Neuerscheinung Gebundenes Gedenken an die Juden in Mittweida

Ein Mann mit Bart und Brille hält ein Buch in der Hand, mit dem Titel Juden in Mittweida
Der Historiker Jürgen Nitsche mit seinem neuesten Werk. Bildrechte: MDR/Nora Kilényi

In Mittweida gab es einst so viele Juden wie sonst nirgends im Umland von Chemnitz. Sie gehörten zum Stadtleben, handelten, studierten und engagierten sich. Der Historiker Jürgen Nitsche hat ihre Lebensgeschichten in einem Buch niedergeschrieben, das an diesem Holocaust-Gedenktag erschienen ist.

Die Juden in Mittweida hatten keine eigene jüdische Gemeinde. Sie gehörten zunächst zur Gemeinde Leipzig, später zu Chemnitz. Nicht zuletzt wegen des Technikums, der späteren Hochschule, waren es Hunderte, die hier kurze Zeit oder auch ihr ganzes Leben verbracht haben. Oder verbracht hätten, wenn es die Zeit des Nationalsozialismus nicht gegeben hätte. Denn - wie überall in Deutschland - wurden während der NS-Zeit auch hier Juden verfolgt, entrechtet, vertrieben oder deportiert und ermordet.

Es begann mit den Stolpersteinen

Ralf Schreiber, der Oberbürgermeister von Mittweida, steht vor dem Rathaus der Sta
Oberbürgermeister Ralf Schreiber Bildrechte: MDR/Enrico Gerstmann

Dass es so viele Juden in Mittweida gab, sei erst wieder durch die Stolpersteinprojekte aufgefallen, meint Ralf Schreiber, Oberbürgermeister der Stadt. "Das war uns anfangs nicht bewusst. Es sind Schicksale, die sehr berühren, die einfach in unserer Nachbarschaft gewesen sind." Diese Lebensgeschichten sollten gesammelt und festgehalten werden, so Schreiber: "Das darf nicht nur der kleine Stolperstein sein, das muss mehr sein", so Schreiber.

Spezialist lebt selbst in Mittweida

Das kam Historiker Jürgen Nitsche sehr entgegen. Er plante schon länger dieses Buchprojekt, weil Mittweida seine Heimatstadt ist. Er hatte bereits 2002 ein großes Werk über "Juden in Chemnitz" geschrieben und herausgegeben. Das war schon ein Mammutprojekt. Jetzt aber sei als zusätzliche Hürde dazu gekommen, die Juden, die einst in Mittweida gelebt hatten, überhaupt zu finden: "Es war ein kolossaler Aufwand, weil es hier keine eigene jüdische Gemeinde gab", so Jürgen Nitsche. Im Stadtarchiv gebe es nur zwei, drei einzelne Akten, sonst nichts. "Ich musste die Polizeimeldebücher der ganzen Jahrgänge auswerten und immer schauen, wo steht 'mosaisch' oder 'jüdisch'. Die Namen hatte ich mir notiert. Das allein dauerte viele Jahre."

Oberbürgermeister Ralf Schreiber schätzt die Genauigkeit und Akribie des promovierten Historikers. "Ich sage es ganz ehrlich: Wir haben schon vor Jahren damit gerechnet, das Buch fertig zu stellen. Aber darum geht es nicht. Wir wollen etwas der Öffentlichkeit zugänglich machen, wo wir sagen, das ist Geschichte - nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert." Und das sei ihnen gelungen.

Spuren sind noch im Sprachgebrauch

Viele durch jüdisches Leben in Mittweida geprägte Begriffe seien zwar noch bekannt, die wenigsten wüssten aber, was damit gemeint ist, so Schreiber. "Wo war denn das Kaufhaus Bach, das Geschäft Halpern, die Gewerkschaft Sanssouci? Keiner weiß das." Deswegen sei es wichtig, dass es aufgeschrieben und dauerhaft bewahrt werde. Dabei halfen auch Bürger aus Mittweida mit, steuerten Dokumente und Geschichten bei, "die sie in ihren Herzen tragen", meint Schreiber: "Das musste einfach geborgen werden."

Dankbare Nachfahren

Für die Arbeit an diesem Buch stand Historiker Jürgen Nitsche mit vielen Nachfahren in aller Welt in Kontakt. Einige kamen zu Besuch nach Mittweida. Diese Arbeit mit den Familienmitgliedern gibt ihm nach eigener Aussage am meisten. Das habe er schon beim Chemnitzer Buch so erlebt und auch bei den Stolpersteinprojekten in Chemnitz und der Region, von denen er viele wissenschaftlich betreue: "Ich hätte zum Beispiel nie Stefan Heym und seine Frau beziehungsweise jetzige Witwe kennengelernt." Das sei bis jetzt so, dass er fast jeden Monat neue Personen kennenlerne. Das gebe ihm sehr viel.

Portraitfoto eines Mannes mit Bart und Brille
Jürgen Nitsche Bildrechte: MDR/Nora Kilényi

Historiker Jürgen Nitsche - freier Historiker, Autor und Kurator
- studierte in Jena, unter anderem Geschichte des Mittelalters
- Veröffentlichungen, Ausstellungen und wissenschaftliche Vorträge zur Geschichte der Juden, zu jüdischen Warenhäusern, über verfolgte Mediziner in der NS-Zeit und den nationalsozialistischen Krankenmord, biografische Forschungen zu den Familien von Stefan Heym, Stephan Hermlin und Dieter Noll.
- 2002 Veröffentlichung des Buches "Juden in Chemnitz", seitdem zahlreiche weitere Veröffentlichungen
- Mitglied der Koordinierungsstelle "Stolpersteine für Chemnitz", Beirat des Vereins "Tage der jüdischen Kultur in Chemnitz"
- Preisträger des Stefan-Heym-Förderpreises

Quelle: MDR/nk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 26.01.2018 | 07:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2018, 17:04 Uhr