Inklusionspreis Mutter aus Annaberg-Buchholz erkämpft für ihr blindes Kind Platz an der Regelschule

Der Sächsische Inklusionspreis ist am Montag zum dritten Mal vergeben worden. Geehrt wurden Sachsen, die sich für die Integration von Menschen mit Behinderung einsetzen. Zu den Preisträgern gehört Maike Limprecht aus Annaberg-Buchholz. Sie hat ihrer sechsjährigen blinden Tochter Martha und anderen blinden Kindern den Besuch an einer Regelschule erkämpft. Diese Kinder sind die ersten, die in Sachsen eine solche Schule besuchen. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Für uns war von Anfang an klar, dass unser Kind in Annaberg-Buchholz in den Kindergarten gehen soll. Zwei Stunden Fahrt am Tag in eine Fördereinrichtung und keine Freunde in der Stadt - das sollte nicht der Weg sein.

Maike Limprecht, eine der Preisträgerinnn des Sächsischen Inklusionspreises.
Maike Limprecht hat den Sächsischen Inklusionspreis erhalten. Bildrechte: Maike Limprecht

Wir haben nach einem Kindergarten hier gesucht und irgendwann auch einen gefunden. Der Montessori-Kindergarten war bereit, unser Kind aufzunehmen. Anfangs waren alle Beteiligten ziemlich aufgeregt, was sich als absolut unbegründet herausgestellt hat. Im Kindergarten waren kaum Veränderungen nötig. Es ging nur um die richtige Einstellung. Martha hat genau drei Tage zur Eingewöhnung gebraucht. Wir haben Beschriftungen in Brailleschrift angebracht. Wir haben das zu Hause auch gemacht und haben in Brailleschrift alle möglichen Gegenstände beschriftet - Stühle, die Heizung etc. Martha konnte das zwar noch nicht lesen, aber sie fand es spannend, dass es Schrift ist. Das gipfelte dann irgendwann darin, dass sie ein normales Buch aus dem Regal gezogen hat, es aufgeschlagen hat und festgestellt hat:

Mama, es gibt Bücher mit Schrift und ohne Schrift!

Martha
Ein Tafel mit Alphabet und entsprechender Brailleschrift-Übersetzung.
Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Brailleschrift Die Brailleschrift ist eine Blindenschrift, die 1825 vom Franzosen Louis Braille entwickelt wurde. Die Schrift besteht aus Punktmustern, die als Erhöhung auf dem Papier zu ertasten sind. Die einzelnen Buchstaben werden mit sechs Punkten dargestellt - drei senkrecht und zwei waagerecht. Damit sind 64 verschiedene Zeichen darstellbar.
Es gibt Punktschriftmaschinen, mit denen sich, ähnlich wie mit einer Schreibmaschine, die Zeichen auf Papier prägen lassen.

Dadurch, dass es im Kindergarten so gut lief, haben wir gleich begonnen, uns um eine Schule zu bemühen. Wir mussten uns positionieren: Förderschule oder Regelschule. Wir wollten, dass Martha in eine Regelschule geht, obwohl ich mir gedacht habe, dass das kompliziert werden könnte. Die Ämter wirkten damals eigentlich aufgeschlossen und haben gesagt, es sei gut, dass wir uns so früh melden. Wir sollten aber eine Schule suchen, die bereit wäre, unser Kind aufzunehmen. Das haben wir alles getan, haben unsere Aufgaben immer erfüllt und durften immer wieder zu Besprechungen nach Chemnitz fahren. Aber dort passierte dann über Jahre nichts.

Das hat eine hohe Frustration bei uns ausgelöst.

Maike Limprecht

Nach zwei Jahren, in denen sich nichts bewegt hat, haben wir uns dann mit anderen betroffenen Eltern zusammengeschlossen. Erst ein Brief an alle relevanten politischen Personen hat dann Bewegung in die Sache gebracht. Erst dann hatten wir einen gemeinsamen Termin beim sächsischen Kultusministerium. Dort wurde dann unter anderem festgelegt, dass Martha eine Regelschule in Annaberg-Buchholz besuchen kann und die Tochter einer Dresdner Familie eine Grundschule dort.

Ein Kinderbuch mit erhabenen Bildern und Sätzen in Brailleschrift.
Wie im Kinderbuch: Der Weg durch den Behördendschungel. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Ich muss deutlich sagen, dass uns die Chemnitzer Blindenschule wirklich unterstützt hat. Dort sitzen die Experten, die wissen, was ein blindes Kind an Hilfsmitteln braucht in der Schule. Auch jetzt bekommen wir von dort Tipps, was wir beachten müssen in der Vorbereitung auf die Einschulung. Auch der Schulleiter der Grundschule ist sehr engagiert.

Was fast noch wichtiger ist: Wir haben eine ganz engagierte Lehrerin dort, die jetzt extra eine Weiterbildung zur Sonderpädagogin mit dem Schwerpunkt Sehen absolviert. Und wenn man jemanden findet, der von sich aus die Bereitschaft dafür aufbringt, dann hat man schon fast alles, was man für diesen Weg braucht.

