05.02.2020 | 18:18 Uhr Rassismusvorwürfe gegen Schnitzer in Mildenau

Normalerweise würde eine Schnitzausstellung im erzgebirgischen Mildenau kein überregionales Medieninteresse wecken. Nicht so in diesem Jahr, denn Rassismusvorwürfe sind gegen einen Karikaturenschnitzer laut geworden - 17 Jahre nachdem das Werk des Anstoßes entstanden ist.

Geschnitze Figurengruppe: Fussballmannschaft mit überzeichneten, nicht-europäischen Gesichtszügen
Stein oder besser Holz des Anstoßes: die geschnitzten Fußballer von Guntram Müller Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Die Mildenauer Schnitzer sind aufgebracht. Mehr als 500 Schnitzereien zeigen sie in diesem Jahr auf ihrer Ausstellung im Gasthof des Erzgebirgsortes. Eine Arbeit sorgt dafür, dass sich Schnitzer Guntram Müller Rassismusvorwürfen ausgesetzt sieht: seine Nationalmannschaft, eine Karikatur mit überzeichneten, ausschließlich afrikanischen, asiatischen und türkischen Spielern. Sie ist bereits 2003 entstanden. Doch nachdem Journalisten Bilder von Müllers Fußballmannschaft in sozialen Netzwerken veröffentlicht haben, ist dort ein Sturm der Entrüstung losgebrochen.

Schnitzer äußert sich nicht zu seinem Werk

Müller selbst äußert sich nicht zu den Vorwürfen. Vize-Vereinschef Matthias Freund weiß aber, warum die Fußballmannschaft so entstanden ist.

Matthias Freund, stellvertretender Vorsitzender Schnitzverein Mildenau
Matthias Freund, stellvertretender Vorsitzender Schnitzverein Mildenau Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Guntram Müller hat sich 2003 gedacht, dass die Fußballklubs Spieler kaufen aus dem Ausland. Der Spielertransfer nahm immer mehr zu. Die sollten in der Nationalmannschaft spielen. Und dafür brauchten sie auch ganz schnell einen deutschen Pass. Er sagte sich, wenn das so weitergeht, haben wir 2010 eine ganz bunte Mannschaft, so wie sie hier zu sehen ist – natürlich als Karikatur.

Matthias Freund stellvertretender Vereinschef des Schnitzvereins Mildenau

Satire oder Diskriminierung?

Sotiria Midelia, Geschäftsführerin vom Antidiskriminierungsbüro Sachsen, bekam die Bilder der geschnitzten Fußballer ebenfalls zu sehen. Sie sieht in der Darstellung eindeutig eine Diskriminierung.

Als ich die Bilder gesehen habe, war für mich sehr schnell ganz klar, dass die Form der Darstellung ganz klar diskriminierend ist.

Sotiria Midelia Geschäftsführerin Antidiskriminierungsbüro Sachsen

Sie sei schockiert gewesen, dass die Schnitzerei so lange ausgestellt gewesen sei und in keiner Form kritisiert wurde. "Wenn die Figuren vor 17 Jahren entstanden sind, ein paar Jahre später einen Preis bekommen und erst heute Kritik geäußert wird, dann ist das für mich ein Beispiel für Alltagsrassismus." Für Midelia sei das keine Satire, "weil die Form, in der die Menschen dort dargestellt sind, eine diskriminierende Form ist." Sie sehe deutlich Verbindungen zu Darstellungen aus der Kolonialzeit.

Sotiria Midelia vom Antidiskriminierungsbüro Sachsen e.V.
Sotiria Midelia vom Antidiskriminierungsbüro Sachsen e.V. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Karikatur Das Wort "Karikatur" kommt aus dem Lateinischen. Im alten Rom wurde mit dem Wort "Carrus" ein überladener Karren bezeichnet. Daraus wurde das Verb "caricare", das für ein überzeichnendes und übertreibendes Darstellen bezeichnet. Spottbilder wurden schon damals "caricatura" genannt. Im Deutschen wurde daraus das Wort "Karikatur". Die Karikatur übertreibt bewusst, spitzt zu und verzerrt charakteristische Züge eines Ereignisses oder einer Person, um durch den aufgezeigten Kontrast zur Realität und die dargestellten Widersprüche den Betrachter der Karikatur zum Nachdenken zu bewegen.

