DWD zieht Personal ab Die letzten bemannten Tage auf der Bergwetterwarte Fichtelberg

Seit 1916 erfasst die Wetterwarte auf dem Fichtelberg Wetterdaten. In der 103-jährigen Geschichte war die Wetterwarte nie unbesetzt, auch zu Kriegszeiten wurden die Messreihen nie unterbrochen. Ab dem 1. Januar 2019 wird das nun vollautomatisiert passieren. Die Mitarbeiter bekommen andere Aufgaben und werden versetzt. MDR SACHSEN hat mit einer von zuletzt drei Mitarbeitern gesprochen.

Claudia Hinz an ihrem Arbeitsplatz in der Wetterwarte
Claudia Hinz an ihrem Arbeitsplatz in der Wetterwarte auf dem Fichtelberg. Zuvor hatte sie schon auf den Wetterwarten auf der Zugspitze und Wendelstein gearbeitet. Ab dem 1. Januar 2019 wird sie ihre Arbeitszeit dann aufteilen: 50 Prozent auf dem Flughafen Leipzig-Halle und 50 Prozent von zu Hause aus. Bildrechte: Claudia Hinz privat

Seit 2012 arbeitet Claudia Hinz auf der Fichtelberg-Wetterwarte. Doch in wenigen Tagen muss die Schwarzenbergerin ihre Sachen packen. Der Deutsche Wetterdienst automatisiert sein Messnetz in ganz Deutschland und zieht deswegen die Mitarbeiter am Fichtelberg ab. Der Termin dazu steht seit einigen Jahren und wird trotz Protesten und Petitionen durchgezogen.

Frau Hinz, wann haben Sie Ihren letzten Dienst und wie werden die letzten Tage ablaufen?

Ich bin jetzt einer der letzten Mohikaner und ich habe meinen letzten Dienst am 29. Dezember. Aber am 31. Dezember treffen wir uns nochmal alle. Wir machen hier oben Klarschiff, räumen aus, unsere persönlichen Sachen und was sonst so raus muss. Und dann feiern wir zusammen ins neue Jahr, wobei feiern sicher nicht das richtige Wort ist. Es wird sicher sehr emotional und auch ziemlich traurig werden, weil wir wie eine kleine Familie sind. Wir verstehen uns sehr gut und der Berg ist uns richtig ans Herz gewachsen.

Damit heißt es für Sie nun also Abschied nehmen vom Fichtelberg.

Ja, genau. Hier oben sind wir ab 1. Januar offiziell nicht mehr. Wir haben andere Aufgaben bekommen. Vor allen Dingen wurden wir als Team auseinandergerissen und das ist schon sehr traurig.

Die Messungen werden ab jetzt vollautomatisiert durchgeführt. Aber die Geräte brauchen auch Wartung. Wie soll das zukünftig gelöst werden?

So richtig klar ist uns das jetzt auch nicht. Man wird das wohl langfristig über eine Firma machen. Aber hier oben ist es ja so, gerade wenn es schneit wie heute, müssen die Geräte teilweise stündlich gewartet werden. Wir hatten heute früh selbst am Temperaturfühler eine Schneeschicht drauf, die ich abgekehrt habe und die Strahlungsmessgeräte eisen im Stundentakt ein. Also ich kann mir nicht vorstellen, dass das irgendwie von einer externen Firma gewährleistet werden kann, das hier alles funktioniert. Und auf Niederschlagsmessungen und Schneemessungen verzichtet man ab 1. Januar von vornherein.

Was ist für Sie das Besondere an Ihrem Job auf dem Fichtelberg?

Man bringt sich sehr viel ein auf dem Berg. Man ist sehr enthusiastisch und man liebt die Arbeit, weil man den Wolken sehr nah ist. Man hat das Wetter nicht irgendwo am Himmel, sondern ist oft mittendrin. Also hier oben hat man zum Beispiel den Böhmischen Nebel in Augenhöhe, der einen dann einhüllt und wieder freigibt. [...]

Man ist einfach dem Wetter viel näher hier oben, hat mehr Wetter als im Flachland und ich habe den Beruf aus Leidenschaft gelernt und mich fasziniert das. Und für mich geht jetzt wirklich eine Ära zu Ende, die Ära, auf einer Bergwetterwarte zu arbeiten.

In luftiger Höhe Zu Besuch in der Wetterwarte auf dem Fichtelberg

Seit dem 1. Januar 1916 besteht die Wetterwarte auf dem Fichtelberg. Doch wie arbeitet es sich eigentlich hier oben?

