24.12.2019 | 06:00 Uhr Interview: "Die Weihnachtsmärkte sind nach wie vor ein wichtiger Verkaufskanal"

Fachkräftemangel, Mindestlohn, Produktfälschungen, Handelszölle oder steigende Energiekosten - die erzgebirgischen Kunsthandwerker und Spielzeugmacher haben mit denselben Herausforderungen zu kämpfen wie andere Branchen. Dennoch blickt Verbandschef Frederic Günther optimistisch in die Zukunft. Der Umsatz ist stabil, die Ideen gehen den Kunsthandwerkern nicht aus. Und neue Figuren erreichen auch junge Familien - selbst, wenn die Holzkunst auch heute noch für Generationen gekauft wird.

Frederic Günther
Frederic Günther, Chef des Verbands Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller, stammt selbst aus einer Kunsthandwerkerfamilie in Seiffen und verkauft an Wochenenden auch noch selbst die Erzeugnisse auf einem Weihnachtsmarkt in Dresden. Bildrechte: Privat

Wie zufrieden sind die erzgebirgischen Kunsthandwerker und Spielzeugmacher bisher mit dem Weihnachtsgeschäft 2019?

Bis jetzt gehen wir von einem positiven Weihnachtsgeschäft aus. Besonders die Umsätze im Einzelhandel sind gestiegen. Eine endgültige Bilanz gibt es leider nicht, da keine Gesamtstatistik der kompletten Branche geführt wird. Hochrechnungen aus den Jahren 2017 und 2018 gehen davon aus, dass der Umsatz mit Erzgebirgischer Volkskunst 2017 bei den Herstellern jeweils etwa 50 Millionen Euro betrug.

Wie wichtig sind Weihnachtsmärkte für die Branche? Holzkunst ist ja meistens filigran und bedarf angesichts der schier unendlichen Vielfalt durchaus einer Beratung. Das scheint auf den ersten Blick für Fachgeschäfte oder den Kauf direkt in der Werkstatt zu sprechen und nicht für Drängelei an einer Weihnachtsmarktbude?

Die Weihnachtsmärkte sind nach wie vor ein wichtiger Verkaufskanal. Oft gestaltet sich der Verkauf und besonders die Beratung bei zu dicht gedrängter Kundschaft jedoch schwierig. Natürlich wären zu wenig Kunden schlimmer als zu viele. Das Verkaufspersonal in den meisten Weihnachtsmarktständen ist in der Lage, selbst bei hohem Kundenaufkommen die bestmögliche Beratung anzubieten. Dies begründet vor allem die jahrelange Erfahrung der meisten Markthändler unserer Branche.

In meiner Familie ist die Weihnachtsdekoration seit Generationen weitergegeben worden. Neue "Männel" sind - von einer stetig wachsenden Engelchen-Sammlung einmal abgesehen - eher die Ausnahme. Welchen Trend stellen Sie fest: Werden Figuren noch als Erbstücke gekauft oder doch eher alle paar Jahre ausgetauscht, dem schnelllebigen Rhythmus der heutigen Zeit folgend?

Erzgebirgische Holzkunst
Die Klassiker: Engel und Bergmann Bildrechte: MDR/Verband Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller e.V.

Es ist definitiv so, dass die Figuren langlebig sind und über Generationen weitergegeben werden. Oft haben sie erst ausgedient, wenn sie komplett defekt sind, dies gilt auch für Schwibbögen und Pyramiden. Jedoch steht noch nicht in jedem Haushalt ein Erzeugnis unserer Kunsthandwerker. Für viele junge Familien ist ihr erster eigener Schwibbogen immer ein Highlight.

Im Jahr 2017 ließen wir auch eine Umfrage durch das Ipsos-Meinungsforschungsinstitut deutschlandweit durchführen. Diese ergab, dass 60 Prozent das Erzgebirgische Kunsthandwerk kennen, 20 Prozent bereits Käufer sind und 27 Prozent ein Kaufinteresse zeigen. Das heißt theoretisch, dass wir den Umsatz verdoppelt könnten.

Erreicht erzgebirgische Volkskunst auch junge Leute oder kommt die Käuferschaft vor allem im Reisebus ins Erzgebirge?

Erzgebirgische Holzkunst
Holzkunst modern: die "frechen" City Kids aus Hainichen Bildrechte: MDR/Verband Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller e.V.

