ARD-Themenwoche #wieleben Abwanderung in Johanngeorgenstadt - Sachsens Demografie-Verlierer

Der Trend ist nicht neu. Schon seit Jahren gibt es massive Bevölkerungsungleichgewichte in Deutschland. Besonders Ostdeutschland ist davon betroffen. Viele Ostdeutsche zogen nach der Wende in den Westen, um einen Job zu finden. Heute haben die ländlichen Regionen in ganz Deutschland mit dem Wegzug in Ballungsgebiete zu kämpfen. Besonders deutlich wird das im Erzgebirge, wie ein Besuch von MDR SACHSEN-Reporter Matthias Wetzel in Johanngeorgenstadt zeigt.

Geschnitzte Figurengruppe 'Flucht der Exulanten'
Diese Figurengruppe beschreibt symbolisch das Problem, das Johanngeorgenstadt hat: Viele Einwohner kehren dem Ort den Rücken. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Die Herbstsonne meint es gut mit Johanngeorgenstadt. Der weltgrößte Schwibbogen reckt sich in den Himmel und die Figuren der größten Pyramide des Erzgebirges heben sich wirkungsvoll vom blauen Himmel ab. Passanten sind nur wenige unterwegs. Drei ältere Frauen haben es sich auf der Schaufensterbank eines Geschäfts gemütlich gemacht und blinzeln in die Sonne. Wo das Zentrum von Johanngeorgenstadt ist? "Hier, wo Sie stehen ist das Zentrum", antworten sie lachend.  

Rentnerinnen in Johanngeorgenstadt
In Johanngeorgenstadt leben vorwiegend ältere Menschen. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Einst 40.000 Einwohner  

Eine breite Straße, ein paar Wohnblocks aus den 1950er Jahren und ein Park. So sieht heute das Stadtzentrum von Johannstadt, wie die Einheimischen Johanngeorgenstadt nennen, aus. "Das alte Stadtzentrum, etwa einen Kilometer talabwärts, ist in den 1950er Jahren zum großen Teil abgerissen worden, weil es durch den Wismut-Bergbau einsturzgefährdet war", sagt eine der Frauen. Damals hätten über 40.000 Menschen hier gewohnt. Viele von ihnen waren durch den Uran-Bergbau hierher gelockt worden. 

Ladenstraße in Johanngeorgenstadt
Das Zentrum von Johanngeorgenstadt - viele Immobilien stehen leer. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Stadt schrumpft seit einem halben Jahrhundert

Als der Uran-Boom zehn Jahre später zu Ende war, zogen die meisten von ihnen weiter. Übrig blieb ein Ort ohne Stadtzentrum, mit einer überdimensionierten Infrastruktur und Wohnhäusern, die über ein riesiges Areal verteilt sind. In den Jahren danach entstanden neue Industriebetriebe, eine Fabrik für Kinderbekleidung, eine Werkzeugmaschinenfabrik, das Eisenwerk und vieles mehr.

1989 hatte Johanngeorgenstadt knapp 10.000 Einwohner. Mit der Wende kam die nächste Zäsur. Die Betriebe machten dicht und die Menschen suchten sich woanders Arbeit. Vor allem die Jungen gingen weg. Auch die Kinder der drei älteren Damen zogen fort. Heute hat die Stadt noch knapp 4.000 Einwohner. Und Johanngeorgenstadt schrumpft weiter. Laut einer aktuellen Studie wird die Kommune in 15 Jahren die Stadt mit dem größten Bevölkerungsschwund in Sachsen sein. 

  

Herausforderungen statt Probleme

Johanngeorgenstadts Bürgermeister Holger Hascheck
Bürgermeister Holger Hascheck Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Das treibt auch den Bürgermeister um, auch wenn Holger Hascheck lieber von Herausforderungen als Problemen spricht. Der 55-Jährige mit SPD-Parteibuch ist seit 19 Jahren Stadtoberhaupt. "Wir versuchen, Johanngeorgenstadt für unsere Leute lebenswert zu erhalten. Wir haben alles hier: Kindergarten, Grundschule, Vereine, Arztpraxen und Einkaufsmöglichkeiten. Hier kann man gut leben und Jobs gibt es auch." Trotzdem: Die Abwanderung konnte bisher nur verlangsamt werden. In den vergangenen Jahren hat sich das Ortsbild einschneidend geändert. Etliche Wohnblocks, ein Kaufhaus, das Kulturhaus und Fabrikanlagen wurden abgerissen. Zurückgebaut heißt das im Beamtendeutsch, das klingt weniger rabiat. Aber machen fehlende Häuser eine Stadt wirklich attraktiver? Hascheck sieht es pragmatisch: Ruinen seien jedenfalls auch nicht attraktiv. Und zudem kosten sie Geld. 