Gestern ausgezeichnet – heute geächtet

Fünf Mal sind die Fußballer seit 2003 schon ausgestellt worden. Bei den Schnitzertagen in Annaberg-Buchholz 2006 lautete das Thema "Karikatur!. "Dort hat Guntram Müller mit dieser Schnitzarbeit zwei Mal den ersten Preis geholt, für Idee und Ausführung," sagt der stellvertretende Chef des Mildenauer Schnitzervereins, Matthias Freund. „Es hat sich noch niemand daran gestört." Warum das heute so ist, führt er auch auf Veränderungen in der Wahrnehmung zurück. "Für mich sind die Vorwürfe nur mit der Dünnhäutigkeit der Medien und der Bevölkerung zu erklären, die durch die Flüchtlingswelle ausgelöst wurde." Man sähe Dinge, die nicht so gemeint und gedacht gewesen seien.

Figurengruppe bleibt trotz Kritik ausgestellt


Sotiria Midelia will über den Schnitzer kein abschließendes Urteil fällen.

Ich könnte mir auch vorstellen, dass er sogar etwas Gutes machen wollte, indem er Vielfalt in einer Fußballmannschaft darstellen wollte. [...] Aber im Ergebnis und so, wie es dargestellt wurde, ist es im Endeffekt leider rassistisch diskriminierend.

Sotiria Midelia Geschäftsführerin vom Antidiskriminierungsbüro Sachsen

Überzeichnete, geschnitze Figurengruppe: Winnetou und Old Shatterhand als alternde Männer mit lahmem Pferd.
Winnetou und Old Shatterhand als alternde Männer, geschnitzt Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Matthias Freund sieht keinen Grund, die Figurengruppe nach den Vorwürfen aus der Ausstellung zu entfernen. "Guntram Müller ist ein hervorragender Schnitzer, sonst wären Karikaturen in dieser Qualität gar nicht möglich. Es sind noch mehr Karikaturen von ihm da - Winnetou und Old Shatterhand als Rentner oder Tierkarikaturen, da ist viel zu finden." Der Guntram sei einer, der mit seinen Arbeiten durch die Karikatur zum Nachdenken anregen will.

Quelle: MDR/tfr/al

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 05.02.2020 | 17:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Februar 2020, 18:18 Uhr

20 Kommentare

regina vor 1 Wochen

Ich empfinde die Schnitzerei als herabwürdigend und beleidigend, gerade für Menschen mit afrikanischer Herkunft. Satire hat auch etwas mit Stil und Niveau zu tun. Aber das hat sich in unserer Kultur schon lange verabschiedet. Als Böhmermanns "Gedicht" als Satire bezeichnet wurde, war ich fassungslos. Primitiver geht es nicht.

Fichtennadel vor 1 Wochen

Einem Schnitzer und einer Schnitzausstellung wird Rassismus vorgeworfen. Und dies für geschnitzte Figuren aus dem Jahre 2003 und nicht aus 1933 - 1945.
Was stellen diese Figuren dar? Einfach Satire und nichts anderes. Schon mehrere Zeitungsartikel sind erschienen. Welch Skandal im sächsischen Erzgebirge. Und diese Figuren haben auch noch Namen. Einer heißt Bimbolele. Der Arme.
Die Aufregung im Netz ist groß. Viele "gute Menschen" sind erschüttert. Aber gerade diese kennen kein Pardon mit Anderen. Verstehen keinen Humor und Satire mehr, da sie ja immer auf der richtigen Seite stehen und für diese mit allen Mitteln kämpfen. Egal wo der gesunde Menschenverstand auch bleibt.
Ich selbst finde diese Figuren, welche ich übrigens bereits vor Jahren bei einer früheren Ausstellung gesehen habe, nicht unbedingt schön. Aber die satirische Umsetzung ist einfach gelungen.
Ich hoffe, dass diese Schnitzwerke auch weiterhin der Ausstellung erhalten bleiben.

Oskar75 vor 1 Wochen

Also das schläge dem Fass den Boden aus. Anstatt das satirisch aufgezeigte Problem zu thematisieren, wird auf den Künstler und den Schnitzverein eingedroschen.
Macht sich jemand Gedanken warum das thematisiert wurde?
Wieviele Millionen werden für einzelne Spieler /Sportler verbrand, wie schnell werden Staatsbürgerschaften ermöglicht, nur um Goldmedalien zu erhalten (Eiskunstlauf- Savjenko!) aber wie wenig wird in die Förderung einheimischer Talente und aller Kinder und Jungendlicher investiert. Statt dessen werden gut integrierte "Ausländer" plötzlich und über Nacht abgeschoben...

Deutschland ich möchte k.....

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