Nach 50 Jahren Jubilar Tatrabahn kommt in Chemnitz aufs Abstellgleis

Sie prägten 50 Jahre lang das Stadtbild von Chemnitz. Erst im rot-cremeweißen Einheitslook in Karl-Marx-Stadt, später dann etwas modernisiert im Blau-Gelb der Chemnitzer Verkehrsbetriebe: die tschechoslowakischenTatrabahnen. Am Montag genau vor 50 Jahren wurde die erste Bahn in Betrieb genommen. Ab kommendem Frühjahr werden die letzten verbliebenen in Chemnitz ausgemustert.

Ein Tatra-Straßenbahnzug von vorn mit der Aufschrift "Adventsfahrt" im Schneetreiben
Bald werden die Tatrabahnen in Chemnitz - so wie diese hier - nur noch im Straßenbahnmuseum zu bewundern sein. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Ein bisschen Wehmut ist schon dabei für Rentner Frank Pahl, der sich noch einmal in die Fahrerkabine setzt. Die Tatrabahnen von Karl-Marx-Stadt kennt er von Beginn an. Sie wurden angeliefert, als er Lehrling im Straßenbahndepot war. "Die Lehrmeister waren ganz euphorisch und haben uns damit angesteckt", erinnert sich Frank Pahl. "Sie sagten: Es kommen vier Stück. Davon bekommt einen die Lehrwerkstatt. Den dürft ihr auseinandernehmen und wieder zusammenschrauben." Er lacht: "Wir waren so naiv und haben das geglaubt."

Ein Mann sitzt in einer Fahrerkabine einer Straßenbahn.
Frank Pahl arbeitete in der Werkstatt, fuhr aber auch öfter selbst Straßenbahn. Bildrechte: MDR/Nora Kilényi

Eingewöhnungsphase

Ein wenig schrauben war anfangs trotzdem nötig - und zwar an den Stromleitungen. Die waren für den Energiebedarf der neuen Tatras nämlich nicht stark genug, sodass es zunächst immer mal zu Ausfällen kam. Die Fahrleitungen mussten mit verstärkten Querschnitten neu gezogen werden und die Bahnstromversorgung angepasst werden. Ab da brausten die Tatras durch die Stadt. "Am Anfang haben die Pkw-Fahrer gar nicht mit so einer schnellen Bahn gerechnet", erinnert sich Pahl. Sie hätten zum Beispiel aus Gewohnheit gedacht, noch vor der Bahn links abbiegen zu können, "aber die Tatra war ratzfatz da".

Die Tatra wuchs mit ihren Aufgaben

Ein Bilick in den Innenraum der Tatrabahn offenbart die einfache und bewährte Doppelbestuhlung in rot und grau
Diese Plasteschalen mussten früher für den Sitzkomfort reichen. Bildrechte: MDR/Stefan Hellem

Zunächst fuhren jeweils zwei Triebwagen zusammen. Ab 1973 kamen Anhänger dazu. Die Straßenbahnen haben dadurch 45 Meter Länge und ein großes Fassungsvermögen gehabt. So wuchs zum Beispiel die Linie 5 mit dem Bau des Neubaugebietes "Fritz-Heckert". Erst wurden die Bauarbeiter zu den verlängerten Abschnitten gefahren. Je mehr Menschen dann später in das Gebiet zogen, umso dichter wurde auch der Fahrplan getaktet.

Während so manch andere Stadt in den frühen 1990er-Jahren neue Straßenbahnen kaufte, wurden in Chemnitz die Tatrabahnen modernisiert. Zum Beispiel wurden die Sitzschalen mit Stoff überzogen. Viele Ältere können sich wohl noch an die roten und grauen Sitzschalen aus Hartplaste erinnern. Frank Pahl schmunzelt: "Die hießen Hämorriden-Schaukeln. Die waren im Winter so kalt, da sind Sie freiwillig wieder aufgestanden, wenn Sie sich draufgesetzt haben".

Bunte Straßenbahnlandschaft in Chemnitz

Wer heute in Chemnitz auf Straßenbahnen achtet, sieht vor allem eins: bunt. Nicht nur, dass viele Bahnen mit verschiedenen Werbebotschaften großflächig überzogen sind, es fahren auch viele verschiedene Typen herum. Es gibt noch die alten Tatrabahnen. Dann gibt es Variobahnen, die auch auf den elektrifizierten Eisenbahnabschnitten Richtung Stollberg zum Einsatz kommen. Für nicht elektrifizierte Eisenbahnbereiche wurden die sogenannten Citylinks in die Flotte aufgenommen. Sie fahren als Straßenbahnen im Stadtgebiet Chemnitz und steuern mit ihrem Hybrid-Dieselantrieb Bahnhöfe in umliegenden Städten an.

