Vereinsmitglieder und Besucher der Stadtbibliothek stehen an einem Infotisch.
Der "2. Club der lebenden Geschichten" soll am 30. März 2019 in der Chemnitzer Stadtbibliothek stattfinden. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

1. Club der lebenden Geschichten Chemnitz: Miteinander sprechen statt übereinander reden

In der Chemnitzer Stadtbibliothek sind erstmals "lebende Bücher" verliehen worden. Menschen mit Behinderung, Transgender, Muslime oder Flüchtlinge kamen mit anderen Menschen ins Gespräch. Alle Fragen waren erlaubt.

Vereinsmitglieder und Besucher der Stadtbibliothek stehen an einem Infotisch.
Der "2. Club der lebenden Geschichten" soll am 30. März 2019 in der Chemnitzer Stadtbibliothek stattfinden. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Was Sie schon immer über Ausländer oder Behinderte wissen wollten... Oder wollten Sie es gar nicht wissen und hatten eine klare Vorstellung davon, wie sich eine Muslima in Chemnitz fühlt oder ein Mann mit posttraumatischer Belastungsstörung, der als Kind im Elternhaus missbraucht wurde? Wer sich am Sonnabend in der Chemnitzer Stadtbibliothek auf die Gespräche mit ungewöhnlichen Gesprächspartnern eingelassen hat, erhielt Einblick in die Lebenssituation von Menschen, die unfreiwillig am Rand der Gesellschaft stehen: Behinderte, Transgender, Homosexuelle, Muslime oder Flüchtlinge.

"Ich fühle mich oft nicht ernst genommen"

Eine Rollstuhlfahrerin im Gespräch mit einer anderen Frau, die ihr gegenüber sitzt.
Nele hat klare Vorstellungen davon, was sie in den Gesprächen vermitteln will. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Die 26-jährige Rollstuhlfahrerin, die alle Nele rufen, ist eine der "lebenden Bücher". Sie wirkt optimistisch und hat klare Vorstellungen, was die persönlichen Gespräche bringen sollen. "Ich erhoffe mir ein Umdenken im Umgang mit eingeschränkten Menschen. Ich kann heute klarmachen, dass eine körperliche Behinderung wie meine nicht bedeutet, geistig behindert zu sein." Sie fühle sich oft nicht ernst genommen, wenn andere sie manchmal nur schwer verstehen." Man muss genauer hinhören, wenn man mit Nele spricht. Das Sprechen erfordert aufgrund der Behinderung eine größere Anstrengung von ihr. Aber die Gesprächspartner hatten dafür auch eine halbe Stunde Zeit. Was Nele dann sagt, klingt überzeugend. "Ich male und gebe auch ehrenamtlich Malkurse." Kunst sei für sie auch ein Mittel, mit dem sie zeigen könne, dass Menschen mit Einschränkungen viel tun könnten. "Für mich ist die Kunst diese Brücke."

Unsere Gesellschaft braucht Brücken zwischen den Menschen.

Nele

Ein vollkommen anderer Blickwinkel

Eine Besucherin, die gemeinsam mit ihrer Tochter mit Nele gesprochen hat, war beeindruckt von dem Kontakt. "Ich habe selbstredend keine Vorbehalte gegenüber behinderten Menschen. Aber das Gespräch war sehr spannend und hat mir noch einmal vor Augen geführt, dass man die Dinge auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten kann und muss." Dazu habe es viele interessante Anregungen gegeben.

Markus Eidam, Vorsitzender des Vereins "Mehr Miteinander in Sachsen e.V."
Markus Eidam, Vorsitzender des Vereins "Mehr Miteinander in Sachsen e.V." Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Marcus Eidam, Vorsitzender des Vereins "Mehr Miteinander in Sachsen" und Organisator der ungewöhnlichen "Buchausleihe", wusste im Vorfeld nicht, ob sich die Bibliotheksbesucher auf die Gespräche einlassen. "Mal habe ich gedacht, es wird niemand zu uns kommen, ein anderes Mal dachte ich, dass die Kapazitäten nicht reichen." Jetzt sehe er, dass die Gesprächsangebote gut ankommen, fügt er erleichtert hinzu. Ach wenn schätzungsweise nur jeder zehnte der Angesprochenen das Angebot angenommen hätte, sei das auf jeden Fall ein Erfolg. Eidam hatte die "Bücher" für die "lebende Bibliothek" über seinen Freundeskreis angesprochen. Auch über Facebook hatte er Kontakte geknüpft. Am Sonnabend waren neun Personen da, mit denen die Bibliotheksbesucher unter vier Augen für eine halbe Stunde ins Gespräch kommen konnten.

