Offene Gesprächsrunde in der Jüdischen Gemeinde Antisemitismus im Chemnitzer Alltag

Ein offener Gesprächsabend zum Thema "Antisemitismus im Alltag" in der jüdischen Gemeinde Chemnitz zeigt, wie aktuell dieses Thema in der Stadt ist. "Jude" ist ein häufiges Schimpfwort auf den Chemnitzer Schulhöfen.

Chanukka-Leuchter mit 5 brennenden Kerzen anlässlich des Chanukka-Festes der Jüdischen Gemeinde Thüringen in Erfurt.
Antisemitismus wird von den Nichtbetroffenen oft nicht bemerkt. Dabei zieht er sich durch unsere Gesellschaft, wie ein offener Gesprächsabend in der jüdischen Gemeinde in Chemnitz zeigt. Bildrechte: imago/fotokombinat

"Antisemitismus ist ein weit verbreitetes und ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das oft von der nichtjüdischen Bevölkerung nicht wahrgenommen wird", sagt Romina Wiegemann. Sie ist Bildungsreferentin im Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment (ZWST) und hatte gemeinsam mit ihren Kolleginnen Viktorija Kopmane und Vivien Laumann am Mittwochabend zu einem Fachgespräch und Erfahrungsaustausch in der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz eingeladen. Die Zuhörer nicken zustimmend mit dem Kopf. Nicht immer sei es ausgeprägter Antisemitismus, oft nur Fragmente oder einzelne Vorstellungen über das Jüdische. Wie zum Beispiel in Äußerungen wie "Du siehst gar nicht jüdisch aus" oder "Du sprichst aber gut Deutsch." "Jude" sei auch aktuell noch ein gängiges Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen. Der Abend in der Jüdischen Gemeinde zeigt: Gesprächsbedarf ist da.

Hilfsangebote für Betroffene

"Viele wissen gar nicht, welche Hilfsangebote es nach antisemitischen Vorfällen überhaupt gibt. Wir unterstützen beim Ausloten der Möglichkeiten, klären auf, welche Rechte die Betroffenen haben", erzählt Romina Wiegemann im Gespräch mit MDR SACHSEN. "Der Austausch in der Gruppe wird oft als stärkend erlebt. Für die Betroffenen ist es häufig wichtig zu wissen, dass sie mit diesen Erfahrungen nicht allein sind. Es geht um den Austausch darüber, wie andere in ähnlichen Situationen gehandelt haben und welche Möglichkeiten des Umgangs Betroffenen offen stehen." Diese Möglichkeit soll auch der Gesprächsabend in Chemnitz bieten. Um einen geschützten Raum für die Betroffenen zu gewährleisten, wurde MDR SACHSEN gebeten, bei diesem Teil des Abends nicht dabei zu sein. Das Kompetenzzentrum stellte aber eine der erzählten Geschichten mit Einverständnis der Betroffenen zur Verfügung:

Eine Mutter erzählt von den Erfahrungen ihrer Kinder an einer konfessionslosen Chemnitzer Schule. 2015 war ihr Sohn eingeschult worden. Schnell fiel dann auf, dass an der Schule religiöse Inhalte, Gebete und Christusbilder an der Wand Alltag waren. Die Mutter bat darum, ihren Sohn dabei nicht einzubinden. Ab diesem Zeitpunkt wurde der Erstklässler von einem Lehrer schikaniert. Zum Beispiel wurden seine Zeichnungen als "Scheiße" bezeichnet. Das Kind war seelisch sehr beeinträchtigt,  konnte z. B.  nicht mehr allein schlafen. Die Versuche der Eltern etwas zu ändern, endete mit der Aufforderung, das Kind von der Schule zu nehmen. Sie hätten "an dieser Schule kein Recht auf die Gleichbehandlung laut Grundgesetz, nur auf das Leitbild der Schule".

