Zum Pendleraktionstag Zurück von Shanghai nach Mildenau

Unternehmen und Wirtschaftsförderung geben sich viel Mühe, Fachkräfte zurück nach Sachsen zu holen. Was dabei zählt, sind lukrative Jobs. Was ihnen in die Hände spielt, ist das Heimweh der potenziellen Heimkehrer. MDR SACHSEN hat einen der Heimkehrer getroffen, der einen besonders langen Weg nach Hause hatte.

Ein Mann zeigt lachend mit beiden Armen an einer Weltkarte die Entfernung zwischen Shanghai und Mildenau
Fast ein Viertel des Erdumfangs war Björn Seidel von zu Hause entfernt. Bildrechte: MDR/Nora Kilenyi

Wer Björn Seidel beim Vlieshersteller Norafin in Mildenau besucht, bekommt als erstes eine gelbe Warnweste überreicht. Dann geht's durch die Produktionshallen, entlang eines schmalen Besucherpfades, der auf dem Betonfußboden gemalt ist. Überall laufen Kollegen über den Weg und grüßen den noch recht neuen Vertriebschef gut gelaunt. Das Arbeitsklima wirkt für Außenstehende sehr familiär. Im Verwaltungsgebäude im Konferenzraum fängt Björn Seidel an zu erzählen.

Von Kong Fu zu Wirtschaftschinesisch

Der 34-Jährige stammt ursprünglich aus Rittersgrün. Als Weltenbummler sieht er sich nicht. Aber als Jugendlicher hätten ihn schon immer die Jackie Chan und Kung Fu-Filme fasziniert. Mit 14 Jahren träumte er davon, später in China in ein Mönchkloster zu gehen. Er studierte Wirtschaftschinesisch, war auch während des Studiums ein Jahr in China. Doch danach kam der Alltag. Er arbeitete als Personaler in München. Irgendwann merkte er, das eine Jahr hatte nicht gereicht: China reizte ihn noch immer. "Ich habe alle meine Sachen gepackt und geschaut, wie lange ich es dort aushalte."

Sieben Jahre in Shanghai

Das Mönchkloster war mit mehr Lebenserfahrung keine Option mehr für ihn. Seine erste berufliche Station in Shanghai war eine Marketingfirma, die für einen Luxushersteller für Sexspielzeuge arbeitete. Dann kamen unter anderem ein Versicherungsvertrieb und eine internationale Krankenversicherungsagentur. Irgendwann war es Zeit für ihn zurückzugehen.

"China ist kein Auswandererland wie Kanada, Australien oder Amerika. Niemand ist dort permanent. Alle nichtchinesischen Freunde, die man dort kennenlernt, gehen nach einer gewissen Zeit wieder. Irgendwann ist man da der 'last man standing'." Nach sieben Jahren sei das auch bei ihm der Fall gewesen. Dazu kam die langfristige Familienplanung: Gemeinsam mit seiner Freundin, die er in Shanghai kennengelernt hatte, entschied er sich, nach Deutschland zurückzugehen.

Erzgebirge hat gewonnen

"Der Gedanke war zuerst, in eine größere Stadt wie München oder Leipzig zu gehen, schon um den noch rudimentären Deutschkenntnissen meiner Freundin entgegen zu kommen. Aber dann habe ich doch im Erzgebirge gesucht, einfach weil es eine vertraute Umgebung ist." Die meisten Freunde, die er noch hier habe, seien ihm nach so langer Zeit treu geblieben, er sei sehr herzlich wieder aufgenommen worden, so Seidel. Seit März dieses Jahres lebt er wieder hier, seine Freundin kommt im Frühjahr nach. "Ich bin sehr froh, dass es das Erzgebirge geworden ist."

"Das Erzgebirge ist eine boomende Region"

Mit dem Blick von außen hat er in den vergangenen Jahren beobachtet, dass sich das Erzgebirge wirtschaftlich gut entwickelt. Es gebe viele Betriebe, die wachsen. Auch viele, die so wie Norafin auf internationalen Märkten agieren. Klar müsse er hier im ländlichen Raum auch Abstriche machen. Ohne Auto zum Beispiel ginge gar nichts. Er wohnt in Lauter und arbeitet über 30 Kilometer entfernt in Mildenau - "das ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln unmöglich", so seine Erfahrung. Der Rest funktioniert: Einkaufsmöglichkeiten, Vereinsleben, Theatergruppe, selbst in einer Bürgerinitiative für den Erhalt eines Freibades arbeitet er mit. "Die Heimkehr ins Erzgebirge habe ich Null bereut", so sein Resümee.

"Die Fahne hochhalten"

Ein Mann steht lächelnd vor einer Weltkarte
Bildrechte: MDR/Nora Kilenyi

Unter seinen Freunden gibt es auch einige, die hier geblieben sind. Die seien so heimatverbunden, dass es für sie beinahe unvorstellbar sei, das Erzgebirge nach Chemnitz zu verlassen. Seine Heimatverbundenheit habe er in der Ferne wiederentdeckt. Auch andere seiner Freunde und Bekannten sind in die Heimat zurückgekehrt. "Mein Gedanke war, wenn die ganzen jugendlichen, beweglichen, weltoffenen Menschen das Erzgebirge verlassen, dann kann das nicht gut sein. Irgendjemand muss hier die 'Fahne hochhalten' und was daraus machen, um das einfach einen noch schöneren Fleck zu machen."

"Pendleraktionstage sind superklasse"

Nicht der Hauptgrund, aber ein wichtiger Schritt für seine Heimkehr war ein Pendleraktionstag, den Björn Seidel vergangenes Jahr besucht hatte: "Ich dachte, tolle Geschichte, dass es sowas gibt, dass die ganze Region beworben wird". Natürlich sei das Geld für etliche sicher auch noch ein Thema, denn Gehaltsunterschiede gebe es immer noch. "Auch das wird sich wahrscheinlich noch weiter ändern in Zukunft. Ich bin da ganz positiver Dinge."

Die nächsten Pendleraktionstage in der Region:

Ort Zeit Titel Veranstalter
Zwickau, Rathaus, Hauptmarkt 1 27.12., 9 bis 13 Uhr "Rückkehrerbörse - Komm' zurück!" Büro für Wirtschaftsförderung der Stadtverwaltung Zwickau
Aue, Kulturhaus, Goethestr. 2 27.12., 10 bis 14 Uhr Pendleraktionstag Erzgebirge Wirtschaftsförderung Erzgebirge GmbH
Annaberg-Buchholz, GDZ, Adam-Ries-Str. 16 28.12., 10 bis 14 Uhr Pendleraktionstag Erzgebirge Wirtschaftsförderung Erzgebirge GmbH
Freiberg, DBI, Halsbrücker Str. 34 27.12., ab 10 Uhr 2. "Job- und Karrieretag" und "Rückkehrer-Café" Nestbau-Zentrale u.a.

Quelle: MDR/tfr/nk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR - Das SACHSENRADIO | 21.12.2018 | 06:40 Uhr
MDR SACHSENSPIEGEL | 19.12.2018 | 19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 22. Dezember 2018, 16:27 Uhr

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