Mal sehen, was unsere Kinder in ein paar Jahren dazu sagen. Bei dem Dresdner Kind, das schon eingeschult ist, funktioniert alles bisher sehr gut. Ich bin überzeugt, dass sich die Mühe gelohnt hat. Und ich bin der Überzeugung, es wird sich noch für andere Kinder auszahlen. Ich denke, es ist keine Lösung, Menschen mit Behinderung zu separieren. Martha wird sich schließlich auch später in einer Welt der Sehenden zurechtfinden müssen.

Ich glaube, auch gesellschaftlich tut sich im Moment eine ganze Menge. Ich bin mir sicher, dass Kinder, die mit Menschen mit Behinderung aufwachsen, auch später selbstverständlicher damit umgehen werden. Und sie werden es auch nicht irritierend finden, auch am Arbeitsplatz Menschen mit Behinderung zu begegnen.

Ein blindes Mädchen orientiert sich an einem Schulwegweiser mit Signets und Braille-Schrift.
Solche Wegweiser ermöglichen blinden Kindern, sich in einer Schule besser zu orientieren. Bildrechte: Jessica Lotze

Das Gespräch mit Maike Limprecht führte MDR SACHSEN-Redakteur Thomas Friedrich.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 03.12.2018 | 14:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Chemnitz

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Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2018, 21:28 Uhr

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9 Kommentare

06.12.2018 23:59 Reiner Weiss 9

Ich bin selber ein Freund einer Familie die eine kleine blinde Tochter hat. Durch sie bin ich auf den Artikel aufmerksam gemacht worden.
Ich kann weder Applaus noch Kritik an dem Inklusionspreis geben.
Es ist wie bei allen Lebensfragen: der goldene Mittelweg! Mit Sicherheit sind behinderte Kinder in der Schulklasse eine Bereicherung für alle Beteiligten. Das Leben ist hart und man wird so früh darauf vorbereitet. Der Umgang miteinander. Empathie!
Das ist überhaupt das wichtigste, was eine Schule JEDEM mit auf den Weg geben sollte. Daran zerbricht derzeit die Welt!
Was Tafel und Lesen anbelangt:
Die heutige KI („Siri“ & co) ist so stark, dass über Kopfhörer ALLES simultan durchgereicht werden kann.
Wer Religionsuntericht nach Katholisch, Evangelisch oder Muslimisch aufteilen kann, sollte sich verdammt nochmal ein paar Gedanken über die wirkliche Lösung unserer Probleme machen!

05.12.2018 18:01 J.Heder 8

Ich kann es nur begrüßen das behinderte Menschen gemeinsam mit nicht behinderten lernen und später auch gemeinsam arbeiten. Ich erlebe aktuell selbst durch eine sehr seltene unheilbare Krankheit wie es ist vom "funktionierenden Mensch" zum behinderten Menschen zu werden; und daß zunehmend. Erst dann, wenn etwas nicht mehr geht wie man es "schon immer kannte" merkt man wie es Behinderten ergeht und wie diese in der aktuellen Gesellschaft behandelt und an den Rand geschoben werden. Und einige Behörden spielen bei "Hilfe zur Selbsthilfe" eine sehr unrühmliche Rolle. Gesetze stehen eben auch "bloß auf Papier"; und daß soll ja sehr Geduldig sein.....
In meinen Augen; gut gemacht! Meine Hochachtung auch an die Lehrerin, welche sich ohne nach "mehr Geld" zu rufen auf die Schulbank setzt um sich zu Qualfizieren trotz des vorhandenen Druck.

05.12.2018 17:10 Bea 7

Wie gut, dass Eltern nicht lockerlassen und das eigentlich Selbstverständliche einfordern. Zum Wohle ihrer Kinder, ja, aber auch zum Wohle der anderen und dem gesellschaftlichen Miteinander. Vielfalt und gegenseitiger Respekt muss von Anfang an gelernt werden, dann wird das Miteinander Verschiedener auch ganz normal. In anderen Ländern ist es völlig normal für die Gesellschaft, für die Kinder, für die Lehrer, dass ganz verschiedene Menschen zusammen unterrichtet werden. Dass im Jahr 2018 in Sachsen so etwas mühsam erstritten werden muss, erscheint mir problematisch. Wichtig wäre natürlich, dass die Lehrer/innen dabei strukturell unterstützt werden, das zu leisten, also personell und als Weiterbildung. Ob jemand für sein Kind eine Sonderschulform wählen möchte oder die Regelschule für passend hält, sollten dann Eltern und Kind entscheiden dürfen. Beides muss angeboten werden, auch rechtlich, wenn man die UN Menschenrechtskonvention beachtet, die auch Deutschland unterzeichnet hat.

