Neue Veranstaltungsreihe "Ich bin raus" - Ex-Neonazi Christian Weißgerber erzählt in Chemnitz vom Ausstieg

"Ich bin mir der Brisanz, heute in Chemnitz zu sein, als Ex-Nazi und jemand, der über rassistische und nationalistische Strukturen aufklärt, bewusst." Das sagt Christian Weißgerber, der im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Ich bin raus" nach Chemnitz eingeladen wurde, um über seinen Ausstieg aus der thüringischen Neonaziszene zu berichten. Knapp 150 interessierte Besucher sind am Dienstagabend gekommen, um zuzuhören.

Christian Weißgerber in der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz
Christian Weißgerber in der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz Bildrechte: MDR/Anett Linke

Weißgerber spricht zunächst über Radikalisierungsprozesse und Ideologien. Wir alle würden eine Ideologie vertreten und das auch körperlich ausdrücken - Was man isst, wie man seinen Körper ausgestaltet und wie man die Haare trägt. Radikalisierungsprozesse seien auch immer Bildungsprozesse, erklärt er.

Es ist hochgradig gefährlich und vereinfachend, den politischen Gegner zu unterschätzen, indem man ihm unterstellt, er sei kognitiv einfach nur blöd.

Christian Weißgerber

Der Stereotyp, dass Nazis keine mütterliche Liebe bekämen, stimme bei ihm. Seine Mutter verließ die Familie, als er gerade ein Jahr alt war. Der Vater erzog die Kinder autoritär und setzte ihnen sehr zu. Weißgerber stellt aber klar, dass aus dieser Opfersituation nicht folgen muss, dass man Nazi wird. "Meine Schwester ist auch kein Nazi geworden." Aber da er Furcht nur aus der Perspektive des sich Fürchtenden kannte, faszinierte ihn, wie über die Nazis gesprochen wurde.

Buchcover "Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi war" von Christian Weißgerber
In seinem Buch "Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi war", beschreibt Weißgerber seinen Weg in die thüringische Neonaziszene und den Ausstieg. Bildrechte: orell füssli

Weißgerber berichtet über Alltagsrassismus und den Einfluss von Musik. "Es war auf Klassenfahrt normal, dass neben Samy Deluxe und Linkin Park auch Songs von Landser liefen", erklärt er den Zuhörern. Auf einer Montagsdemo, zu der sein Vater ihn mitnahm, faszinierten ihn nicht die Reden der großen Parteipolitiker, sondern eine Gruppe Nazis, die "angefeindet wurden und das so locker hingenommen haben." Eine Klassenkameradin war zu diesem Zeitpunkt mit einem Nazi zusammen und so suchte Weißgerber über sie aktiv den Kontakt zur rechten Szene in Eisenach. Dieser Freund wurde zur moralischen Instanz und Vorbild. "Ich hatte aus meinen Lebensumständen in Eisenach heraus das Gefühl, dass Nazi werden für mich ein Fortschritt ist", erklärt Weißgerber seine Beweggründe. Er wurde Teil einer Gemeinschaft, die Geheimwissen über die deutsche Geschichte besitzt - darüber wie angeblich alles wirklich war.

Ich fühlte mich durch dieses Geheimwissen mächtig und mächtig besonders.

Christian Weißgerber

Kurz nach seinem 18. Geburtstag, nachdem der Vater nicht mehr über seinen Körper bestimmen konnte, ließ sich Weißgerber innerhalb weniger Monate sehr stark mit Nazisymbolen tätowieren. Er gründete eine eigene Nazi-Jugendgruppe und schloss sich später den "Autonomen Nationalisten" an. Weißgerber erzählt und liest Passagen aus seinem Buch. Zwischendrin zeigt er Fotos aus seiner aktiven Nazizeit.

Chemnitzer stellen viele Fragen

In der anschließenden Fragerunde melden sich viele Chemnitzer zu Wort. Zum Beispiel wird er nach dem Schlüsselerlebnis für den Ausstieg gefragt. Doch die Antwort auf diese Frage ist für Weißgerber nicht leicht und auch nicht in zwei Sätze zu packen. "Diese Annahme, es gibt diesen einen Moment, ist ein Mythos, den man aus Filmen kennt", sagt er. In seinem Fall waren es verschiedene Faktoren, die ihn zum Rückzug und später zum Ausstieg aus der Szene führten. Ein Grund war, dass die Leute aus seinem Freundeskreis, seinen moralischen Ansprüchen nicht gerecht wurden. Auch strengere Polizeiauflagen, beispielsweise bei Demonstrationen, führten zunehmend dazu, dass er sich aus der Szene zurückzog.

Der lange Weg zurück

Die nächste Frage zielt auf seine vielen Nazitattoos. Er habe sie übertätowieren lassen, erzählt Weißgerber. "Es fehlt noch eine Sache am linken Unterarm. Danach kann ich mich dann wieder unbeschwert mit T-Shirts in der Öffentlichkeit zeigen oder ins Schwimmbad gehen", sagte er und zupft an seinem langärmligen Rollkragenpullover.

Welche Auswirkungen seine Vergangenheit auf sein jetziges Leben hat, beantwortet Christian Weißgerber mit einem Scherz: "Ich muss einen Disclaimer bei Tinder schicken. Oder ich schicke den Link zu meinem Buch." Denn er muss die Leute darauf hinweisen, was sie sehen könnten, wenn er unbekleidet ist. "Über meine Vergangenheit zu reden strengt mich sehr an und ich will es privat auch nicht ständig tun müssen."

Nach dreieinhalb Stunden zieht Wolfram Ette, einer der Organisatoren, ein positives Fazit: "Das Ding war voll. Es gab viele Fragen und viel Interesse. Dreieinhalb Stunden Lebenszeit für so eine Veranstaltung zu opfern, das heißt es kann nicht ganz schlecht gewesen sein."

