Sächsisches Manchester Chemnitz Auf den Spuren von Louis Schönherr

Er gilt als deutscher Erfinder der mechanischen Webstühle: Louis Schönherr. Seine Erfindung machte Chemnitz unabhängig von teuren englischen Maschinenimporten und verhalf der Industriestadt mit zum Aufschwung. Ein paar seiner Maschinen gibt es noch. Und auch in seiner Webstuhlfabrik wird weiter gearbeitet - wenn auch in anderen Branchen. Nun wird hier sein 200. Geburtstag gefeiert.

Die Schönherr-Fabrik - damals und heute

Gemälde aus dem Jahr 1913 von einem riesigen Fabrikgelände mit sechs qualmenden Schornsteinen und vielen Hallen und Nebengebäuden.
Bildrechte: SCHÖNHERR WEBA GmbH
Gemälde aus dem Jahr 1913 von einem riesigen Fabrikgelände mit sechs qualmenden Schornsteinen und vielen Hallen und Nebengebäuden.
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Auf den Spuren der Vergangenheit

Wer noch alte Schönherr-Webstühle in Aktion erleben will, wird eine viertel Autostunde nordöstlich von Chemnitz fündig - in Braunsdorf. Im Webereimuseum in der alten Tannenhauerfabrik stehen noch sieben original Schönherr-Webmaschinen. Von Zeit und Zeit sind sie für Besucher noch in Aktion zu erleben.

Museumsmaschinen mit Herzblut angetrieben

Eine Frau und ein Mann stehen an einem Webstuhl.
Andrea Weigel und Egon Mende von der historischen Schauweberei Braunsdorf. Bildrechte: MDR/Fabian Held

Der Star der Ausstellung ist eine Doppelplüschwebmaschine aus dem Jahr 1920. Sie dürfte die einzige dieser Bauart in Deutschland sein, die noch funktionstüchtig ist, vermuten die Museumsmitarbeiter. Zweimal schon war sie quasi totgeweiht: Einmal wurde sie kurz vor der Verschrottung gerettet, ein anderes Mal musste sie nach einem Hochwasser komplett entrostet werden. "Es gab immer Leute, die dafür gesorgt haben, dass wenigstens eine Originalmaschine erhalten bleibt, damit man der Nachwelt zeigen konnte, dass die früher auch schon Maschinen bauen konnten", sagt Egon Mende.

Ein älterer Mann steht inmitten von historischen Webmaschinen.
Schon Egon Mendes Großvater und Vater haben hier in der Textilindustrie gearbeitet. Nach einer Lehre als Möbelstoffweber studierte Mende auf Diplom Textiltechnik. Bildrechte: MDR/Fabian Held

Der Rentner, der hier Möbelstoffweber gelernt hatte, führt gelegentlich die Maschinen im Museum vor. Die Webmaschinen von Louis Schönherr seien sehr robuste Webmaschinen, so Mende. Sie waren perfekt geeignet für die Möbelbezugsstoffe der Firma Tannenhauer. Die Weberei startete 1910 hier in Braunsdorf mit zehn Schönherr-Maschinen und existierte bis 1990. Anlässlich des 200. Geburtstages von Louis Schönherr wird es hier ab März eine Ausstellung mit dem Titel "Schönherr200 meets Tannenhauer" geben.

Mikrokosmos Schönherr

Auch in der eigentlichen Schönherr-Fabrik in Chemnitz wird der 200. Geburtstag ab Mittwoch gefeiert. Um das Jubiläum vorzubereiten, hatte sich 2015 eigens ein Verein gegründet. Aus den vielen Ideen sei ein ganzes Festjahr entstanden - mit zahlreichen Veranstaltungen, sagt Vereinsvorsitzende Birgit Eckert. Sie ist gleichzeitig kaufmännische Geschäftsführerin der Schönherr Weba GmbH, die dafür zuständig war und ist, den Standort nach den wirtschaftlichen Schwierigkeiten Anfang der Neunziger Jahre zu revitalisieren. In kleinen Schritten wurde ein Gebäude nach dem anderen saniert. Das Areal hat sich zu einem Mikrokosmos entwickelt mit 130 Mietern ganz verschiedener Branchen. Von der Gießerei zur Wellnessoase, von der Szenekneipe zum Feinschmecker-Restaurant, vom Kulturhaus bis zum Zahnarzt. "Es ist eine tolle Mischung", sagt Brigit Eckert und: "Die Mieter fühlen sich alle als große Schönherrfamilie. Wir haben kaum Fluktuation." In diesem Jahr werde der letzte Bauabschnitt fertiggestellt, so Eckert.

Neue Biografie über Louis Schönherr

Alte Schwarzweiß-Fotografie von Louis Schönherr
Louis Schönherr Bildrechte: SCHÖNHERR WEBA GmbH

Am Mittwochabend wird in der Schönherrfabrik Geburtstag gefeiert unter dem Titel "Zum Geburtstag viel Glück". Bei einem musikalisch-literarischen Abend soll die neue Biografie über Louis Schönherr vorgestellt werden. Neben seinen unbestritten großen Verdiensten als Industriepionier wird darin auch sein Privatleben etwas beleuchtet, sagt Steve Tietze von der Schönherr Weba GmbH. Es gebe auch nette Anekdoten in dem Buch. "Schönherr war ein kleiner Lebemann, der sich es hat gut gehen lassen. Er hat sich nicht nur um seine Industrie gekümmert, sondern auch um seine vielen Frauen und Kinder natürlich."

