13.10.2019 | 17:50 Uhr Alles Käse auf Sachsens ältestem Familien-Hof in Crottendorf

Bauer zu sein ist heutzutage kein Zuckerschlecken. Arbeit ohne Ende und trotzdem nur schmale Erlöse. Dennoch gibt es Familienbetriebe, die sich durchkämpfen. Wie Familie Fritzsch in Crottendorf - und das schon in der zehnten Generation.

Eine Frau steht vor einer Tür. An der Wand daneben steht "Dirkt vom Hof".
Gitta Fritzsch führt die über 400-jährige Famiientradition in Crottendorf fort, gemeinsam mit ihrem Mann Andreas. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Halb sechs geht es los, und das jeden Morgen. Ob Sommer, ob Winter, wochentags oder am Wochenende. Tiere kennen keine Ruhetage. Und Tiere haben die Fritzschs genug. "Bei uns stehen 127 Rinder im Stall und auf der Weide, davon 65 Milchkühe. Zusätzlich bewirtschaften wir 140 Hektar Land", sagt Gitta Fritzsch. Die 59-Jährige leitet zusammen mit ihrem Mann Andreas das Familienunternehmen im erzgebirgischen Crottendorf. Seit 1974 arbeitet sie auf dem Hof, 1978 heiratete sie Andreas und seitdem ist die gelernte Textilfacharbeiterin Bäuerin. Anfangs zusätzlich zu ihrem Job, später stieg sie dann voll in den Familienbetrieb ein.  

Älteste Familien-Hofwirtschaft Sachsens

"Unser Hof ist der älteste in Familienbesitz befindliche Bauernhof Sachsens", sagt Gitta stolz. Das erste Mal wurde der Fritzsch-Hof laut Ortschronist vor 425 Jahren erwähnt. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass es ihn schon länger gibt. Gitta und ihr Mann sind die zehnte Generation. Und die nächste steht schon in den Startlöchern. Sohn Mike wird den Hof einmal übernehmen und das beruhigt seine Mutter, obwohl sie weiß, dass er damit ein schweres Erbe antreten wird: "Es wird immer schwieriger, als Landwirtschaftsbetrieb zu bestehen. Wenn ich heute nochmal vor der Wahl stehen würde, ich würde mir sicher einen anderen Job suchen."  

Runde Käselaibe auf einem Regal.
In der Reifekammer lagern die Käselaibe - manche bis zu einem Jahr lang. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Vom Aufbruch in die Krise

Gitta und ihr Mann übernahmen 1991 den Hof. Die Wende war noch nicht lange vorbei und die jungen Eheleute optimistisch. "Zu DDR-Zeiten hätten wir den Hof nicht übernommen, sondern uns was anderes gesucht. Aber Anfang der 90er war so eine Aufbruchstimmung", erinnert sich Gitta. Doch es musste investiert werden, das war klar.

Gerätschaften aus Edelstahl zur Herstellung von Käse.
In der Käse-Manufaktur blitzt der Edelstahl. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Weil sie bei einer Ost-Bank keinen Kredit bekamen, gingen sie zu einer Bank im Westen. Von dem sechsstelligen Betrag bauten sie eine neue Scheune, denn um Geld zu verdienen, mussten sie mehr Vieh halten. "Die ersten Jahre lief es wirklich gut, doch dann wurden die Erlöse für die Milch immer geringer. 2008 kam dann das absolute Tief: 19 Cent für einen Liter", erinnert sich die Bäuerin. In dieser Zeit gingen viele Milchbauern pleite, sie schütteten die Milch auf die Felder. Viele gaben ihren Hof auf, verkauften die Tiere oder schafften sie in den Schlachthof. Übrig blieb meist ein Schuldenberg.  

Neustart mit 50

Auch bei den Fritzschs lief damals der Hof im Krisenmodus. Aber die Milch wegschütten, kam für sie nicht in Frage. Zum Glück hatte Gitta eine Idee. Wenn schon keiner Milch kaufte, dann vielleicht Käse oder Joghurt? Die Idee einer "Hofkäserei" war geboren und Gitta machte sich erst einmal im Internet schlau, wie man Käse macht. "Das Prinzip ist ja nicht schwer. Also haben wir eine erste Ausrüstung angeschafft und losgelegt."