Die Eltern sahen keinen anderen Weg, als ihren Sohn von der Schule zu nehmen. Die ältere Schwester, die die gleiche Schule besuchte, wurde danach ebenfalls von Lehrern schikaniert. Auch sie wechselte dann die Schule. Die betroffene Familie bekam von anderen Eltern keine Unterstützung. Andere Teilnehmer berichten, dass das Wort Jude auf Chemnitzer Schulhöfen sehr verbreitet ist und von vielen Lehrkräften als "Jugendsprache" und nicht als antisemitisch angesehen wird.

Zahl antisemitischer Straftaten in Sachsen steigt

Am Montag hatte das Innenministerium Sachsen auf Anfrage der Linken-Landtagsabgeordneten Kerstin Köditz bekannt gegeben, dass die antisemitischen Straftaten in Sachsen gestiegen sind. Von den 136 registrierten antisemitischen Straftaten im Jahr 2018 sind 21 in Chemnitz verübt worden. Erst am Sonntag sind nahe der Synagoge zwei Straßenschilder abgerissen und eines verbogen worden. Der Namensgeber der Straße, Hugo Fuchs, war über 30 Jahre Rabbiner der Jüdischen Gemeinde. Für die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Ruth Röcher, ist die Tat "ganz klar antisemitisch".

"Die antisemitischen Straftaten stellen die Spitze des Eisberges dar", sagt Romina Wiegemann. "Viele antisemitische Vorfälle finden unterhalb der strafrechtlichen Grenzen statt. Und viele Betroffene melden die Vorfälle auch gar nicht." Deswegen erhebt das Kompetenzzentrum der ZWST eigene Studien, um die Erfahrungen der Betroffenen noch sichtbarer zu machen.

Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment (ZWST) Neben der Beratung von Betroffenen und der stärkenden Empowerment-Arbeit widmet sich das Zentrum vor allem der Schulung von pädagogischen Fach- und Führungskräften, um für Antisemitismus und Diskriminierung in Bildungseinrichtungen zu sensibilisieren.

Die Beratungs- und Interventionsstelle Antisemitismus "OFEK" ist ein Teil des Kompetenzzentrums. Hier beraten Mitarbeiter Betroffene antisemitischer Gewalt und Diskriminierung und stehen parteilich an deren Seite. Bei Bedarf vermitteln sie weitere Unterstützungsangebote wie z. B. Rechtsberatung und begleiten die Betroffenen bei allen fallbezogenen Schritten. Die Beratungsstelle hat neben der Einzelberatung auch gute Erfahrungen mit dem Ansatz der Gruppenberatung gemacht. Dazu gehören beispielsweise Coaching-Gespräche für Eltern und Jugendliche.

Chemnitzer Synagoge
Die neue Synagoge der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz an der Stollberger Straße. Bildrechte: dpa

Die Jüdische Gemeinde in Chemnitz Die Jüdische Gemeinde in Chemnitz besteht seit 1875. Am 7. März 1899 wurde die Synagoge am Stephansplatz auf dem Kaßberg eingeweiht. Zu diesem Zeitpunkt zählt die Gemeinde über 1.000 Mitglieder. Im Jahr 1923 ist diese Zahl auf 3.500 angewachsen. Im Zuge der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wird die Synagoge am Stephansplatz vollständig zerstört. Es soll 64 Jahre dauern, bis es in Chemnitz wieder eine Synagoge gibt. 1942 wurden alle jüdischen Einwohner von Chemnitz in die Vernichtungslager deportiert. Im September 1945 beginnen 57 zurückgekehrte Mitglieder mit dem Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinde. Am 24. Mai 2012 wurde schließlich die neue Synagoge in der Stollberger Straße eingeweiht. 2010 zählte die Gemeinde etwa 700 Mitglieder.

Quelle: MDR/al

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 07.03.2019 | 14:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz

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Zuletzt aktualisiert: 07. März 2019, 17:41 Uhr

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