30.03.2020 | 16:14 Uhr Sind ältere Menschen beim Einkauf unvernünftig?

Ältere Menschen sind durch Corona besonders gefährdet. Trotzdem nehmen viele die Hilfsangebote zum Einkaufen nicht an. Wir haben mit dem Chemnitzer Psychologen Professor Stephan Mühlig über die möglichen Gründe gesprochen.

Ein Einkauf steht vor einer Haustür.
Es gibt viele Hilfsangebote. Trotzdem verzichten viele älter Menschen nicht auf das Einkaufen. Bildrechte: imago/Panthermedia

Herr Professor Mühlig, es gibt viele Hilfsangbote, um älteren Menschen den Einkauf abzunehmen. Trotzdem sieht man viele Ältere in Supermärkten. Warum ist das so?

Erst einmal muss man schauen, inwieweit das Angebot auch wirklich die Zielgruppe erreicht. Wir können nicht zwingend davon ausgehen, dass alte Menschen das Angebot auch wahrnehmen, was im Internet angeboten wird. Da sind sie vielleicht nicht so affin. Man müsste also erst einmal prüfen, wie hoch der Informationsgrad in Bezug auf die Angebote ist. Das ist der praktische Grund, den ich da vermute.
Dann gibt es aber auch internale Gründe, also solche, die mit der Person zu tun haben. Es kann auch sein, und so habe ich das auch in verschiedenen Interviews wahrgenommen, dass alte Menschen eher dazu neigen, die Lage zu bagatellisieren. Ich könnte mir vorstellen, dass ältere Menschen schon ganz andere Notzeiten durchgemacht haben, die im Vergleich viel schlimmer wirken, als das momentan zu sehen ist. Da das Verständnis für exponentielles Wachstum bei Menschen sowieso sehr gering ausgeprägt ist, kann man nicht davon ausgehen, dass sie jetzt schon absehen, was in vier Wochen ist. Momentan sehen sie anhand der Zahlen, dass noch gar keine reelle Bedrohung da ist. Da entsteht subjektiv der Eindruck, dass vielleicht alles übertrieben wird. Damit ist alles noch weit weg und ich kann mich noch lange Zeit ungeschützt in der Öffentlichkeit aufhalten, weil es noch gar nicht so ernst ist. Das wird erst irgendwann in der Zukunft so weit kommen. Das könnte ein weiterer Grund sein.

Professor Stephan Mühlig
Professor Stephan Mühlig Bildrechte: Technische Universität Chemnitz

Es wird überall kommuniziert, dass die Älteren besonders gefährdet sind. Trotzdem erleben wir, dass sich viele Ältere weiterhin draußen zum Einkaufen bewegen. Woher kommt ihrer Meinung nach dieser Widerstand gegen die Warnungen?

Ich sehe da drei Gründe. Zum einen ist das die angesprochene mangelnde Informiertheit, zum anderen schätzen einige Menschen dieser älteren Generation die Situation anders ein. Da spielt tatsächlich ein gewisser Generationseffekt eine gewisse Rolle. Doch ein dritter Effekt ist, dass ältere Menschen auch ganz einfach gern einmal vor die Tür gehen. Sie haben eben trotz aller Risiken auch ganz andere Bedürfnisse. Jeder Mensch hat auch eine ganz eigene Risiko-Nutzen-Abwägung. Mancher, der 70 oder 80 Jahre alt ist, geht dann nicht ganz so vorsichtig mit sich um und sagt sich, 'Ich habe mein Leben ja gehabt. Bevor ich mich einsperren lasse und leide in meiner Einsamkeit, gehe ich lieber einkaufen und gehe ein gewisses Risiko ein. Vielleicht ist dieses Risiko ja nicht so groß. Und wenn es mich trifft, dann ist es eben so.' Auch solche Haltungen findet man, weil verschiedene Generationen auch andere Blickwinkel auf eine solche Situation haben. Das hat mit den historischen Erfahrungen zu tun, mit der eigenen Lebensperspektive und mit der subjektiven Risikobewertung. Diese Faktoren könnten eine Rolle spielen, obwohl ich einschränkend sagen muss, dass das wissenschaftlich nicht untersucht ist. Meine Einschätzung basiert auf subjektiven Erfahrungen, die ich als Therapeut im Umgang mit Patienten gesammelt habe. Das ist jedoch nicht durch Studien unterlegt.

Dann wäre doch jetzt gerade die richtige Zeit für eine solche Untersuchung?

Das ist im Moment ein gigantisches sozialpsychologisches Experiment, das da gerade neben dem medizinischen Experiment läuft. Es ist ja eine völlig neue Situation, die es so noch niemals in der Geschichte gegeben hat. Eine weltweite Pandemie mit diesen Auswirkungen und so weitgehenden Einschränkungen. Das ist für alle neu. Insofern gibt es da wenig spezifische Daten. Wir werden im Anschluss sicherlich viel daraus lernen, wenn alles im Nachhinein ausgewertet werden wird. Aber jetzt sind wir selbst noch in der Beobachtungsphase und müssen schauen, was jetzt passiert. Vielleicht stellt sich die Situation in zwei oder drei Wochen ganz anders dar. Vielleicht werden dann die älteren Menschen vorsichtiger sein, wenn sie die ersten Fälle erlebt haben. Wenn die Gefahr näher rückt, wird sie auch ernster genommen. An der Situation in Italien kann man das ganz gut nachvollziehen. Erst wurde die Situation unterschätzt. In dem Moment aber, wo man das sinnlich erfahrbar erlebt, dass es in der Umgebung passiert, dass die Einschläge näher kommen, dann wird man sehr schnell sein Handeln ändern. Nur dann ist es eben bereits zu spät, weil bis dahin schon so viele unerkannte Infektionen passiert sind.

Zur Person: Professor Stephan Mühlig Stephan Mühlig ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Technischen Universität Chemnitz. Er ist klinischer Direktor der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz TU Chemnitz sowie Leiter der Psychosozialen Beratungsstelle und der Raucherambulanz Chemnitz.

Das Interview führte Nora Kilenyi.

Quelle: MDR/tfr

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 25.03.2020 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Chemnitz

Mehr aus Chemnitz und Stollberg

Mehr aus Sachsen