Die Milch wegschütten - das ging gegen meine Ehre.

Gitta Fritzsch Käse-Bäuerin aus Crottendorf
ein vier Tage altes Kälbchen
Erst vier Tage alt. Die Kleinsten stehen noch im Stall. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Auf ihre Internet-Annonce "50-jährige Frau möchte das Käsemachen lernen" meldete sich ein Familienbetrieb aus der Schwäbischen Alb und kurz darauf stand die Erzgebirgerin mit ihrem Koffer vor der Tür. Doch drei Monate Praktikums-Zeit hatte sie nicht. Also absolvierte Gitta einen Crash-Kurs in nur zwei Wochen. "Ich habe von früh bis spät gearbeitet aber in den 14 Tagen sehr, sehr viel gelernt", erinnert sie sich. Mit ihren "Ausbildern" hat sie bis heute noch sehr guten Kontakt.

Homöopathie statt Antibiotika

Ein Bio-Hof ist der Fritzsch-Hof nicht. Wenngleich die Familie auf vorbeugende Medikamentenzugaben im Tierfutter verzichtet. "Das Wichtigste ist, die Tiere und ihr Verhalten zu beobachten. Dann merkt man sofort, ob was nicht stimmt. Seit 1992 arbeiten wir mit homöopatischen Arzneimitteln und der Erfolg gibt uns recht", sagt Gitta.

Dokumente, Dokumente, Dokumente

Mit dörflicher Romantik à la "Landlust" hat das Dasein des Bauern aber heute nicht mehr viel zu tun. Eher mit dem Alltag eines Büroangestellten. "Die Bürokratie ist in den vergangenen Jahren immer schlimmer geworden: Anträge, Nachweise, Kontrollen, Formblätter. Eigentlich bräuchten wir eine Bürokraft. Aber wer soll das bezahlen?", stöhnt die Chefin. Aber mancher Antrag hat auch sein Gutes. Mit dem EU-Leader-Förderprogramm bauten die Fritzschs in das alte Bauernhaus einen Hofladen mit modernster Käserei ein. Und mittlerweile bieten sie dort neben Joghurt und Milch 20 verschiedene Käsesorten an, vom Wacholderkäse über Camembert mit Schabziegerklee bis zu Crottendorfer Vogelbeerkäse.

Astronaut hilft im Nachfragehoch

Eine Frau erklärt die Funktionseise eines Melk-Roboters
Der jüngste Angestellte in der Firma Fritzsch. Melkroboter Leli Astronaut A5 geht in ein paar Tagen in Betrieb. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Inzwischen hat Gitta nach ihrem 14-Tage-Käse-Kurs weitere Qualifizierungen und Schulungen besucht, sodass einige der Fritzsch-Kreationen bei deutschlandweiten Vergleichen schon Gold- und Silbermedaillen abgeräumt haben. "Wir verarbeiten inzwischen ein Viertel unserer Milch zu Käse. Das sind 70.000 bis 80.000 Liter im Jahr und die Nachfrage steigt. Wir kommen gerade gar nicht hinterher", lacht die Chefin. Genau aus diesem Grund gibt es jetzt im Familienbetrieb einen Helfer. Es handelt sich um "Leli Astronaut A5", einem vollautomatischen Melkroboter, der demnächst den erzgebirgischen Familienbetrieb unterstützen wird.

Quelle: MDR/mwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 18.10.2019 | 16:30 Uhr Veranstaltungstipps aus dem Studio Chemnitz

Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2019, 17:51 Uhr

1 Kommentar

Maria A. vor 4 Wochen

Hochachtung und Anerkennung dieser Familie, die sich mit Herzblut und enormem Einsatz erfolgreich gegen alle Widrigkeiten behauptet und ihre Landwirtschaft behalten hat. Es gibt immer weniger Mitmenschen, besonders unter jüngeren Generationen, die unseren Landwirten den nötigen Respekt entgegen bringen, geschweige denn Wertschätzung dafür, was es bedeutet, tagtäglich harte körperliche Arbeit zu leisten, psychisch dem enormen Preisdruck stand zu halten und sich dazu jedes Jahr wieder mit allen möglichen Wetterkapriolen arrangieren zu müssen.

Mehr aus Annaberg, Aue und Schwarzenberg

Mehr aus Sachsen