Ein Foto des Opfers steht am Tatort zwischen zahlreichen Blumen und Kerzen.
Daniel H. wurde beim Chemnitzer Stadtfest mit mehreren Messerstichen getötet. Bildrechte: dpa

Mutmaßlicher Iraker bestreitet Tatbeteiligung Tatverdächtige der Messerattacke in Chemnitz beantragen Haftprüfung

Drei Wochen nach dem gewaltsamen Tod eines Chemnitzers fordern jetzt zwei verhaftete Verdächtige ihre Freilassung. Einer von ihnen bestreitet zudem, an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Nach einem dritten Verdächtigen wird weiter gefahndet.

Ein Foto des Opfers steht am Tatort zwischen zahlreichen Blumen und Kerzen.
Daniel H. wurde beim Chemnitzer Stadtfest mit mehreren Messerstichen getötet. Bildrechte: dpa

Nach dem tödlichen Messerangriff auf den Chemnitzer Daniel H. haben die Anwälte der zwei verhafteten Tatverdächtigen Anträge auf Haftprüfung gestellt. Das bestätigte die Staatsanwaltschaft Chemnitz am Freitag MDR SACHSEN. Wie Oberstaatsanwältin Ingrid Burghart mitteilte, wird das Amtsgericht die Haftprüfungen in der kommenden Woche vornehmen. Womit die Anwälte ihre Anträge begründet haben, wollte sie nicht mitteilen.

Yousif A. bestreitet Tatbeteiligung

Recherchen des Norddeutschen Rundfunks zufolge bestreitet einer der beiden Verhafteten, an der Auseinandersetzung, bei der Daniel H. getötet wurde, beteiligt gewesen zu sein. Dies habe der mutmaßliche Iraker Yousif A. bei einem Gespräch mit dem Leiter der Rechtsabteilung der irakischen Botschaft erklärt. Er ist der Verdächtige, dessen Haftbefehl illegal im Internet verbreitet worden war. Während weder Polizei noch Staatsanwaltschaft bisher nähere Angaben zum Tathergang in Chemnitz machten, bekam der NDR Kenntnis von einer Schilderung des inhaftierten Yousif A. sowie der eines unbeteiligten Augenzeugen. Beide Stellungnahmen sollen weitgehend übereinstimmen und Zweifel am dringenden Tatverdacht gegen Yousif A. wecken. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen gemeinschaftlichen Totschlags. Allerdings sind die Aussagen aus der Gruppe der Opfer bisher nicht bekannt.

Nur nach Feuer für Zigarette gefragt

Der Inhaftierte Yousif A. schildert laut NDR, dass er sowie seine Begleiter Farhad A. und Alaa S. an dem Abend des 25. August eine Shisha-Bar in Chemnitz besucht hätten und gegen 2:30 Uhr morgens zu einem Döner-Imbiss gegangen seien. Alaa S. sitzt inzwischen ebenfalls in Haft, nach dem flüchtigen Farhad A. wird international gesucht. Unterwegs hätten die drei eine Gruppe von Männern und Frauen getroffen, darunter den 35-jährigen Daniel H., das spätere Opfer. Farhad A. sei zu der Gruppe um Daniel H. gegangen, um nach Feuer für eine Zigarette zu fragen. Dabei seien die Männer in Streit geraten, sagte Yousif A. Er habe den Streit geschlichtet und beide Gruppen seien weitergegangen.

Streit flammte wieder auf

Danach kamen der Schilderung des Verdächtigen zufolge Bekannte der drei Asylbewerber aus dem Döner-Imbiss und fragten nach dem Grund des Streits. Anschließend seien Farhad A. und mehrere der anderen Männer erneut zu der Gruppe von Daniel H. gegangen. Dann sei es zu einer heftigen Auseinandersetzung und der Messerstecherei gekommen. Er selbst, Yousif A., habe mehrere Meter abseits gestanden.

Zeuge bestätigt Schilderung

Ein Zeuge, der das Tatgeschehen unmittelbar beobachtet und bei der Polizei zu Protokoll gegeben hatte, schilderte dem NDR ebenfalls, dass es zum Streit zwischen Farhad A. und Daniel H. gekommen sei. Daraufhin seien Alaa S. und zwei weitere Bekannte aus dem Döner-Imbiss zum Geschehen geeilt und gemeinsam mit Farhad A auf Daniel H. und dessen Bekannte losgegangen. Der Zeuge sagt auch, dass Yousif A. einige Meter abseits gestanden habe.