05.12.2018 16:28 Freiheit 6

Da fragt man sich, wem ist damit geholfen? Dem Kind sicher nicht und den anderen Kindern auch nicht. Wozu gibt es Schulen, die spezialisiert sind im Umgang mit dieser Behinderung? Das ist wieder so ein ideologischer Schwachsinn und natürlich muss es dafür einen Preis geben. Das Land wird immer bekloppter.

05.12.2018 14:32 Atze 5

Ich kann mir gut vorstellen, dass ein oder zwei
blinde Kinder in einer Regelklasse sitzen.
Dann müssen aber auch solche guten Bedingungen für das Lernen geschaffen werden.
1. Z.B. Klassenstärke nicht über 20 Kinder.
2. Zusätzliche Vergütung für einen zusätzlich qualifizierten Lehrer
3. Mittel für die Schule, damit sie besondere Lehrmittel anschaffen kann usw.
So kann auch für die Kinder der Klasse ein grosser Gewinn entstehen und die Freude des gemeinsamen Lernens.
Aber die Wirklichkeit sieht sicher anders aus. Man kann nicht den zweiten Schritt vor dem ersten in Sachsen tun , wo es noch nicht mal genügend ausgebildete Lehrer gibt.
Ausserdem sollte Lehrern solch ein schwieriger Unterricht nicht aufgezwungen werden, sondern wie gesagt, interessierte und motivierte Lehrer sollten sich für so eine Inclusion entscheiden. Das versetzt Berge. MfG

05.12.2018 12:48 Morchelchen 4

Man fragt sich, was das soll? Der Mutter (Die auch noch geehrt wird dafür!) das Gefühl geben, sie hätte ein nicht behindertes Kind? Man darf doch noch behaupten, es ist eine Behinderung, blind zu sein, oder fällt dies auch unter den Index? Wieso wollen Eltern überhaupt ihren blinden Kindern eine echte Förderung vorenthalten, wie die nun mal nur in einer Schule für Sehbehinderte geboten werden kann? Außerdem - mir tun die anderen Kinder leid, die davon abgelenkt werden, dass das blinde Mädchen nichts sehen kann und halt fragen muss, was an der Tafel steht. Also, wenn es noch so ist, dass die Lehrerin oder der Lehrer Wörter an die Tafel schreibt... Zudem ist es für das Kind ja schlimm - es kann nur per Blindenschrift lesen und schreiben, die man nun weiß Gott nicht jeder Lehrkraft abverlangen kann. Oder soll wegen Einzelfällen zukünftig in allen Schulen Beschriftung mit Braille die Regel sein? War Demokratie nicht so gedacht, dass die Mehrheit die Regeln vorgibt?

05.12.2018 11:58 Annett Rupprecht 3

Liebe Frau Starke, ich hoffe für Sie, dass Sie allzeit "gesunde" Kinder im Sinne von "nichtbehinderte" behalten werden! Ich bin selbst Mutter einer von Behinderung betroffenen nunmehr jungen Frau. Ich kämpfe gemeinsam mit meinem Mann seit über 21 Jahren an allen nur denkbaren Fronten, um für unsere Tochter ein möglichst "normales" Leben zu ermöglichen und der Besuch der Regel-Grundschule war auch für unsere Tochter sehr wichtig. Für uns ist es als katastrophal einzuschätzen, dass es immernoch die Eltern sind, die den schulischen Werdegang des Kindes ebnen müssen! Sie haben keine Ahnung, was da alles dranhängt! @Frau Limprecht: Gut gemacht, Gratulation & Respekt!!!

05.12.2018 06:55 Franziska Starke 2

Liebe Eltern blinder, gehörloser, körper- o.a. behinderter Kinder, die unbedingt in eine Regelschule gehen sollen!
Ich verstehe Euer Anliegen vollkommen, jedoch sieht es z.Z. in unserer Grundschule so aus: seit Schuljahresbeginn zwei Dauerkranke, dafür Seiteneinsteiger als Vertretung. Beide Kollegen jetzt wieder da, dafür eine neue Dauerkranke. Ein Kollege abgezogen, der zweite teilweise, weil anderswo die "Luft mehr brennt". Diese Woche schon die zweite Klasse aufgeteilt, da der fünfte Kollege krank ist... Alle anderen schniefen, hüsteln und hangeln dann mit 35+x Kindern irgendwie am Limit - nur noch 2 1/2 Wochen bis Weihnachten...
Und da wundert Ihr Euch, dass wir keine Lust auf Integrationskinder haben? Wo doch noch nicht mal der gesetzlich verbriefte Anspruch auf DAZ- oder Anfangsunterricht abgesichert werden kann???

05.12.2018 03:48 ein schon länger in Deutschland lebender 1

ich will ja nicht schon wieder damit anfangen, aber wenn man sich überlegt was die Eltern durchgemacht haben

und bei den Schutzsuchenden, die ihre Herkunft verschleiern, die nicht mitwirken .....

da werden die Mrd nur so rausgehauen für sogenannte Integration!

Meinen größten Respekt an die Eltern.

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