28.12.2019 | 19:37 Uhr | Update Nach Messerangriff im Pfarrhaus: Friedensgebet und Kundgebung in Aue

Nach einem Messerangriff auf einen Helfer bei einer Weihnachtsfeier in Aue hat die Kirchgemeinde ein Friedensgebet abgehalten. Am gleichen Abend hatte ein NPD-Politiker zu einer Kundgebung aufgerufen.

Friedensgebet in Aue
Bildrechte: Niko Mutschmann

Mit einem Friedensgebet hat sich die Kirchgemeinde Aue gegen die Instrumentalisierung eines Messerangriffs auf einer Weihnachtsfeier gewehrt, bei der ein Helfer schwer verletzt wurde. An dem Gebet nahmen laut Polizei rund 500 Menschen teil, darunter auch Pfarrer und Mitglieder von Nachbargemeinden. Nach Angaben eines MDR-Reporters war die Kirche gut gefüllt.

Superintendent Dieter Bankmann sagte, die Botschaft des Friedens habe es schwer. Das Geschehene werde für fremdenfeindliche Propaganda ausgenutzt. Zwar sei die Angst der Menschen verständlich, das Schüren der Angst jedoch verwerflich.

Wir beten um Frieden, um eine Sprache ohne sinnlosen Hass.

Superintendent Dieter Bankmannn

In einer Stellungnahme der St.-Nicolai-Kirchgemeinde im Internet hieß es bereits im Vorfeld: "Wir verwahren uns dagegen, diese Straftat zum Anlass zu nehmen, alle Fremden als potenzielle Gewalttäter zu betrachten. Denn dieser schrecklichen Tat eines Migranten stehen ungezählte gute Erfahrungen mit Migranten entgegen." Die Gemeinde betonte zugleich, die Tat lasse sich durch nichts entschuldigen.

Darauf ging Bankmann auch während des Friedensgebets noch einmal ein und sagte, die Kirche wolle nichts klein reden. Helfer der Weihnachtsfeier, auf der sich der Angriff ereignet hatte, schilderten den Gemeindemitgliedern das Erlebte, berichteten von traumatisierenden Bildern und dem Gefühl der Hilflosigkeit während sie auf die Sanitäter warteten. Trotz allem wollten sie ihre Herzen nicht verschließen. Die Weihnachtsfeier sei 17 Jahre lang friedlich verlaufen. Man habe den Gästen zeigen können, warum Christen Weihnachten feiern. Ausdrücklich dankten die Helfer den Rettungskräften. Man hoffe nun, dass die Ermittlungen zum Erfolg führten.

NPD-Stadtrat ruft zu Kundgebung auf

Die Kirche reagiert mit dem Friedensgebet auf eine Kundgebung, zu der unter anderem der NPD-Stadtrat Stefan Hartung aufgerufen hat. Zu der Veranstaltung unter dem Motto "Heimat bewahren - Überfremdung und deren Auswirkung verhindern" hatten sich am Abend nach Angaben der Polizei rund 2.200 Teilnehmer auf dem Altmarkt von Aue versammelt. In der Menge waren Plakate der rechten Bürgervereinigung Pro Chemnitz und der rechtsextremen Partei "Der Dritte Weg" zu sehen.

Bildergalerie Kundgebung nach Messerangriff in Aue

Kundgebung auf dem Altmarkt in Aue
Auf dem Altmarkt in Aue haben sich am Sonnabend nach Polizeiangaben rund 2.000 Menschen versammelt. Bildrechte: MDR
Kundgebung auf dem Altmarkt in Aue
Auf dem Altmarkt in Aue haben sich am Sonnabend nach Polizeiangaben rund 2.000 Menschen versammelt. Bildrechte: MDR
Kundgebung auf dem Altmarkt in Aue
Aufgerufen zu der Kundgebung hatte NPD-Politiker Stefan Hartung nach einem Messerangriff in der Kirchgemeinde Aue an Heiligabend. Bei einer Weihnachtsfeier war ein Streit unter Ausländern eskaliert. Ein 51-Jähriger wollte schlichten und wurde mit einem Stich schwer verletzt. Bildrechte: MDR
Kundgebung auf dem Altmarkt in Aue
Die Teilnehmer hielten unter anderem Plakete der rechten Bürgervereinigung Pro Chemnitz und der rechtsextremen Partei "Der Dritte Weg" in die Höhe. Bildrechte: MDR
Kundgebung auf dem Altmarkt in Aue
Die Polizei sicherte die Veranstaltung mit einem Großaufgebot ab. Bildrechte: MDR
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Die AfD Sachsen hatte ihre Mitglieder im Vorfeld aufgefordert, nicht an der Veranstaltung teilzunehmen. Linke Medienvertreter würden nur darauf warten, "möglichst viele Fotos von AfD-Mitgliedern 'Seit an Seit' mit der NPD produzieren zu können, um so die Mär von der 'Nazipartei' verbreiten zu können", teilte AfD-Landesvorsitzender Jörg Urban mit. Urban sprach von einer "Honigfalle", die NPD sei vom Verfassungsschutz durchsetzt.

NPD-Politiker Hartung verwahrte sich gegen den Verfassungsschutz-Vorwurf. In seiner Rede an die Kundgebungsteilnehmer sprach er von "Überfremdungszuständen". Das sei nicht das Erzgebirge, das er sich für seine Kinder wünsche. Nach Angaben des Statistischen Landesamtes lebten im Erzgebirge Anfang 2019 knapp zwei Prozent Ausländer - das ist der geringste Anteil Nichtdeutscher in Sachsen. Zu den zwei Prozent zählen nicht nur Asylbewerber oder Flüchtlinge, sondern z.B. auch EU-Bürger.

Nach Hartung ergriff Martin Kohlmann von der rechten Bürgervereinigung Pro Chemnitz das Wort. Er äußerte sich enttäuscht darüber, dass Superindentent Bankmann der Einladung zur Kundgebung nicht gefolgt sei. Auch kritisierte er die Bibelauslegung der Kirche in Bezug auf den Begriff des Fremden. "Heute lässt man aus der Bibel weg, was dem Multikulti entgegensteht", sagte Kohlmann.

Die Polizei sicherte die Veranstaltung mit einem Großaufgebot ab, unter anderem standen Wasserwerfer bereit. Wie die Polizei mitteilte, verlief der Einsatz mit rund 220 Beamten friedlich.

Opfer will sich weiter engagieren

Friedensgebet in Aue
Die Kirchenbänke sind zum Friedensgebet am Sonnabend dicht besetzt. Bildrechte: Niko Mutschmann

Am Heiligabend war auf einer Weihnachtsfeier für Bedürftige in der St.-Nicolai-Kirchgemeinde ein Streit unter Migranten eskaliert. Ein 51 Jahre alter Helfer wollte schlichten und wurde mit einem Stich schwer verletzt. Der Mann liegt im Krankenhaus, wurde dort operiert. Wie die Kirchgemeinde mitteilte, ist er inzwischen von der Intensivstation auf eine Normalstation verlegt worden. Bei einem Besuch habe der 51-Jährige betont, er empfinde keinen Hass und wolle sich weiter ehrenamtlich engagieren. Neben dem 51 Jahre alten Deutschen wurden ein 34-jähriger Iraner und eine weitere Person leicht verletzt. Ein 53 Jahre alter Syrer sitzt in U-Haft. Noch ist unklar, wer genau zugestochen hat. Auch die Gründe für den Streit sind nicht bekannt.

Quelle: MDR/jr/tfr/nj/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 28.12.2019 | 19:00 Uhr

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