Interview Corona: Wie das Gesundheitsamt in Chemnitz gegen die Pandemie kämpft

Die Gesundheitsämter sind in Zeiten der Corona-Pandemie gefragter denn je: Abstriche machen, infizierte Personen betreuen und aufklären, das gehört zu ihren Aufgaben. Doch das ist offenbar nur die Spitze des Eisbergs. Gesundheitsämter sind momentan vor allem damit beschäftigt, die Ausbreitung des Coronavirus so gut wie möglich einzudämmen. Wie viel Arbeit das für die Mitarbeiter bedeutet, schildert Marina Oesterreich vom Gesundheitsamt Chemnitz im Gespräch mit MDR SACHSEN.

Ein Schild mit der Aufschrift "Gesundheitsamt".
Bildrechte: imago images/Waldmüller

Noch sind die Fallzahlen von Corona-Infektionen in Sachsen vergleichsweise gering. Nur wenige Menschen haben Angehörige, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben. Was nach der Feststellung einer Infektion passiert, ist also für viele eine große Unbekannte. Marina Oesterreich ist Sachgebietsleiterin beim Allgemeinen Infektionsschutz des Chemnitzer Gesundheitsamtes. Seit rund einem halben Jahr beschäftigt das Coronavirus sie und ihre Mitarbeiter.

Frau Oesterreich, jeder Patient in Chemnitz, der sich mit Corona infiziert hat, hat mit Ihnen oder ihren Mitarbeitern Kontakt. Wenn beispielsweise ein Arzt einen Corona-Patienten feststellt, wie werden Sie informiert?

Es gibt ein vorgeschriebenes Meldeformular, das in Sachsen für alle 39 meldepflichtigen Erkrankungen verwendet wird - auch für Corona. Das geht immer in ein sicheres Mailpostfach ein. Es gibt keine Anrufe, denn es muss datenschutzkonform vonstatten gehen.

Covid-19 ist eine Erkrankung, die klinisch nicht diagnostizierbar ist. Man kann also als Arzt den Verdacht haben, aber sie ist lediglich über den Labornachweis diagnostizierbar und deswegen gibt es auch eine Labormeldepflicht. Wir kriegen vom Arzt eine Verdachtsmeldung. Wir unternehmen aber nichts, weil wir auf den Labornachweis warten müssen. Wenn kein Labornachweis kommt, ist der Verdacht ausgeräumt: Es ist dann eine Influenza oder irgendeine andere Atemwegserkrankungen, aber es kann kein Covid-19 sein.

Und was passiert, wenn das Labor einen Patienten positiv testet?

Wenn das Labor einen positiven Test feststellt bei der Untersuchung der Probe, dann generiert ein Meldesystem automatisch eine Meldung ans zuständige Gesundheitsamt. Also dort, wo der Betreffende per Hauptwohnung gemeldet ist. Im Prinzip reagieren Gesundheitsämter nur auf Labormeldungen, nicht auf Arztmeldungen.

Wie sehen die nächsten Schritte aus? Wer informiert den Patienten?

Zuallererst wird immer die infizierte Person angerufen, über den Test-Befund informiert und belehrt. Deswegen ist es auch ganz wichtig, dass immer die Telefonnummern mit vermerkt sind. Die Person wird über die Quarantänebedingungen informiert und umfänglich beraten. Dann wird die betreffende Person gebeten, eine Liste aller Kontaktpersonen zu erstellen.

Von welchem Zeitraum sprechen wir denn, wenn ein Patient seine Kontakte angeben muss?

