Irmela Mensah-Schramm blättert in einem Ordner
Irmela Mensah-Schramm lässt sich in ihrem Kampf gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit nicht beirren. Bildrechte: MDR SACHSENSPIEGEL/Wilke

24.05.2019 | 19:24 Uhr Update: Anti-Rassismus-Workshop im Erzgebirge geht schief

von Tobias Wilke

Irmela Mensah-Schramm blättert in einem Ordner
Irmela Mensah-Schramm lässt sich in ihrem Kampf gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit nicht beirren. Bildrechte: MDR SACHSENSPIEGEL/Wilke

Seit 17 Jahren veranstaltet Irmela Mensah-Schramm Anti-Rassismus-Workshops an Schulen und war damit schon fast überall in Deutschland zu Gast. Mitunter wird sie dabei auch mit fremdenfeindlichen Kommentaren der Schüler konfrontiert, doch was sie in einer 8. Klasse im Erzgebirge erlebte, sei "definitiv der Gipfel". Am 10. Mai wollte Irmela Mensah-Schramm ihr Projekt "Hass vernichtet!" in einer Oberschule im Erzgebirge vorstellen. Der Name der Schule ist MDR SACHSEN bekannt, aber die Aktivistin bat darum, ihn nicht zu veröffentlichen. Auch zum Schutz der wenigen Schüler, die ihr Entsetzen teilten über das, was sie in dieser Doppelstunde erleben musste.

Gelächter bei Berichten über Behinderte

Mensah-Schramm berichtet: "Als ich erzählte, dass ich früher mit schwerstbehinderten Kindern gearbeitet hatte, kam hämisches Gelächter. Als ich sagte, dass es da nichts zu lachen gibt, vier von ihnen seien unter qualvollen Umständen gestorben, wurde das Gelächter noch hämischer." Die 74-Jährige fuhr laut ihrem schriftlichen Protokoll dennoch fort mit ihrem Projekt, dem kunstvollen Übermalen von neonazistischen Parolen. Diese findet sie an Häuserwänden oder Laternenmasten und bringt sie in Kopien an die Schulen. Aus Hakenkreuzen werden tanzende Männchen oder Blumen, Hassbotschaften werden korrigiert oder mit Herzen übermalt.

Lehrerin greift nicht ein

Den Schülern hatte sie dafür Vorlagen gegeben, um selbst "kreativ" zu sein. Einer der Schüler strich bei "Lasst Menschen verrecken" das Wort "Menschen" durch, ersetzte es durch "Antifas" und malte SS-Runen daneben. "Das ist strafbar, die Lehrerin hätte eingreifen müssen" zeigt sich Mensah-Schramm noch zwei Wochen später entsetzt. "Das einzige Mal, dass die Lehrerin eingehakt hat, war, als sie mich aufgefordert hat, den Vortrag fortzusetzen, der ja massiv gestört wurde."

Am Ende der Doppelstunde gab Irmela Mensah-Schramm den Schülern die Möglichkeit, anonym ein Feedback abzugeben. Die handgeschriebenen Zettel durfte MDR SACHSEN im Original einsehen. Darin heißt es unter anderem (Rechtschreibung nicht korrigiert): "Ich habe ein fach eine ide für sie gehen sie in kz und mach sie die Gaskammer an", "ich kack auf ihre Meinung", "Antifaschistisches Veräter Pack".

Ein Zettel mit einer Nazi-Parole und einem Hakenkreuz
Schüler im Erzgebirge schmieren Nazi-Symbole auf Zettel. Eigentlich sollten sie rassistische Parolen kreativ beseitigen. Bildrechte: MDR SACHSENSPIEGEL/Wilke

Schulleitung bittet Gast um Stillschweigen

Die Schulleitung habe Mensah-Schramm daraufhin sehr nachdrücklich um Stillschweigen gebeten, aber die fordert dringend eine Aufarbeitung dessen, was vor zwei Wochen in dieser Schule geschehen sei. "Wenn dieses Problem so sichtbar wird, kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Da muss man Schwerpunkte setzen. Da fällt eben mal eine andere Unterrichtsstunde aus und dann redet man darüber." Dass die Schulleitung den Vorfall gemeldet hat, bezweifelt Irmela Mensah-Schramm.

Auch der Sächsische Kultusminister erfuhr erst durch die Recherchen von MDR SACHSEN davon. Christian Piwarz sagte, er kenne den Sachverhalt nicht, er kenne nur die Schilderung. "Sollte es sich so zugetragen haben, dann ist es höchst bedenklich und zeigt deutlich, dass wir gerade auch mit jungen Leuten intensiver in den Diskurs gehen müssen, dass solche Meinungen nicht toleriert werden können, weil sie fundamental gegen alles stehen, was unsere freiheitliche, demokratische Grundordnung und unser Gemeinwesen ausmacht", erklärte der CDU-Politiker.

