26.03.2020 | 14:18 Uhr Chemnitz: Obdachlos in der Corona-Krise

Durch die Ausgangsbeschränkung in Sachsen ist das Verlassen der eigenen Wohnung nur noch mit einem wichtigen Grund erlaubt. Alle werden aufgefordert zu Hause zu bleiben. Doch was machen diejenigen, die kein Zuhause haben? Obdachlose leiden besonders unter der Ausgangsbeschränkung während der Corona-Krise. In Chemnitz gibt es noch einige Angebote für sie.

Ein obdachloser Mensch sitzt in viele Decken gewickelt an eine Mauer gelehnt
Symbolbild Bildrechte: imago/localpic

Im Tagestreff "Haltestelle" der Stadtmission Chemnitz gehen täglich Wohnungslose ein und aus. Hier können sie duschen, ihre Wäsche waschen, etwas Heißes trinken, essen oder sich einfach im Warmen aufhalten. Doch durch die Corona-Krise und die damit verbundenen Verfügungen gibt es derzeit massive Einschränkungen.

"Wir können nur zehn Menschen gleichzeitig einlassen", erzählt Alfred Mucha, Abteilungsleiter der Wohnungsnotfallhilfe der Stadtmission Chemnitz. "Jeder sitzt dann einzeln an einem Tisch, um die Abstandsregeln einzuhalten." Wäsche waschen, duschen und auch frühstücken seien derzeit nicht möglich. "Wir können die Hygieneregeln dafür nicht gewährleisten", so Mucha.

Aus den Parks vertrieben

Einige Wohnungslose erzählen in der "Haltestelle" davon, dass die Polizei sie aus den Parks vertrieben hat. "Ich kann das natürlich nicht überprüfen", sagt Mucha. "Aber das erzählen sie zurzeit."

Tagestreff "Haltestelle" in Chemnitz
Tagestreff "Haltestelle" in Chemnitz Bildrechte: MDR/Anett Linke

Die Polizei Chemnitz teilt auf Anfrage mit, dass die Personenkontrollen mit dem "nötigen Augenmaß" durchgeführt werden. "Das bedeutet insbesondere bei Wohnungslosen, dass die Kollegen die persönliche Situation derjenigen selbstverständlich im Blick haben", so Pressesprecher Andrzej Rydzik. "Nichtsdestotrotz weisen die Kollegen die Wohnungslosen auf die Abstandsbeschränkungen sowie die Beschränkungen der sozialen Kontakte hin." Sofern es nötig sei, würden auch Platzverweise ausgesprochen.

Zusammenarbeit zwischen Polizei und Straßensozialarbeitern gewünscht

Mucha wünscht sich eine Zusammenarbeit der Polizei mit den Straßensozialarbeitern. "Das würde es wahrscheinlich erleichtern, den Wohnungslosen die Situation näherzubringen", so Mucha. Laut Polizei sei eine Zusammenarbeit bislang nicht vorgesehen.

Der Stadtordnungsdienst der Stadt Chemnitz soll gegen Wohnungslose keine Maßnahmen ergreifen. "Gegebenenfalls werden Wohnungslose auf entsprechende Einrichtungen verwiesen", teilte die Stadt auf Anfrage mit. Je nach Möglichkeit sollen auch Straßensozialarbeiter oder das Sozialamt vom Stadtordnungsdienst informiert werden.

Hinweise und Gaben hängen an einem Zaun.
In den "Fairteiler" und an den Bauzaun an der Bahnhofstraße können Spenden für Wohnungslese abgelegt werden. Bildrechte: AJZ Chemnitz

Spenden-Bauzaun an der Bahnhofstraße

Das Streetworkteam des Alternativen Jugendzentrums (AJZ) in Chemnitz hat sich für eine einfache Form der praktischen Hilfe für Wohnungslose entschieden. In einem "Fairteiler", einem Schrank an der Bahnhofstraße, können Essen und Dinge des täglichen Bedarfs abgelegt werden. Außerdem können an einem Bauzaun Dinge gut verpackt angehängt werden.

Erste Spenden wurden bereits hinterlassen und haben neue Besitzer gefunden. "Während ich draußen war, kam jemand und hat sich sehr über einen 'neuen' gebrauchten Schlafsack gefreut", erzählt Gregor vom Team Mobile Jugendarbeit vom AJZ. Auch Hygieneartikel und Tiernahrung wurden bereits abgeholt.

Hinweise der Obdachlosenhilfe AJZ Chemnitz hängen an einem Zaun.
Die Hinweisschilder am Bauzaun weisen darauf hin, welche Dinge gebraucht und wie sie verpackt sein müssen. Bildrechte: AJZ Chemnitz

Die Obdachloseninitiaive "Spendensparschwein Rosalie" würde auch gern in der Corona-Krise weiter für die Wohnungslosen da sein. Doch es müsse für Spenden an die Unterkünfte auf das eigene Lager zurückgegriffen werden, da die benötigten Dinge nicht in großen Mengen eingekauft werden können.

Helfen ist in der jetzigen Situation nicht so einfach.

"Spendensparschwein Rosalie"

Diakoniechef fordert schnelle Lösungen

Sachsens Diakoniechef Dietrich Bauer appelliert an die Landkreise und Kommunen, in der Corona-Krise für Obdachlose rasche Lösungen zu finden. Für ihre Unterbringung und Versorgung müsse dringend gesorgt werden, denn ihr Alltag in Corona-Zeiten sei "noch bedrohlicher als sonst", sagte Bauer am Mittwoch in Radebeul.

Wohnungslose Menschen könnten nicht zu Hause bleiben, denn sie haben keins, sagte Bauer. Die Aufforderung, zu Hause zu bleiben und physische Kontakte einzuschränken, habe "mit ihrer Lebenswirklichkeit rein gar nichts zu tun" und laufe ins Leere. Die derzeit vorhandenen Notunterkünfte in den Kommunen würden aus Angst vor Ansteckung häufig nicht aufgesucht, hieß es.

Quelle: MDR/al

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 26.03.2020 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Chemnitz

Zuletzt aktualisiert: 26. März 2020, 14:18 Uhr

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