Bei klinisch Kranken, also symptomatischen Personen, ab zwei Tagen vor Symptombeginn. Und bei klinisch gesunden asymptomatischen Personen zwei Tage vor Abstrichentnahme. Und für diesen Zeitraum müssen die Personen ihre Kontaktpersonen bei uns angeben mit Name, Geburtsdatum, Adresse und Telefonnummer. Das ist alles über die Datenschutzordnung geregelt - in diesem Fall ist sie ausgehebelt, denn wir müssen die Leute ja kontaktieren. Es wird also eine Liste erstellt. Manche müssen wirklich lange Listen machen. Das dauert dann in der Regel einige Stunden, bis die bei uns eingehen. Dann werden diese Personen angerufen und zu ihren Kontakten befragt. Die Fragestellung dahinter: Stehen diese Angaben mit den Angaben des Infizierten überein oder werden andere Dinge angegeben.

Und wenn sich rausstellt, dass ich tatsächlich Kontakt hatte? Muss ich mich dann zwangsläufig in Quarantäne begeben?

Es wird entschieden, ob es ein Kategorie-I-Kontakt ist. Kontakte der Kategorie I erhalten eine Quarantäne von 14 Tagen ab dem Tag des letzten Kontaktes mit dem Infizierten und bekommen zwei Tests. Den ersten Test sobald als möglich, um eine Infektion möglichst früh zu erkennen. Und den zweiten Test fünf bis sieben Tage später, um eine eventuelle Infektion, die im Körper schlummerte und wo sich die Viruslast noch nicht ausgebreitet hatte, sodass kein Nachweis möglich war, dann noch abzugreifen. Maßnahmen wie Quarantäne und Testung sind nur bei Kategorie-I-Kontakten erforderlich.

Kategorie-II-Personen erhalten lediglich eine Information und Belehrung über die Erkrankung, und dass sie sich, wenn entsprechende Symptome auftreten, bitte sofort melden und wer ihre Ansprechpartner und Kontaktpersonen sind.

Dann gibt es Kategorie III, die dann auch nur einer Beobachtung und Überwachung unterliegen.

Kontakt-Kategorien kurz erklärt Kategorie I

Eine Person hatte innerhalb der vergangenen zwei Wochen engen Kontakt zu einem Erkrankten mit einer laborbestätigten Covid-19-Diagnose. Ein enger Kontakt bedeutet entweder, dass man mindestens 15 Minuten mit dem Erkrankten gesprochen hat bzw. angehustet oder angeniest worden ist, während dieser ansteckend gewesen ist.

Kategorie II

In diese Kategorie fallen alle Personen, die in den vergangenen zwei Wochen nur im gleichen Raum mit einem Covid-19-Erkrankten waren und keinen engen Kontakt hatten. Es besteht nur ein geringeres Ansteckungsrisiko.

Kategorie III

Dabei handelt es sich um medizinisches Personal, das mit Mund-Nasen-Schutz am Patienten gearbeitet hat.

Keine Kategorie

Wer Kontakt zu einer Person hatte, die wiederum Kontakt zu einem im Labor bestätigten Covid-19-Patienten hatte, aber völlig gesund ist, zählt nicht als Kontaktperson. Quelle: Robert Koch-Institut

Das klingt alles sehr aufwändig. Sind die Nachverfolgung der Kontakte, das Kategorisieren und mehrmalige Testen wirklich so entscheidend?

Es wird in jedem Falle akribisch ermittelt. Wir hatten am Wochenende im Gesundheitsamt ungefähr dreißig Kontaktpersonen zu bekannten Fällen abgestrichen, von denen wurden sieben positiv getestet. Das ist ganz wichtig zur Unterbrechung dieser Infektionsketten, solche Leute zu erkennen.

Sie sprechen jetzt für das Gesundheitsamt in Chemnitz. Läuft das überall gleich ab oder hat jedes Gesundheitsamt sein eigenes Prozedere?

Das fachliche Prozedere ist vorgegeben, das organisatorische nicht. Ich muss auch sagen, wir hinterfragen das ganz regelmäßig. Es gibt Zeiten, da treffen wir Regelungen, die wir 14 Tage später wieder über den Haufen werfen und neu strukturieren müssen. Wenn die Fallzahlen ansteigen oder, wie es im Sommer war, zurückgehen, wird das jeweils angepasst. Über den Sommer, als es ein bisschen ruhiger war, gab es zum Beispiel am Wochenende nur eine Rufbereitschaft. Jetzt sind es mittlerweile zwei bis drei Personen, die am Wochenende vom Amt aus ganztags arbeiten. Also das wird immer an die epidemiologische Lage angepasst und auch wieder zurückgefahren, falls es mal hoffentlich bald wieder ruhiger wird.