Markus Eidam verbucht den "1. Club der lebenden Geschichten" als Erfolg und will das Projekt fortsetzen. "Wir werden auf jeden Fall am 30. März 2019 wieder hier in der Stadtbibliothek sein und das Experiment ein zweites Mal wagen. Außerdem würden wir gern an Schulen mit Jugendlichen ins Gespräch kommen. Über solche Anfragen würden wir uns besonders freuen."

Quelle: MDR/tfr

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio| 17.01.2019 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Chemnitz

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Zuletzt aktualisiert: 19. Januar 2019, 18:52 Uhr

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9 Kommentare

20.01.2019 17:55 Sachse43 9

@8: Sie bringen mich da auf eine Idee. Eine Idee, die Zahlen wissen zu wollen. Werde ich gleich mal bei der AfD anfragen ob sie dies nicht im Rahmen einer kleinen Anfrage in Erfahrung bringen können. Manchmal sind Sie doch zu was nütze, vielen Dank.

20.01.2019 14:26 Mediator an Phrasenhasser(5) 8

Was soll es denn bitte bedeuten als "Leistungsnehmer sein Arbeitsleben zu verbringen"?

Ansonsten glaubst du hoffentlich nicht den Unsinn den du erzählst und kündigst deinen Job um einen Verein zu gründen um von den üppigen staatlichen Zuschüssen zu leben, von denen du träumst.

Selbstverständlich kann man in der Rechtsform eines Vereins hunderte von Angestellte haben die sogar von staatlichen Geldern leben können, aber das liegt daran, dass man dann hochqualifizierte Aufgaben wahrnimmt, zu deren Finanzierung der Staat verpflichtet ist. Die Lebenshilfe ist so ein Verein.

Es entspricht übrigens den Grundsätzen unseres Staates, dass öffentliche Aufgaben nicht vom Staat selbst, sondern wo immer möglich von Vereinen oder Unternehmen wahrgenommen werden und lediglich vom Staat mitfinanziert werden.

20.01.2019 14:17 Sachse43 7

Ich freue mich auf die nächste Krise in der richtigen Industrie. Dann werden die Steuereinnahmen nicht mehr sprudeln und die Gießkanne ist endlich.

20.01.2019 13:01 Sachse43 6

Ich freue mich auf die nächste Krise in der richtigen Industrie. Dann werden die Steuereinnahmen nicht mehr sprudeln und die Gießkanne ist endlich.

20.01.2019 12:09 Phrasenhasser 5

3, sicher. Aber ich habe beobachtet, dass es nicht nur daran liegt. Denn wenn man sich nicht vorstellen kann, als Leistungsnehmer sein Arbeitsleben zu verbringen, bieten sich in der Jetztzeit so großartige Möglichkeiten, seine Ansichten, nicht mehr nur sein Hobby, zum Beruf zu machen. Oder es läuft nicht so gut mit der Selbstständigkeit und man hat überschüssige Zeit. Man gründet einen Verein, der staatliche Zuschüsse erhalten wird. Also einen, der bereits anhand seines Namens zeigt, dass man sich dem guten Zweck verpflichtet fühlt.

20.01.2019 12:01 Mediator 4

Eine schöne Veranstaltung um Menschen eine stimme zu geben die sonst nicht so gut gehört werden und mit denen viele Menschen schlicht und ergreifend keinen Kontakt haben. Wenn Sachse43(1) sich darüber aufregt, dann kann man fast schon davon ausgehen, dass es eine Veranstaltung ist, die zu mehr Miteinander in der Gesellschaft beiträgt. Sachse43 scheint, wenn man seine Beiträge hier liest nur glücklich zu sein, wenn er gegen irgend etwas sein kann. Bevorzugt Ausländer, aber nach denen kommen halt in der rechten Ideologie gleich Menschen mit Behinderung dran.

20.01.2019 10:30 Grosser, Klaus 3

@Sachse43
Wo es eine Ideologie gibt, zählen die Fakten nicht mehr.

20.01.2019 10:30 Neu. 2

man sollte mit erwähnen wo Behinderte in D. es schwer haben eine arbeit zu erhalten nach ihrer krankheit und diese nicht genommen werden,
man trifft ,ob Kopftücher, Behinderte u s w .stets , da braucht man nicht noch zusätzlich so ein Forum , wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht.

20.01.2019 10:19 Sachse43 1

Läuft doch alles wieder auf Kosten der Steuerzahler.

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