicht allein schon ein bedenkliches Zeichen der Zeit, dass es jetzt bei Ihnen an der TU Dresden den neuen Forschungsschwerpunkt zu Schmähungen und Beleidigungen gibt?

Man kann es als bedenkliches Zeichen deuten. Aber ich würde es als eine gute Sache sehen. Es zeigt, dass die Herabsetzung in den letzten Jahren ein dringliches Thema in unserer Gesellschaft geworden ist.

Wie haben Sie das beobachtet?

Wenn man als Bürgerin oder Bürger durch Dresden geht, dann drängt sich einem die Beobachtung förmlich auf. Wir wollen Herabsetzung und Schmähung mal an sich betrachten. Und das nicht nur im Hier und Jetzt. Wir meinen, dass wir das Hier und Jetzt besser verstehen, wenn wir den Blick weiten und schauen, wo bestanden denn in früheren Zeiten schon mal Schmähkulturen.

TU-Professorin Katja Kanzler
Katja Kanzler ist Professorin für die Literatur Nordamerikas. Bildrechte: Robert Jentzsch

Das ist ein wichtiger Befund: Es wurde schon immer geschmäht, es wurde schon immer beschimpft.

Es wird in allen Kulturen beschimpft. Herabsetzung scheint ein Grundelement von Gesellschaften zu sein. Und als genau so ein Grundelement wollen wir es letztlich besser verstehen.

Ist das Beleidigen gesellschaftsfähiger geworden?

Es ist vielleicht auf eine andere - eine sehr bedenkliche - Art gesellschaftsfähig geworden. Das ist eine Frage, der wir uns besonders widmen wollen: Wie verschieben sich gerade die Normen, die festlegen, welche Dinge in bestimmten Kontexten gesagt werden dürfen? Um das zu verstehen, richten wir unseren Blick auf andere Epochen und Kulturen. Wo gab es schon mal Grenzverschiebungen? Wir sehen, dass es kein Einzelfall ist, sondern dass es ähnliche Prozesse schon mal gab. Wir hoffen, daraus zu lernen, indem wir diese Dinge in Beziehung setzen. Wir wollen dadurch sachlich auf diese unsachlichen Phänomene schauen.

Welche Rolle spielen soziale Medien?

Ein Aspekt ist natürlich, dass es leichter ist, anonym zu schmähen. Auch finden Hassbotschaften online eine ganz andere Verbreitung. Wir haben ein Teilprojekt in unserem Forschungsverbund, das sich genau damit beschäftigt. Die Frage ist: Welche Rolle spielen Medien insgesamt für Schmähkulturen, ihre Entsehung, ihr Florieren, ihren Fortbestand oder ihren Rückgang? Schauen wir zum Beispiel auf die Zeit des beginnenden Buchdrucks, sehen wir vergleichbare Dynamiken.

Warum sind die Menschen so anfällig dafür, einander herabzusetzen?

Wir glauben, dass aus vielen Gründen geschmäht wird. Vielleicht hat es etwas mit der menschlichen Natur zu tun. Viel wichtiger scheint uns aber der gesellschaftliche Zusammenhang. Da spielt eine Rolle, wie eine Gesellschaft funktioniert, wie sie sich beschreibt und wie sie sein will.

Das Interview zum Anhören:

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 12.04.2018 | 15:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. April 2018, 15:31 Uhr

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10 Kommentare

14.04.2018 12:47 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 10

@ 9. part:
Das Problem dabei ist ja, daß die '4. Gewalt' gar nicht so schnell 'Faktencheck'-Seiten erstellen kann wie 'alternative Fakten' geschaffen werden.

Das ist der Preis, den das 'Zwitscher-Net' verlangt:
den Antrieb, Gelesenes selbstständig hinterfragen zu wollen/als 'Faktum' oder 'Phrase' einordnen zu können/'anständig' darauf antworten zu können... und das Ganze selbstverständlich auch zu verantworten.

Achtung! Phrase!
"Politiker sind auch nur Menschen!"
Darin ist aber nicht die Verteidigung, sondern vor allem die Anklage zu sehen: Der Mensch selbst wählt Vertreter aus seinen Reihen und nennt sie dann 'Politiker'!

13.04.2018 23:28 part 9

Schmähkultur um Veränderungen zu bewirken oder Schmähkultur um neue Kriege oder Unterdrückung voranzutreiben? Bereits Satiere kann Schmähkultur darstellen um zum Nachdenken anzuregen. Wenn aber Politiker nur noch über Twitter ihre Abnormitäten ausleben und die 4. Gewalt dazu keinerlei Aufklärung liefert oder diese Abnormitäten bedient, dann...

