Standortschließung in Chemnitz Majorel-Beschäftigte demonstrieren für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze

Streikende Personen mit Protestschildern
Bei einer Schließung droht bis zu 400 Beschäftigten des Callcenters die Entlassung. Bildrechte: Thomas Friedrich

Mehr als 100 Beschäftigte des Callcenters Majorel in Chemnitz haben am Montagnachmittag für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze demonstriert. Sie waren einem Protestaufruf der Gewerkschaft Verdi gefolgt. Während nur wenige Meter entfernt die Gespräche mit einer Verhandlungsgruppe der Bertelsmann-Geschäftsführung liefen, forderten die Beschäftigten lautstark, die geplante Standortschließung zum Jahresende zu überdenken. Viele hatten Töpfe und Löffel als Lärminstrumente dabei. Enrico Zemke, Verdi-Gewerkschaftssekretär für die Telekommunikationsbranche in Sachsen, wirft Bertelsmann vor, seine unternehmerische Verantwortung vernachlässigt zu haben.

Gewerkschaftssekretär Enrico Zemke steht mit Warnweste an einem Gewerkschaftsstand und spricht in ein Mikrofon.
Gewerkschaftssekretär Enrico Zemke warf der Majorel-Geschäftsleitung Versagen vor. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Obwohl es seit Jahren einen absehbaren, deutlichen Trend zur Digitalisierung der Tätigkeiten im Kundenservice der Telekommunikationsbranche gibt, ist es den Arbeitgebern nicht gelungen, im sonst wachsenden Callcenter-Markt andere Geschäftsfelder zu erschließen und so die Arbeitsplätze zu erhalten.

Enrico Zemke Verdi-Gewerkschaftssekretär

Ein Redner aus der Belegschaft warf der Geschäftsleitung vor, die Sozialleistungen in der Vergangenheit immer weiter zusammengestrichen zu haben. Gleichzeitig seien die Arbeitsanforderungen ständig gestiegen. Man habe in der Chefetage die Hausaufgaben nicht gemacht, so der Redner.

Der Online-Handel nimmt ständig zu. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich kein Anbieter gefunden hat, für den wir den Support übernehmen können.

Ein Arbeitnehmer Majorel

Frauen und Männer stehen auf einem Platz mit Plakaten , auf denen der Erhalt der Arbeitsplätze gefordert wird.
Auf Plakaten machte die Belegschaft ihre Wut und ihre Kampfbereitschaft deutlich. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Laut Zemke sollen auch in Mecklenburg-Vorpommern weitere 1.000 Arbeitsplätze gestrichen werden. "Damit sind ausschließlich Standorte in den neuen Bundesländern von den Schließungsplänen betroffen."

Menschen mit Handicap besonders betroffen

Etwa 70 der 400 Mitarbeiter sind körperlich eingeschränkt. Enrico Zemke: "Etwa zwanzig Prozent der Beschäftigten sind schwerbehindert, haben also ein besonders Handicap. Sie finden noch viel schwerer eine neue Arbeit als Otto Normalverbraucher. Und das alles kommt auch noch zur Unzeit, mitten in der Corona-Pandemie."

Niemand weiß, wo der Arbeitsmarkt in den kommenden Monaten noch hingeht.

Enrico Zemke Verdi-Gewerkschaftssekretär

Betriebsrat sieht keinen Grund für Kündigungen

Betriebsrat Mirko Ludwig hält eine Schließung zudem für nicht notwendig. Er habe Kenntnis, dass an Majorel-Standorten in den alten Bundesländern derzeit Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gesucht würden. Da "man die Arbeit (in einem Callcenter) im Endeffekt hin- und herrouten kann", sehe Ludwig keinen Grund für Kündigungen. Dirk Egelseer vom Callcenter Verband Deutschland sieht ebenfalls Möglichkeiten für einen Erhalt des Standorts. Er sagte dem MDR, es entstünden derzeit neue, digitale Geschäftsfelder in der Branche. In diesen steige der Bedarf in größerem Maße, als er im einfachen Bedarf wegfalle.

Verdi-Sprecher Zemke appellierte noch einmal an die Geschäftsführung, von den Schließungsplänen abzurücken: "Die Leidtragenden sind am Ende die Beschäftigten und ihre Familien." Verdi werde insbesondere den medialen Druck aufrechterhalten. "Wir werden nicht Ruhe geben und das Thema in den Medien halten. Damit kann man den Medienkonzern Bertelsmann schon noch treffen."

Quelle: MDR/tfr/kh

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 22.02.2021 | 19:00 Uhr

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 22.02.2021 | 07:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz

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