Ablöse ebenfalls aus Tschechien

Zwei Straßenbahnen stehen in einem überdachten Depot. Die rechte sieht sehr modern aus, ihre riesige Frontscheibe spiegelt stark. Die linke Bahn sieht älter aus.
Generationswechsel: Vorgänger links und Nachfolger rechts. Bildrechte: MDR/Nora Kilényi

Stammten die Tatrabahnen vom Hersteller ČKD Tatra aus Prag, kommen deren Nachfolger aus Pilsen von der Firma Škoda Transportation. Derzeit wird das erste Fahrzeug in Betrieb genommen. Ab Frühjahr soll es auf Chemnitz' Schienen rollen. Nach und nach werden 13 weitere Bahnen die restlichen Tatras ersetzen. Damit verfügen die Bahnbetreiber CVAG und City-Bahn dann ab 2020 über eine komplett barrierefreie Flotte. Denn, um in eine Tatrabahn einzusteigen, müssen zwei hohe Stufen erklommen werden. Deswegen, so Pahl, sei im Fahrplan das Kennzeichen "N" beziehungsweise das Rollstuhlzeichen eingeführt worden. Damit wissen die Fahrgäste, die nächste Bahn in zehn Minuten ist wieder eine Niederflurbahn.

Früher - heute - morgen Straßenbahnen in Chemnitz

Ausgerechnet zum 50. Jubiläum wird die Tatrabahn in Chemnitz ausgemustert. Die letzten Tatras werden bis 2020 von neuen Niederflurbahnen von Škoda ersetzt und gesellen sich zu den anderen ins Straßenbahnmuseum Chemnitz.

Ein Tatra-Straßenbahnzug von vorn mit der Aufschrift "Adventsfahrt" im Schneetreiben
Bald wird sie nur noch im Museum zu sehen sein: die Tatrabahn T3D. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich
Ein Tatra-Straßenbahnzug von vorn mit der Aufschrift "Adventsfahrt" im Schneetreiben
Bald wird sie nur noch im Museum zu sehen sein: die Tatrabahn T3D. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich
Eine Tatra-Straßenbahn fährt auf einer verschneiten Straße in Charkiw
Der Typ T3 war mit fast 14.000 Exemplaren der weltweit meistgebaute Straßenbahntyp. Hier eine Aufnahme von 2016 in Charkiw (Ukraine). Bildrechte: dpa
Ein Bilick in den Innenraum der Tatrabahn offenbart die einfache und bewährte Doppelbestuhlung in rot und grau
Viele werden sich noch an die roten und grauen Plastesitzschalen erinnern. Bildrechte: MDR/Stefan Hellem
Blick in den Fahrgastraum einer älteren Straßenbahn. Die Sitze bestehen aus kleinen Sitzschalen, die mit Stoff überzogen sind.
Die wurden in den frühen 1990er-Jahren wenigstens mit Stoff überzogen ... Bildrechte: MDR/Nora Kilényi
Fahrgastraum einer älteren Straßenbahn. Im Hintergrund steht ein Mann, davor ist ein gelber Fahrkartenautomat zu sehen.
... oder im Rahmen einer Generalüberholung durch neue Sitze ersetzt. Bildrechte: MDR/Nora Kilényi
Blick in den Innenraum einer restaurierten Straßenbahn mit Holzbänken
Nicht zu vergleichen mit der "Holzklasse", die es in den schönen historischen Bahnen noch gab... Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich
Eine restaurierte Straßenbahn in einer Halle mit Fahrgästen
Die Bahnen aus den 1920er-Jahren fuhren zuletzt auf der Linie 3 immerhin noch bis 1988. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich
Eine historische Straßenbahn verlässt das Gelände des Straßenbahndepots.
Die moderneren Gothaer Bahnen waren in Größe, Form und Sitzplatzkapazität den historischen Bahnen ähnlich und wurden ab 1969 von den Tatrabahnen abgelöst. Bildrechte: MDR/Mario Unger
Zwei Straßenbahnen stehen in einem überdachten Depot. Die rechte sieht sehr modern aus, ihre riesige Frontscheibe spiegelt stark. Die linke Bahn sieht älter aus.
Die letzten Tatrabahnen (Beispiel links) werden nun von den Škoda Bahnen (rechts) abgelöst. Bildrechte: MDR/Nora Kilényi
Citylink des Chemnitzer Modells
Das gilt auch für den Citylink, dessen Einstiege und Antriebe sowohl im Straßenbahn- als auch im Eisenbahnnetz funktionieren. "Zweigleisig" sind auch die sogenannten Variobahnen unterwegs, wobei sie im Eisenbahnnetz auf elektrifizierte Streckenabschnitte angewiesen sind. Bildrechte: MDR/Dan Hirschfeld
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Quelle: MDR/nk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 25.02.2019 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Regionalstudio Chemnitz
MDR SACHSENSPIEGEL | 25.02.2019 | 19:00 Uhr

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Feuerwehreinsatz in Chemnitz
Bildrechte: MDR/Haertelpress

Zuletzt aktualisiert: 25. Februar 2019, 05:00 Uhr

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