Die Antwort liegt bereits in der Frage: Junge Leute werden anders erreicht. Die Artikel werden über alle üblichen Vertriebswege verkauft: Fachhandel, Onlineshops, Werksverkauf beim Hersteller und auf den Weihnachtsmärkten. Obwohl der analysierte typische Kunde weiblich, Mitte 50, mit gehobenem mittlerem Einkommen ist, kaufen auch jüngere Zielgruppen unsere Produkte. Es gibt auch Artikel die speziell für diese jüngere Käuferschaft entwickelt wurden, beispielweise die "City Kids" der Drechslerei Wagner.

Ein Uhrenhersteller aus Glashütte hatte voriges Jahr davon berichtet, dass er das Imageproblem, das Sachsen hinsichtlich Fremdenfeindlichkeit in der Öffentlichkeit hat, direkt zu spüren bekomme und immer wieder Anfragen von Kunden beantworten müsse. Sind die "Männelmacher" auch damit konfrontiert, immerhin exportieren sie traditionell schon immer in beinahe alle Welt?

Diese Entwicklung können wir nicht bestätigen, weder die Kundschaft aus anderen Bundesländern noch die Einheimischen scheinen unsere Produkte mit den politischen Geschehnissen in Verbindung zu bringen. Im Gegenteil: Das Erzgebirgische Kunsthandwerk scheint eher zu verbinden als zu spalten.

Gefühlt jede Woche wird die Welt via Twitter aus Übersee oder von staatlichen Nachrichtenagenturen aus Fernost über neue Zölle informiert. Sind die Kunsthandwerker und Spielzeugmacher auch betroffen?

Im Großen und Ganzen nicht, die meisten Zollregelungen treffen mehr auf die Industrie zu, weniger auf das Handwerk. Probleme sehen wir eher in neuen deutschlandweiten und EU-weiten Verordnungen und Regelungen, aktuelles Beispiel ist die Bonpflicht.

"Echt Erzgebirge - Holzkunst mit Herz" ist eine starke Marke. Hat die Branche noch mit billigen Fälschungen aus dem Ausland zu kämpfen und worauf sollten Käufer achten, die echte Erzgebirgsware erstehen wollen?

Uns ist dieses Jahr ein Erfolg gelungen: Wir haben in erster Instanz vor dem Landgericht Leipzig Recht bekommen. Sogenannte hybride Produkte, also Artikel bei denen zum Beispiel das Pyramidengestell in Deutschland, aber die Figuren im Ausland produziert wurden, dürfen nicht als Erzgebirgische Handarbeit verkauft werden. Das bedeutet weiterhin, dass nur Original Erzgebirgische Volkskunst auch als solche verkauft und gekennzeichnet werden darf. Wer also ein Original möchte, achtet auf die Verbandsmarke "Echt Erzgebirge - Holzkunst mit Herz" mit dem Reiterlein oder auf andere Kennzeichnungen wie "Erzgebirgische Volkskunst", "Erzgebirgisches Kunsthandwerk" oder auch auf geschützte Produktbezeichnungen wie "Erzgebirgische Pyramiden" und "Erzgebirgische Nussknacker".

Angestellte in den Holzkunstwerkstätten galten lange Zeit - vorsichtig formuliert - nicht gerade als Top-Verdiener. Wie hat sich der gesetzliche Mindestlohn auf die Betriebe ausgewirkt? Wurden in den vergangenen Jahren deshalb Stellen gestrichen oder haben die Preise für Pyramiden, Schwibbögen, Engel, Bergmänner und Nussknacker spürbar angezogen? Wie wichtig ist es mit Blick auf Kostendruck, immer mehr Teile der Herstellung etwa CNC-Maschinen zu überlassen?

Erzgebirgische Holzkunst
Holzkunst aus dem Erzgebirge verbindet seit jeher Generationen. Bildrechte: MDR/Verband Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller e.V.

Neben dem grundsätzlichen Problem, dass der Markt und nicht der Staat für die Lohn beziehungsweise Preisbildung in den Betrieben sorgen sollte, führte der gesetzliche Mindestlohn besonders zu Problemen im Lohngefüge. Der im Handwerk übliche Leistungslohn konnte nicht mehr in der ursprünglichen Form gezahlt werden. Dem Mindestlohn stand kein Mindestertrag (in unserer Branche speziell eine Mindeststückzahl der Erzeugnisse) gegenüber. Genaue Zahlen zu Stellenstreichungen beziehungsweise -kürzungen gibt es nicht. Eindeutig festzustellen ist jedoch, dass es eine ansteigende Preisentwicklung der Erzeugnisse gibt. Dies ist aber auch in anderen Faktoren, wie etwa stetig steigenden Energie-, Material – und Verwaltungskosten zu begründen.