Und auch die Abläufe, wie die Ermittlung erfolgt, wie das Antelefonieren der Kontaktperson erfolgt und die Organisation der Abstriche, das ist in jedem Gesundheitsamt anders. Wir machen alle Kontaktuntersuchungen selbst, bestellen die Kontakte hier her, streichen ab und haben auch noch ein mobiles Team im Einsatz, das Hausbesuche macht bei Personen, die nicht mobil sind. Bei manchen Gesundheitsämtern bekommt die Kontaktperson eine Art Berechtigungsschein und geht zum Arzt zum Abstrich.

Sie haben es gerade selbst angesprochen: das Personal. Nun gehen Experten davon aus, dass die Zahl der Personen deutlich steigen wird, die sich in den kommenden Monaten mit dem Coronavirus infizieren. Fühlen Sie sich denn personell dafür gerüstet?

Die Fallzahlen sind ja bereits im Ansteigen, wir befinden uns in der zweiten Welle. Jetzt haben wir die Fallzahlen von März und April - aber ohne Lockdown. Wenn damals zehn Erkrankte oder zehn positive Fälle pro Tag gemeldet wurden, dann war es so, dass die ja fast keine Kontakte hatten, weil sich ja alle zuhause befanden. Es gab keine Freizeitaktivitäten und so weiter. Kitas und Schulen waren geschlossen. Jetzt hängt in jedem Fall eine wirklich große Anzahl von Kontaktpersonen dran. Auch die Testungen gab es damals noch nicht. Im Frühjahr wurden die Kontaktpersonen lediglich in Quarantäne geschickt und wurden nicht zweimal getestet. Also der Arbeitsumfang ist enorm angestiegen. Aber wir fühlen uns im Moment noch dafür gerüstet.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie denn derzeit? Und können bei Bedarf noch auf Verstärkung hoffen?

Ich habe hier in meinem Sachgebiet zehn Mitarbeiter in Chemnitz, die sich ausschließlich um solche Dinge kümmern. Wenn das nicht ausreicht, helfen uns Mitarbeiter aus dem eigenen Amt. Wir haben insgesamt 70 Beschäftigte im Gesundheitsamt, die uns aushelfen. Dann gibt es innerhalb der Stadtverwaltung Chemnitz 60 weitere Personen, die sozusagen auf Abruf bereit sitzen. Die sind zum Teil schon geschult und waren im Einsatz. Wir können sie zur Kontaktpersonennachverfolgung einsetzen. Und im Hintergrund agieren dann auch noch sogenannte "Containment Scouts" und auch die Bundeswehr. Wenn es erforderlich ist, können wir auch da Leute abrufen. Also für den Fall des Falles gibt es Pläne und Abläufe, wie wir immer mehr die Helferzahlen hochfahren können und müssen. Wobei man eben auch sagen muss, dass es immer nur Helfer sein können. Eine Schulung ersetzt keine dreijährige Ausbildung.

Vor den Gesundheitsämtern liegen also offenbar arbeitsreiche Monate. Was wünschen Sie sich für die nächste Zeit?

Man sieht immer wieder Menschen, die ihre Mund-Nase-Bedeckung unterm Kinn tragen statt über der Nase - das muss nicht sein. Gerade jetzt, wo es kühler wird, kann man es wirklich ertragen, den Schutz richtig aufzusetzen. Mittlerweile ist es ein Accessoire geworden, wo jeder für seinen Anspruch das raussuchen kann, was ihm steht und gefällt.

Quelle: MDR/kp

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 29.09.2020 | 00:01 Uhr

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