Ein Haus mit Wettermessstation, um das Nadelbäume wachsen
Seit dem 1. Januar 1916 besteht die Wetterwarte auf dem Fichtelberg. Bildrechte: MDR/Nora Kilenyi
Ein Haus mit Wettermessstation, um das Nadelbäume wachsen
Seit dem 1. Januar 1916 besteht die Wetterwarte auf dem Fichtelberg. Bildrechte: MDR/Nora Kilenyi
Mann mit Bart und Brille steht in einem Raum und hat einen Kasten geöffnet, in dem sich ein Messgerät zur Erfassung von Windstärken befindet.
Meteorologe Matthias Barth ist seit 2003 in der Wetterwarte. Schon als Kind hat er sich für Winter, Schnee, Schneesturm und Klimaaufzeichnung interessiert. "Als ich mit 10 Jahren das erste Mal auf dem Fichtelberg war, stand für mich fest, dass ich hier arbeiten will." Bildrechte: MDR/Nora Kilenyi
Ein Finger zeigt in einem Windmessgerät auf eine kleinkarrierte Papierrolle, auf der eine Bleistiftnadel ein Zickzackmuster hinterlassen hat.
Auf dem alten Messgerät ist noch die höchste Windspitze eingetragen. Der 3. Januar 1976 muss einer der ungemütlichsten Tage auf dem Fichtelberg gewesen sein... Bildrechte: MDR/Nora Kilenyi
Nahaufnahme zweier Hände, die ein Notizheft mit Wetteraufzeichnungen von 1948 halten
Archivierte Wetterdaten sind notwendig, unter anderem für Klimaaussagen oder auch Schadensgutachten bei extremen Wetterverhältnissen, bei Gewitterblitzeinschlägen und auch für die klimatologischen Betrachtungen der Vergangenheit. Bildrechte: MDR/Nora Kilenyi
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Blick von einem Berg in ein Tal bei blauem Himmel. Im Vordergrund steht ein Hotel, vor dem mehrere Autos parken.
Mehrmals am Tag klettern die Meteorologen auf den Turm der Wetterwarte. Wolken und Sicht werden von hier aus bestimmt. Heute ist es ein schöner Tag. Aber schönes Wetter ist für einen Wetterexperten eher langweilig... Bildrechte: MDR/Nora Kilenyi

Was waren denn die extremsten Wettererscheinungen in der Historie?

Wir hatten zum Beispiel 1978/79 zu Silvester einen extremen Wintereinbruch. Das war schon so eine Art Blizzard. Da hat es am Abend noch geregnet und in der Nacht sind dann die Temperaturen auf fast minus 20 Grad gefallen und durch die Temperaturänderung hat die ganze Wetterwarte geknackt. Und mein Chef hatte damals Dienst und hat das sehr anschaulich beschrieben, wie sich dann hier alles verändert hat und so richtig gespenstige Geräusche von sich gegeben hat.

Gab es in der Geschichte der Wetterwarte ein besonderes Erlebnis?

Das schlimmste Erlebnis hier oben war 1963 der Brand des Fichtelberghauses. Wir hatten damals im Februar minus 20 Grad und das Wasser war eingefroren. Und insofern konnte das Fichtelberghaus nicht gelöscht werden und die Kollegen der Wetterwarte haben dann mit Schneebällen und Schneewellen verhindert, dass das Feuer übergreift.

Was bleibt nach 103 Jahren von der Wetterwarte auf dem Fichtelberg?

Wir wollen noch eine Chronik machen, wo wir alle gesammelten lustigen Geschichten reinbringen, aber auch so extreme Wettererscheinungen, berühmte Leute, die hier oben waren oder zum Teil auch geboren sind. Dann natürlich sehr viele Klimagrafiken. Das alles tragen wir noch zusammen und es kommt im Laufe des nächsten Jahres heraus.

Der Sternenhimmel über der schneebedeckten Wetterwarte auf dem Fichtelberg
Die Wetterwarte auf dem Fichtelberg Bildrechte: dpa

Der Trend die Wetterwarten ohne Personal zu führen, ist kein deutsches Phänomen. Auch in Polen sind die Wetterstationen automatisiert worden. Doch hier hat man schnell gemerkt, dass es ohne Meteorologen doch nicht geht und die Entscheidung wieder rückgängig gemacht.

Die Pläne des Deutschen Wetterdienstes Der DWD will bis 2021 alle Wetterwarten und Flugwetterwarten schrittweise in das dann vollständig automatisierte hauptamtliche Messnetz integrieren. In einer Presseerklärung teilte der DWD mit, die Automatisierungspläne seien Bestandteil einer langfristigen Strategie, mit der der DWD auch den politischen Einsparvorgaben Rechnung trage.

Für Klimabewertungen eines Ortes oder einer Region seien unter anderem Messungen über 30 Jahre notwendig. Die Änderungen unseres Klimas (Temperatur, Niederschläge, Sonnenscheindauer u. ä.) ließen sich wiederum über automatische Sensorik am Boden und inzwischen auch die seit Jahren gesammelten Daten Dutzender Wettersatelliten (CM-SAF) flächenmäßig darstellen.

Der DWD bestätigte gegenüber dem MDR folgende Stellungnahme: "Schon jetzt läuft das Messfeld auf dem Fichtelberg komplett automatisch, werden nur einige wenige Dinge händisch ausgeführt, wie das regelmäßige Reinigen von Sensoren. Von unseren 2000 Messstellen in Deutschland sind nur noch die wenigsten mit Personal besetzt, weil hochauflösende Satelliten und unser Wetterradarnetz viele Aufgaben übernommen haben".

Quelle: MDR/al

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 21.12.2018 | 14:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Chemnitz

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Zuletzt aktualisiert: 21. Dezember 2018, 17:50 Uhr

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3 Kommentare

22.12.2018 11:52 Paulchen 3

Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine "externe Firma" helfen kann, "den politischen Einsparvorgaben Rechnung (zu) tragen". Jedenfalls solange die 450-Euro-Kräfte beim Reinigen der Technik aufpassen, dass nichts kaputt geht ;-)

22.12.2018 07:38 Zeitgeist 2

Ein gut gebildeter gestandener Mann hat schon Recht. " Deutschland schafft sich ab " !

21.12.2018 18:32 jackblack 1

Bestimmte Wetterwarten MÜSSEN mit Personal besetzt sein, wer da sparen will ist inkompetent und verdient den goldenen VOLLPFOSTEN.

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