Dennoch zeichnet unsere Branche ein hoher Handwerksanteil aus, dies ist ein Teil der Zertifizierung der Marke "Echt Erzgebirge – Holzkunst mit Herz". Sicherlich werden im Herstellungsprozess Maschinen verwendet, jedoch gibt es in der Malerei oder der Montage gar keine Alternative zur Handarbeit. Viele Betriebe laden Interessierte auch dazu ein, sich in den Handwerksbetrieben ein eigenes Bild von der Herstellung zu machen. Ein Beispiel ist die Firma Seiffener Volkskunst mit ihrer Schauwerkstatt.

Fachkräftemangel allenthalben. Wie sieht es mit dem Nachwuchs bei den Holzkünstlern und Spielzeugmachern aus? Welche Voraussetzungen sollten Bewerber mitbringen?

Aktuell blicken wir auf ein erfolgreiches Jahr zurück: In der Holzspielzeugmacher- und Drechslerschule Seiffen werden insgesamt 33 neue Holzspielzeugmacher und fünf Drechsler ausgebildet. Außerdem wurden dieses Jahr zwei Gesellen zum Meister weitergebildet, wobei einer den elterlichen Handwerksbetrieb fortführen wird. Diese Entwicklung muss jedoch stetig ausgebaut werden, wie in vielen Branchen droht uns aus demografischer Sicht ebenfalls ein hoher Verlust an Fachkräften. Unser Handwerk hat ein weltweites Alleinstellungsmerkmal und bietet eine hohe Eigenverantwortung und Entfaltungspotenzial für die Lehrlinge. Wer also etwas ganz Besonderes und Einmaliges lernen möchte, ist in unserer Fachschule an der richtigen Stelle. Bewerber sollten demnach ein hohes Interesse am Handwerk und Kreativität mitbringen.

Spürt die Branche schon einen Schub durch den Welterbetitel der Montanregion Erzgebirge und was sind die wichtigsten Aufgaben Ihres Verbandes mit Blick in die nahe und fernere Zukunft?

Erzgebirgische Holzkunst
Kurrende-Sänger sind ein beliebtes Motiv. Bildrechte: MDR/Verband Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller e.V.

In der Branche können wir bisher keine Aussage treffen, der Titel ist eben noch sehr neu. Die wichtigsten Aufgaben für den Verband sind neben der stetigen Imagewerbung für die Branche die Fachkräftesicherung und die Vermittlung der Wertigkeit unserer Erzeugnisse. Nur wer den Wert der Handarbeit kennt, ist auch bereit, den entsprechenden Preis zu bezahlen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der stetige Kontakt zur Politik und zu anderen Partnern. Neue Auflagen und Verordnungen machen den Handwerksbetrieben und Fachhändlern das Geschäftsleben immer schwerer. Wenn hier nicht stetig Gegenwind kommt, werden die Belange der Branche vergessen.

Die Fragen stellte Lars Müller.

Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller In der erzgebirgischen Holzkunstbranche sind nach Angaben des Verbands Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller e.V. gegenwärtig knapp 2.000 Beschäftigte direkt tätig. Der Verband ist eine freiwillige Dachorganisation der Hersteller von Erzgebirgischer Volkskunst, Holzspielwaren und weiteren traditionellen Erzeugnissen des Kunsthandwerks aus dem Erzgebirge. Das Sortiment der Hersteller Erzgebirgischer Volkskunst zählt etwa 30.000 verschiedene Erzeugnisse. Erzgebirgische Holzkunst gründet sich auf eine 300-jährige Tradition und wurde aus der Not heraus geboren. Durch den Niedergang des Bergbaus im 16./17. Jahrhundert waren die Bergleute und ihre Familien gezwungen, sich eine neue Existenz aufzubauen. Es begann die Herstellung von Holzspielzeug und Figuren. Schon im 18. Jahrhundert trat das erzgebirgische Spielzeug dann seinen Siegeszug durch die Welt an. Seit 1995 wurden insgesamt 365 Holzspielzeugmacher ausgebildet. Die Holzspielzeugmacher- und Drechslerschule in Seiffen bietet ferner Ferien- und Hobbykurse für alle Interessierten in Drechseln, Bemalen und Schnitzen an.

Quelle: MDR/lam

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 24.12.2019 | 07:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz

Zuletzt aktualisiert: 24. Dezember 2019, 06:00 Uhr

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