Rendite bleiben aus - Häuser verfallen

Noch immer gibt es große leerstehende und verfallende Gebäude. Die hatten nach der Wende Holländer, Franzosen oder Engländer gekauft und auf große Rendite gehofft. Doch die blieb aus und nun verfallen die Häuser seit Jahren. "Die Ruinen verschandeln das Stadtbild. Aber abreißen können wir die nicht, weil sie uns nicht gehören", sagt Hascheck. Erst vorige Woche hätten Unbekannte in einem ehemaligen Ferienheim randaliert. Die Stadtverwaltung schrieb den Besitzer in den Niederlanden an. "Wahrscheinlich macht der den Brief nicht mal auf", sagt der Bürgermeister und winkt ab.  

Ruine eines Ferienheims
Das ehemalige Ferienheim - eine Ruine. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Hoffnung Abrissbirne

Das Thema Abriss spielt auch für Steffen Unger eine Rolle. Der Mittvierziger ist der Chef der kommunalen Wohnungsgesellschaft. Schon in den vergangenen Jahren hat die Wohnbau GmbH etliche Wohnhäuser abgerissen. Und es geht weiter. Denn von den derzeit knapp 800 Wohnungen stehen etwa 300 leer. Deshalb sollen in den nächsten fünf Jahren noch einmal 213 Wohneinheiten der Abrissbirne zum Opfer fallen. Denn leere Wohnungen verursachen Kosten. Und Kosten kann sich die Wohnbau nicht leisten.

Wohnbau-Chef Steffen Unger
Wohnbau-Chef Steffen Unger bleibt angesichts des hohen Leerstandes nur eines übrig: Abriss. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Seit Jahren lasten Millionenschulden auf dem kommunalen Unternehmen. Um die abzubauen hat das Land über vier Millionen Euro zugeschossen. Unger sieht seit langer Zeit wieder Licht am Ende des Tunnels: "Wir haben jetzt zum ersten Mal Geld zur Verfügung, um Wohnungen zu sanieren und nicht nur, um zu reparieren." Und attraktive Wohnungen seien natürlich besser zu vermieten. Im vergangenen Jahr habe es erstmals mehr Neuvermietungen als Wegzüge oder Todesfälle gegeben. 

Weltgrößter Schwibbogen in Johanngeorgenstadt
Das kann Johanngeorgenstadt keiner nehmen: Den weltgrößten Schwibbogen. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Kampf um die Wenigen

Das Hauptproblem ist aber die Überalterung. Der Altersdurchschnitt in Johanngeorgenstadt liegt derzeit bei über 55 Jahren. Dass die Jugend fehlt, spüren auch die Sportvereine. "Alle kämpfen um Nachwuchs. Und da sind wir in gewisser Weise Konkurrenten. Man muss sich also was einfallen lassen", sagt Olaf Beyer vom Wintersportverein 08. Sein Verein geht schon in den Kindergärten und der Grundschule auf Talentsuche. Mit Erfolg: "In den letzten Jahren hatten wir immer genügend Nachwuchs. Außerdem bekommen wir sehr viel Unterstützung von privaten Sponsoren und vom Kreis und vom Land." Deswegen blickt Beyer auch optimistisch in die Zukunft: "Es gibt ja auch Vorteile in einer kleineren Stadt."

Mann vor Luftbildern von Johanngeorgenstadt
Bürgermeister Hascheck zeigt anhand des Luftbildes: Dort, wo jetzt grüne Rechtecke zu sehen sind, standen früher Wohnblocks. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 15.11.2020 | 19:00 Uhr

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