Veranstaltungsreihe "Ich bin raus" Die Veranstaltungsreihe wird von Wolfram Ette und seinen Mitstreitern organisiert. Sie haben sich im Zuge der Ereignisse um die Tötung von Daniel H. zusammengefunden. In den nächsten Monaten wird es weitere Veranstaltungen rund um die Thematik Ausstieg aus der rechten Szene geben.

9. Mai 2019 | 18:30 Uhr im Kraftwerk e.V.
Gast: Aussteigerprogramm Sachsen und Kulturbüro Sachsen

28. Mai 2019 | 18.30 Uhr im Vortragssaal der Stadtbibliothek
Gast: Aussteiger Felix Benneckenstein

25. Juni 2019 | 18:30 Uhr im Vortragssaal der Stadtbibliothek
Gast: Sozialpsychologe Claas Pollmans

Quelle: MDR/al

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 10.04.2019 | 19:00 Uhr

AKTUELLES AUS SACHSEN

Zuletzt aktualisiert: 10. April 2019, 20:54 Uhr

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25 Kommentare

12.04.2019 18:16 Bernd L. 25

Kirchenmitglied:
Ob jemand wegen des Glaubens oder aus biologischen Gründen getötet werden soll, ist dem zu Tötenden egal. Beides sind Facetten menschenverachtender Ideologien. Wo liegt der Unterschied?

12.04.2019 17:07 Kirchenmitglied 24

@Bernd L. (22), mit "dem Buch" meinen Sie sicher den Koran. Ja es stimmt, da wird von der Einteilung nach gläubig und ungläubig und von der Tötung der Ungläubigen geschrieben. Dennoch ist es ein Unterschied, der darin besteht, dass die Nazis ihre Einteilung nach würdig und unwürdig aus rein biologischen und medizinischen Eigenschaften ableiten. Z.B. gibt es unter den Chemnitzer Neonazis durchaus die Auffassung, Schwerstbehinderte mindestens zu isolieren.

12.04.2019 14:35 Palle 23

@Pille: Blödsinn? Ich wüsste nicht, dass über die "linke Fangemeinde" vom SV Babelsberg oder St. Pauli so detailliert von den Medien berichtet wird, wie z.B. über Cottbus oder Chemnitz. Mir sind auch auch keine Razzien im ultralinken Millieu diesbezüglich bekannt, geschweige denn Gerichtsprozesse. Apropos Chemnitz, auch da wurde im letzten Jahr nur einseitig von rechter Gewalt berichtet... Interessant fände ich daher einen Beitrag zu einem Aussteiger aus der AntiFa Szene, was meinen Sie? Ansonsten bin ich bei Ihnen: *gaääääähnnnnnnn*

11.04.2019 18:45 Bernd L. 22

Hallo Kirchenmitglied,
Was ist mit den Einteilungen aller Menschen in Gläubige und Ungläubige, wobei das sogar im Buch steht- zählt das auch unter Nazi? Ich frage für einen Freund.
Und wer will die von ihnen Genannten vernichten? Meinten sie den Sultan von Brunei oder die 12 übrigen musl. Länder, die Homosexuelle töten wollen? Aber waren sind doch gar nicht im gleichen Verein wie Weißgerber oder?

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11.04.2019 15:37 Pille 21

@11.04.2019 12:00 sh
"Wir haben noch weitere Extreme, Linksterrorismus und Terrorismus durch Islamisten, der nicht weniger gefährlich ist davon hört man wenig bis gar nichts. "
So ein Blödsinn. Das nennt man dann wohl selektive Wahrnehmung.

11.04.2019 12:51 AMJ 20

@11 Wehrmeister

So ein Programm gab es tatsächlich mal. Es wurde eingestellt, weil es keine Interessenten für einen "Ausstieg aus der linken Szene" gab.
Was dann inkludiert, dass es wohl entweder sehr gesittet bei den Linken zugeht und man nicht geht oder das ein Ausstieg ohne Repressalien erfolgt, im Gegensatz zur rechten Szene.

11.04.2019 12:00 sh 19

Es wird zunehmend langweilig, bei jeder Nachrichten-oder Dokumentarsendung vom Kampf gegen Rechts zu sehen und zu hören. Wir haben noch weitere Extreme, Linksterrorismus und Terrorismus durch Islamisten, der nicht weniger gefährlich ist davon hört man wenig bis gar nichts. Also berichtet allumfassend oder lasst es. Und das heute jeder denkt, er kann ein Buch schreiben, ist auch nicht so neu.

11.04.2019 11:56 Kirchenmitglied 18

@Michael (1) Nazis sind Leute, die sich anmaßen, die Menschheit insgesamt und die Menschen aus ihrer eigenen Umgebung in würdig und unwürdig zu unterteilen. Daraus leiten sie die Pflicht ab, den Würdigen zu dienen, für sie zu arbeiten, ihnen zu folgen und mit ihnen Gemeinschaft zu haben und die Unwürdigen zu verachten, zu schädigen und zu vernichten. Unter den Chemnitzer Nazis gelten mindestens folgende Menschen als unwürdig: Afrikaner, Muslime, Juden, körperlich und geistig Behinderte, psychisch Kranke, Homosexuelle, Anhänger linker Ideologien, Christen, die ihren Glauben ernst nehmen, Menschen mit alternativen Lebensentwürfen.

11.04.2019 10:51 MuellerF 17

@11: Fragen Sie einfach mal Herrn H.M.Broder oder den G.Reil, wie schwierig deren Ausstieg aus der "linksextremistischen Szene" war.

11.04.2019 10:48 Pille 16

@11.04.2019 07:58 Wehrmeister
*gaääääähnnnnnnn*

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