23.04.2020 | 13:31 Uhr Wie kommen Blinde und Gehörlose durch die Corona-Krise?

Die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie sind für jeden schwierig. Doch für Blinde und Gehörlose bringen die Verordnungen besondere Herausforderungen mit sich.

Ein blinder Mann hat einen Gehstock
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"Wenn Menschen nicht sprechen, existieren sie für mich erstmal nicht", sagt Anja Pfaffenzeller, Lehrerin an der Landesschule für Blinde und Sehbehinderte Chemnitz. Sie ist selbst blind und sieht die Herausforderungen vor allem bei den Abstandsregeln und der Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel.

"Wenn Leute mit mir kommunizieren und mir sagen 'Ich bin hier', dann kann ich mich da gut anstellen und den Abstand halten", erzählt sie. Wenn sie das nicht tun, sei es etwas schwieriger, die Abstandsregeln einzuhalten. "Ich gehe da offensiv mit um und bitte auch die Leute, mir zu sagen, wenn sie weiterrücken", so Pfaffenzeller. Das funktioniere meistens sehr gut.

Wenn ich zu einem Geschäft komme, frage ich momentan schon vor der Tür einmal laut 'Ist hier eine Schlange? Stehen hier Leute an?', um zu wissen, ob ich anstehen muss.

Anja Pfaffenzeller

Wenn keiner da ist, hält Pfaffenzeller ihren Kopf vorsichtig ins Geschäft und fragt auch dort noch einmal nach, ob Menschen anstehen oder sie das Geschäft betreten kann. Beim Busfahren fragt sie die anderen Wartenden an der Haltestelle, welcher Bus gerade einfährt. Den Busfahrer kann sie zur Zeit nicht fragen, da ein Einstieg zum Schutz der Fahrer zurzeit erst ab der zweiten Tür möglich ist.

Gehörlose wiederum stellt vor allem die Mundschutzpflicht vor Herausforderungen. "Hörgeschädigte sind auf das Mundbild angewiesen, um Wörter absehen zu können", erklärt Karola Tiffe-Mey, Leiterin des Gehörlosenzentrums Chemnitz. "Kommunikation mit Mundschutz ist also erschwert."

Die Mundschutzpflicht ist noch sehr neu und eine Lösung für die Problematik gibt es bisher nicht. In Amerika gebe es Masken mit Plexiglaseinsatz. Diese seien aber nicht lieferbar, beschlagen beim Sprechen und es sei illusorisch, dass jeder Verkäufer eine habe, so Tiffe-Mey. Eine andere Variante wären Plexiglasvisiere für Verkäufer, so dass diese ohne Mundschutz arbeiten könnten.

Frau mit einer selbstgenähten Schutzmaske
Für Hörgeschädigte ist der Mundschutz ein Problem: Da sie auf das Mundbild angewiesen sind, ist dadurch Kommunikation fast unmöglich. Bildrechte: imago images/photothek

Doch laut Tiffe-Mey sei die Mundschutzpflicht nicht die größte Schwierigkeit zurzeit. Gerade gehörlose Senioren fänden nur schwer Zugang zu den modernen Medien und können die aktuellen Informationen nicht barrierefrei abrufen. "Vor allem geschriebene Informationen werden oft missverstanden", sagt sie. Außerdem seien gehörlose Menschen zur Kommunikation auch auf den persönlichen Kontakt angewiesen. "Vor allem alleinstehende Senioren sind aktuell isoliert und von Einsamkeit bedroht."

Quelle: MDR/al

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 22.04.2020 | 17:20 Uhr

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