Anwalt: Haftbefehl hätte nicht ausgestellt werden dürfen

Der Anwalt von Yousif A., der Strafverteidiger Ulrich Dost-Roxin, sagte dem NDR, keine der im Haftbefehl benannten Beweismittel wiesen "nur im Geringsten auf eine Tatbeteiligung" seines Mandanten hin. Der Haftbefehl hätte überhaupt nicht ausgestellt werden dürfen. Womit der Verteidiger von Alaa S. den Haftprüfungsantrag seines Mandaten begründet, ist bislang nicht bekannt.

Dritter Tatverdächtiger weiter auf der Flucht

Gegen die beiden Verdächtigen Yousif A. und Alaa S., 22 und 23 Jahre alt, war bereits einen Tag nach dem gewaltsamen Tod von Daniel H. Haftbefehl erlassen worden. Der jüngere Mann soll aus dem Irak stammen, der andere aus Syrien. Allerdings gibt es Zweifel an ihrer Identitäten, weil sie aufgrund gefälschter Papiere und Selbstauskünften festgestellt wurden. Mehr als eine Woche nach der Tat starteten die Ermittler eine Öffentlichkeitsfahndung nach einem dritten Tatverdächtigen. Es ist der von Yousif A. genannte Farhad A., ein nach Polizeiinformationen 22 Jahre alter abgelehnter Asylbewerber aus dem Irak. Er wurde bisher nicht gefasst.

Demonstrationen und Ausschreitungen

Der Tod von Daniel H. zog zahlreiche Demonstrationen in Chemnitz nach sich, darunter auch von rechten Gruppen. Deren Kundgebungen mündeten teilweise in Gewalttätigkeiten, die bundesweit für Aufsehen sorgten. Für diesen Freitagabend hat die rechtspopulistische Bürgerbewegung Pro Chemnitz erneut zu einer Demonstration in der Innenstadt aufgerufen.

Haftprüfung Ein in Untersuchungshaft sitzender Beschuldigter kann jederzeit und auch mehrmals eine Haftprüfung beantragen. Diese muss binnen zwei Wochen stattfinden. Dabei trägt der Beschuldigte oder sein Anwalt dem Ermittlungsrichter Gründe vor, warum der Haftbefehl aufgehoben oder ausgesetzt (Haftverschonung) werden sollte. Letzteres kann mit unterschiedlichen Auflagen verbunden sein, zum Beispiel eine regelmäßige Meldepflicht.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde nach der Bestätigung, dass auch der zweite verhaftete Tatverdächtige eine Haftprüfung beantragt hat, überarbeitet und um die neuen Erkenntnisse ergänzt.

Quelle: MDR/ma/dk/stt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 14.09.2018 | ab 5 Uhr in den Nachrichten

AKTUELLES AUS SACHSEN

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2018, 12:35 Uhr

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99 Kommentare

16.09.2018 09:20 Hans 99

Die Tat in Chemnitz ist nicht nur strafrechtlich zu bewerten sondern hat auch eine politische Relevanz. Denn beide oder zumindest 1 Migrant mit bereits einen Vorstrafenregister hätte abgeschoben werden müssen. Wenn ein Rechtsstaat sich weiterhin so nennen möchte kommt er hier schon in die Zwickmühle.

15.09.2018 21:01 Fremdschämer 98

@Eulenspigel
Na da sollten Sie lieber nochmal in Geschichte etwas nachholen. Die Menschen gingen in der DDR nicht auf die Strasse, weil sie zur BRD gehören wollten. Sie gingen zu allererst auf die Straße, weil sie eine andere DDR wollten. Es ging nicht darum den Sozialismus zu überwinden, es ging darum einen anderen Sozialismus zu etablieren. Ohne Verfolgung, Unterdrückung, etc. Erst Helmut Kohl hat aus dem "Wir sind das Volk", das "Wir sind ein Volk" gemacht. Und ja, beide Seiten haben glücklicherweise die Gunst der Stunde erkannt.
Und ihre Frage ist etwas falsch vormuliert. Es geht nicht darum, etwas zu verlieren, es geht darum, nicht noch weiter abzurutschen in der gesellschaftlichen Hierarchie. Ich sage nur fast 30 Jahre Fall der Mauer und wir haben immer noch erhebliche Lohnunterschiede. Hinzu kommt, dass die Sozialleistungen in den letzten Jahrzehnten erheblich abgebaut wurden. Sei es Krankenversorgung, Rente, Hartz4, Minijobs, Kündigungsschutz, Leiharbeit, Studiengebühr etc.