Industriepionier von Chemnitz Louis Schönherr - damals und heute

Er war neben dem Richard Hartmann der größte Industrielle seiner Zeit. Louis Schönherr exportierte zu Lebzeiten schon weit mehr als 100.000 Webmaschinen in alle Welt. Am Mittwoch jährt sich sein Geburtstag zum 200. Mal.

Alte Schwarzweiß-Fotografie von Louis Schönherr
Louis F. Schönherr, geb. 22. Februar 1817 in Plauen; gest. 8. Januar 1911 in Thoßfell. Bildrechte: SCHÖNHERR WEBA GmbH
Alte Schwarzweiß-Fotografie von Louis Schönherr
Louis F. Schönherr, geb. 22. Februar 1817 in Plauen; gest. 8. Januar 1911 in Thoßfell. Bildrechte: SCHÖNHERR WEBA GmbH
Gemälde aus dem Jahr 1913 von einem riesigen Fabrikgelände mit sechs qualmenden Schornsteinen und vielen Hallen und Nebengebäuden.
Er gründete in Chemnitz auf dem Gelände der ehemaligen Sächsischen Maschinenbau Compagnie seine Webstuhlmanufaktur. Bildrechte: SCHÖNHERR WEBA GmbH
Ein Stoffballen in Teppich-Optik ist an einer Maschine eingespannt.
Hier wurden Webstühle für Teppiche und für Flachweberei hergestellt. Bildrechte: MDR/Fabian Held
Eine große Webmaschine im Museum.
Einige wenige Schönherr-Webstühle stehen noch funktionstüchtig in Museen, wie diese Jacquard-Schützenwebmaschine, die in der alten Schauweberei Braunsdorf gelegentlich in Aktion zu erleben ist. Bildrechte: MDR/Fabian Held
Fächerartig aufgeklappte Karten, die verschiedenartige Lochmuster enthalten.
Der Webprozess wurde mit diesen Lochkartenbändern exakt gesteuert, so waren sehr filigrane Muster möglich. Bildrechte: MDR/Fabian Held
Verschiedenfarbige Garne führen zum Webstuhl hin.
Auch eine Doppelplüschwebmaschine der Firma Schönherr Chemnitz von 1920 steht in diesem Museum. Sie ist vermutlich die einzige ihrer Bauart, die noch funktioniert. Bildrechte: MDR/Fabian Held
Plätze in einem Restaurant sind mit einem Raumteiler getrennt, der aus einem Eisengestellt besteht, an dem verschiedenfarbige Textilgarnspulen aufgereiht sind.
Zur Geschichte der Schönherrfabrik wird auch heute noch auf dem Gelände der Schönherrfabrik in Chemnitz Bezug genommen. Wie hier im Feinschmeckerrestaurant "max louis". Bildrechte: SCHÖNHERR WEBA GmbH / Steve Tietze
Hinter einer raumtrennenden Aufhängung, die aus alten Lochkarten für Webstühle besteht, sind Teile eines Barschrankes sichtbar, der sowohl Fächer hat, die mit Gläsern gefüllt sind, als auch Fächer, die mit historischen Dingen gefüllt sind, z.B. mit einem alten Röhrenradio, Schildern und Bildern.
Der Barschrank ist hinter einem Vorhang aus alten Lochkarten versteckt. Bildrechte: SCHÖNHERR WEBA GmbH / Steve Tietze
Historisches Bild von einem großen Fabrikgelände.
Als Mitte der Neunziger Jahre Teilbereiche des ehemaligen Webstuhlbaus über Verkäufe gerettet werden konnten, standen viele, teilweise auch denkmalgeschützte, Gebäude leer. Bildrechte: SCHÖNHERR WEBA GmbH
Blick in einen von großen sanierten Fabrikhallen gesäumten Innenhof, mit Bäumen begrünt und teilweise gefüllt mit Gastronomie und Freisitzen.
Sie wurden in insgesamt neun Bauabschnitten etappenweise saniert und vermietet. Bildrechte: SCHÖNHERR WEBA GmbH / Steve Tietze
Ein saniertes Fabrikgebäude, in der Mitte als Anbau ein gläsernes Treppenhaus. Seitlich angebracht die große vertikal Aufschrift "schönherr.fabrik".
Insgesamt haben hier 130 Firmen, Institutionen und Geschäfte ihr Domizil. Bildrechte: SCHÖNHERR WEBA GmbH / Steve Tietze
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Über dieses Thema berichtet(e) MDR SACHSEN auch im Radio und Fernsehen: MDR1 RADIO SACHSEN | 22.02.2017 | 07:10 Uhr

MDR1 RADIO SACHSEN | 22.02.2017 | 17:50 Uhr

MDR SACHSENSPIEGEL | 22.02.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2017, 16:01 Uhr

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