13.04.2018 22:39 Janes 8

Beitrag 7: Och nö. So nicht! Schmähung definiert des Bundesverfassungsgericht so:

"„Eine herabsetzende Äußerung nimmt […] erst dann den Charakter der Schmähung an, wenn in ihr nicht mehr die Auseinandersetzung in der Sache, sondern die Diffamierung der Person im Vordergrund steht. Sie muß jenseits auch polemischer und überspitzter Kritik in der Herabsetzung der Person bestehen.“ (BVerfGE 82, 272 (284))."

Wo genau schmähe ich, wenn ich sagte, dass "man geistige Brandstifter ala afD/pegida/farid bang/kollegah gleich juristisch belangen sollte"??

Naja-wie ich schon sagte. Wenn man keine Argumente hat, kommt Beitrag 7 raus.

13.04.2018 21:17 D.o.M. 7

@Janes: Sie schmähen. Merken Sie das? Ist Ihnen das bewußt?

13.04.2018 19:20 Eulenspiegel 6

Ja da muss ich Janes 4 absolut Recht geben.
„Die Wahrheit ist, dass die Wahrheit weder Hass noch Hetze braucht.“
Genau das denke ich jedes mal wenn ich hier Hasstiraden lese. Ich denke es besteht die Gefahr das dieser ganze Hass und diese Hetze unsere Diskussionskultur zerstören wird. Und genau das ist die Basis der Demokratie. Wir befinden uns da bereits in einer kritischen Phase.

13.04.2018 17:53 Elisa 5

Schmähungen gibt es unabhängig davon, ob von dieser oder jener Seite.
Weshalb da aber noch geforscht werden muss, ist mehr als fraglich, da die Gründe doch auf der Hand liegen.
Unterschiedliche Einstellungen und Meinungen prallen aufeinander, echte Argumente fehlen, also wird verbal aufeinander eingeschlagen.
Auffallend ist, dass manche nur die verbalen Ausfälle einer Seite wahrnehmen (wollen?), so wie es beispielhaft der Beitrag von Janes 4 zeigt.
Meiner Meinung nach bringt die Erforschung nichts, da sie die weitere Praxis der Schmähungen nicht verändern wird.

13.04.2018 12:50 Janes 4

Lange Überfällig so eine Forschung! Und dann sollte man gleich mögliche Konsequenzen mit analysieren, etwa, ob man geistige Brandstifter ala afD/pegida/farid bang/kollegah gleich juristisch belangen sollte!

Man sagt, dass Gewalt die Sprache der Dummen ist. Dabei ist verbale Gewalt die Vorstufe die zeigt, dass der Schmäher keine Argumente mehr hat. Das wird auch die Forschung zeigen. Und ich denke, dass "Schwarz auf Weiß" zu sehen, davor haben jetzt viele, vor allem oben genannte, große Angst-sieht man sich doch als moralisch Instanz, die angeblich nur die Wahrheit ausspricht. Die Wahrheit ist, dass die Wahrheit weder Hass noch Hetze braucht.

13.04.2018 11:14 part 3

Was machen denn gewisse Medien, Schmähungen und Berichterstattung nach ihrem Gusto, Objektivität und neutraler Sicht auf die Dinge- Fehlanzeige. Eine Schmähung für die Mediennutzer, wenn sie mit Geschichtsklitterung oder Abwesenheit von wichtigen Ereignissen durch Unterbelichtung auf Linie gebracht werden sollen.

13.04.2018 08:33 Na so was 2

"Was bringt die Forschung über Schmähkultur" ? "Die Einen sagen so, die Anderen so."
Und ich sage: Mit dieser Aktion werden 7,5 Millionen Euro (lt. Sächsischer Zeitung) Steuergelder für irgendwelchen Nonsens ausgeben. Mit diesem Betrag kann zwar nur ein ganz geringer Teil zum Ausbessern dessen genutzt werden, was in den zurückliegenden Jahren bewußt vernachlässigt wurde. Aber es wäre ein Anfang. Obwohl, es gibt Leute (z.B. Bundeskanzlerin Merkel, CDU) in diesem Land, die von sich glauben, dass das stimmt, was sie sagen, z.B.: "Ich wüßte nicht, was wir hätten besser machen sollen." Dass ist das Beispiel für "Die Einen sagen so, die Anderen so." In jedem Sprichwort steckt ein Körnchen Wahrheit.

12.04.2018 21:24 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 1

Ein guter Ansatz zur Beurteilung, ob eine Aussage nun eine Schmähung, Beleidigung o.ä. ist, ist, sich diese Aussage einmal selbst zu sagen.

Natürlich wäre es mir zuwider, wenn man mich "Nazi" nennen würde: deshalb argumentiere ich dementsprechend.