20.03.2020 | 18:02 Uhr Behindertenwerkstatt in Schneeberg muss voerst schließen

In Sachsen arbeiten gut 17.000 Menschen in Behindertenwerkstätten. Sie leisten notwendige Arbeit für die Wirtschaft, benötigen aber besondere Zuwendung und Betreuung. Die Einrichtung in Schneeberg muss vorerst schließen.

Der Eingangsbereich eines Flachbaus mit dem Firmenschild "INVITAS".
Die Schneeberger INVITAS gGmbH betreibt eine Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Schneeberger Invitas gGmbH betreibt neben Wohngruppen und einer ambulanten Betreuung auch eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Was sonst reibungslos läuft, die Arbeiten in Tischlerei, Wäscherei oder bei der Grünanlagenpflege, kommt durch die Corona-Krise ins Stocken. Dabei bedeutet eine Schließung der Werkstatt durch die Behörden für die Menschen und ihre Betreuer eine noch größere Belastung als für andere Arbeitnehmer, sagt Invitas-Geschäftsführer Heiko Buschbeck.

Heiko Buschbeck, Geschäftsführer der INVITAS gGmbH.
Heiko Buschbeck, Geschäftsführer der INVITAS gGmbH. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Ich habe Sorge um die Mitarbeiter, die ihren strukturierten Tagesablauf verlieren würden. Bis hin zu ihrem Mittagessen, zum Gruppenleiter, der auch darauf achtet, dass die Hygienevorschriften eingehalten werden. Das wäre weg. Und natürlich wären aber ja die Menschen nicht weg, sondern sie brauchen dann an einer anderen Stelle Unterstützung." Aber auch der Blick auf die wichtigen Dienstleistungen der Werkstätten für ihre Kunden dürfe nicht vergessen werden, ergänzt er.

Auch schwerst- und mehrfachbehinderte Menschen sind betroffen

Eine Schließung der Werkstätten würde auch Abteilungen treffen, in denen schwerst- und mehrfachbehinderte Menschen betreut werden, sagt Buschbeck. "Das sind Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen oder kognitiven Einschränkungen nicht in der Lage sind, am produktiven Arbeitsleben teilzunehmen. Sie brauchen von uns eine viel stärkere Betreuung.

Wir haben viele Anrufe von besorgten Eltern, die fragen, wie sollen wir das schaffen, 24 Stunden für unsere Angehörigen da zu sein.

Heiko Buschbeck Geschäftsführer INVITAS gGmbH

Wichtige Arbeit: Landschaftspflege und Wäscherei

In einer gefliesten Wäscherei sortiert eine Frau Wäsche in Körbe.
Die Wäscherei der Einrichtung ist Dienstleitser für viele Einrichtungen und Betriebe der Umgebung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Donnerstag waren die Invitas-Mitarbeiter der Abteilung Landschaftspflege noch mit dem Heckenschneiden beschäftigt. Die Menschen geistiger oder psychischer Behinderung haben auch über das Corona-Virus diskutiert, können sich einen Alltag ohne ihre Arbeit aber nur schwer vorstellen. Auch in der Wäscherei war jede Menge zu tun. Selbst die Feuerwehr lässt ihre Einsatzkleidung hier reinigen. Die Hygienemaßnahmen sind laut Geschäftsleitung schon vor ein paar Tagen verschärft worden.

Kritik aus der Politik

Der Bundestagsabgeordnete Sören Pellmann (Die Linke) hat der sächsischen Staatsregierung am Donnerstag ein desaströses Krisenmanagement im Zusammenhang mit der noch nicht erfolgten Schließung der Werkstätten für Behinderte vorgeworfen. In einer Pressemitteilung hieß es: "Es ist unglaublich, dass sowohl die Menschen mit Behinderungen als auch die Betriebe sträflich im Stich gelassen werden. Für die vermeintlich schwächsten der Gesellschaft wird das Leben von akuten Sorgen um die Ansteckungsgefahren der Corona-Pandemie und der finanziellen Angst bestimmt. Hier muss die Sächsische Staatsregierung sowie die Bundesregierung unverzüglich handeln!"

Er forderte die sofortige Schließung der Einrichtungen bei gleichzeitiger finanzieller Sicherung. Heiko Buschbeck teilt die Vorwürfe nicht. "Der Staatsregierung Versagen vorzuwerfen, kann ich nicht verstehen. Es gibt in sehr vielen Bereichen Regelungsbedarf und gute Gründe, die gegen eine Schließung sprechen." Die Kolleginnen und Kollegen in Sachsen würden alle an Lösungen arbeiten.

Aus meines Sicht bleibt es wichtig, gerade für diejenigen, die Unterstützung und Betreuung besonders benötigen, diese auch weiter zu ermöglichen.

Heiko Buschbeck Geschäftsführer Invitas gGmbH

Bisher dürften die, die das Angebot benötigten und möchten, auch da sein. Das galt bis zum Donnerstag. Am Freitag hat die Landesregierung unter anderem die Schließung von Werkstätten für Behinderte ab Sonntag verfügt. Allerdings kann die Betreuung für Menschen, die zu Hause nicht entsprechend versorgt werden können, weiterhin erfolgen. Auch Aufträge, die für das wirtschaftliche Überleben der Einrichtung notwendig sind, können weiterhin abgearbeitet werden.

Auf einem Kleintransporter ist ein Bild mit Gartenarbeitern aufgedruckt.
Vorerst sind diese Landschsaftspfleger weiter unterwegs. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der Wäscherei der Behindertenwerkstatt in Schneeberg werden keine Menschen mit Behinderung mehr eingesetzt. Die Grünpflege soll dagegen fortgesetzt werden. Auch für die Menschen mit Behinderung, die zu Hause nicht betreut werden können, bleibe die Einrichtung geöffnet. "Damit ist ein Kompromiss gelungen, mit dem wir erst einmal leben können, trotz vieler Unsicherheiten, die noch vor uns liegen", sagt Heiko Buschbeck abschließend.

Quelle: MDR/tfr

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 19.03.2020 | 19:00 Uhr

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