Menschenrechtsaktivistin Irmela Mensah-Schramm ist bundesweit bekannt, weil sie rassistische und antisemitische Parolen dokumentiert und entfernt. Der resoluten Kämpferin für Demokratie und gegen Ausländerfeindlichkeit wurden schon mehrere Preise verliehen.

Quelle: MDR/lam

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 24.05.2019 | 19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2019, 19:24 Uhr

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181 Kommentare

26.05.2019 16:40 Pädagogin 181

Sehr geehrte Frau Mensah-Schramm,

ich merke schon, Sie kämpfen für Ihre Sache. ;-)

Ich war bei dem Geschehen nicht dabei und werde daher nicht weiter (be-)urteilen.

@ MDR in Beitrag 175
Okay, natürlich.

26.05.2019 16:12 Querdenker 180

Nachdem ich folgende Beiträge gelesen habe, wird mir einiges klarer:

Schüler1 (71), Paul (72), Pauline (162) und Pädagogin (171)

Ich halte den „Anti-Rassismus-Workshop“, in der Form wie er scheinbar durchgeführt wurde, für sehr fragwürdig. Auch in Hinblick auf die Freizeitaktivitäten von Frau Irmela Mensah-Schramm (siehe mein Beitrag 161).

Es gibt bestimmt bessere „Anti-Rassismus-Workshops“ bzw. Vorträge dazu.

Das unsägliche Verhalten einzelner Schüler ist natürlich, unabhängig davon, nicht entschuldbar.

26.05.2019 16:01 Irmela Mensah-Schramm 179

@ 176 Karten Zweiniger
Sehr geehrter Herr Zweiniger!
Gern!
Melden Sie sich einfach!

26.05.2019 15:25 aus Dresden 178

Die Workshops sind super. Sie sind ein hervorragendes Mittel zur demokratischne Erziehung junger Menschen.
Die Kinder und Jugendlichen werden schnell merken, dass wenn der Faschismus wiederkommt, dann wird er.....

@158 Der Ton macht die Musik (siehe hier etwa @14, @52, @ 124) und den bemerken die Kinder und Jugendlichen natürlich auch sofort...wie es heineinschallt....

26.05.2019 15:05 Irmela Mensah-Schramm 177

@ 171 Pädagogin
Ist das Demokratie mich mundtot zu machen ?
Versagt habe ganz sich nicht ich, das scheint nun mal festzustehen!
Ich habe mich nicht an die Presse gewandt - sondern umgekehrt - und die war schon ohne mich bestens informiert!

26.05.2019 14:51 Karsten Zweiniger 176

@Irmela-Mensah-Schramm

Sehr geehrte Frau Mensah-Schramm,
danke, dass Sie nun seit 2 Tagen ein souveränes Beispiel für den öffentlichen Dialog geben. Ich hoffe, dass möglichst viele Politiker (von der betreffenden Schule haben ja offenbar nur Schüler Internetzugang) all das lesen.
Ich würde Sie gerne möglichst gleich zu Beginn des neuen Schuljahres in meine Schule einladen!
Bleiben Sie standhaft!

26.05.2019 14:47 Pädagogin 175

Mein Beitrag 171

Liebes MDR Team, ich sprach von dem MDR Bericht an sich. Frau Mensah-Schramm scheint ja eine eher streitbare Aktivistin zu sein.

[Liebe Pädagogin, wenn wir nach streitbaren Positionen und Personen gehen würden, könnte nach diesem Maßstab über sehr vieles nicht berichtet werden. Eingeschlossen politische Parteien. Genau die Möglichkeit über strittige, kontroverse uns streitbare Ereignisse berichten zu können und zu dürfen macht das Gut der Presse- und Meinungsfreiheit in Deutschland aus.
Ihre MDR.de-Redaktion]

26.05.2019 14:19 Pädagogin 174

Sehr geehrte Frau Mensah-Schramm,

ich kann Ihre Traurigkeit verstehen. Aber die MDR Kommentarspalte ist nicht der Ort um das Geschehen aufzuarbeiten.

Sie sehen ja selbst, was hier passiert.
Ist einfach nicht die geeignete Plattform.

26.05.2019 14:09 Irmela Mensah-Schramm 173

@ Sachse 167
Sie irren sich:
Mein Workshop war unentgeltlich, da es mein Ehrenamt ist.
Aber vielleicht spendet die Hetz-Pegida mal was rüber?

26.05.2019 14:01 Anne. 172

Ich bin selbst in einer ostdeutschen Kleinstadt zur Schule gegangen in den1990er Jahren und habe damals bereits ähnliche Dinge erlebt. Das sind nun die Kinder derer, die in den 1990er Jahren als Naziskins die Gegend unsicher gemacht haben. Schon damals wurde relativiert und weggesehen. Wenn eine derartige Ideologie in den Familien vorherrscht, was soll Schule da noch zum positiven bewirken? Sachsen hat ein manifestiertes Problem mit rechtsradikalen Einstellungen. Es wird Zeit dies einzusehen und zumindest jene zu unterstützen, die dem noch etwas entgegensetzen.

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