15.09.2018 19:18 Eulenspiegel 97

Hallo sh 93
„Die Ostdeutschen wollen das nicht aufgeben, was Sie 1989 erkämpft haben“
Ja was haben sie sich denn erkämpft?
Meines Wissens ging es 1989 um den Fall der Mauer. Und darum das die Ostdeutschen zur BRD gehören wollten. Ja und das die BRD zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahrzehnte ein weltoffener, freiheitlich demokratischer Staat war in dem andere Nationalitäten und andere Religionen in der direkten Nachbarschaft etwas total normales waren.
Darum noch ein mal meine Frage: Was haben die Ostdeutschen sich denn 1989 erkämpft was sie nicht aufgeben wollen? Das wäre mal interessant zu erfahren.

15.09.2018 18:14 der_Silvio 96

@91 Mediator; "...ein jüdisches Geschäft attackiert..."

Das kann JEDER gewesen sein!
Die Täter waren vermummt, und an einer Vermummung kann man keine politische Gesinnung festmachen!
Und Antisemitismus ist kein Alleinstellungsmerkmal für den Rechtsextremismus!
'Der verschwiegene Antisemitismus der deutschen Linken' lautet ein Artikel auf welt.de vom 18.07.2016

15.09.2018 15:24 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 95

@ 91. Mediator:
Immer schön bei der Wahrheit bleiben, lieber Medi!

Zitat "In der Realität von "Chemnitz" gab es Demonstrationen, die rechtsextremistischen Sprüchen dominiert wurden, aus denen heraus und in deren Umfeld Menschen mit ausländischem Aussehen teils bewusstlos geprügelt wurden, ein jüdisches Geschäft attackiert wurde und politische Gegner sowie Journalisten körperlich angegriffen und ihre Ausrüstung beschädigt wurde."

So etwas nennt man nicht 'Demonstration', sondern 'Pogrom'!

15.09.2018 15:21 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 94

@ 84:
Kannst Du mir sagen, wo ich meine Parteimitgliedsausweise der Linken, Grünen und der SPD hingelegt habe?? Ich finde die gerade nicht...

Ach, Mensch, es liegt ja daran, daß ich keinen einzigen Parteiausweis in meinen Leben ausgehändigt bekam, weil ich noch nie Mitglied einer Partei war...

15.09.2018 14:52 sh 93

Der über Jahrzehnte bekannte und absolut mit fachlicher Kompetenz ausgestattete politische Journalist Peter Hahne hat es in der Sendung " hier ab 4" neulich im mdr auf den Punkt gebracht. Die Ostdeutschen wollen das nicht aufgeben, was Sie 1989 erkämpft haben und sie können sich als Dunkeldeutschland und Pack bezeichnen lassen aber Sie stehen vermutlich auf der richtigen Seite. Und was dann hier wieder erzählt wird von Rechtsextremen und NazisNazis, das ist nur noch lächerlich. Hier sind Menschen die diesen ganzen Schwachsinn satt haben nicht mehr und nicht weniger. Und, keiner wird das uns Sachsen verbieten. Dazu sind wir einfach stark genug.

15.09.2018 14:37 Mediator an Fremdschämer (89) 92

Kommt jetzt die Masche, dass ich angeblich das Opfer verhöhne? Diese Karte wird ja immer gerne von Menschen gezogen, die rechtsextremistische Ausschreitungen mit einem Totengedenken verwechseln.
1. Streit:
Wo schreibe ich denn, wer den Streit begonnen hat? Ich stelle lediglich fest, dass man mit Anstand und deeskalierendem Verhalten die meisten Konflikte erst gar nicht entstehen lässt. Folgt man aber dem AfD und Pegida Credo von "Scheiß auf Anstand", dann steigt das Risiko natürlich, dass man den Ärger findet den man dann wohl auch sucht.
Ob Rechtfertigungsgründe nach StGB vorlagen muss übrigens die Ermittlung und das anschließende Verfahren klären.
2. Totschlag und nicht Mord: (Ich zitiere einfach mal den Stern vom 13.9)
"Gegen die drei Tatverdächtigen, zwei von ihnen sind in U-Haft und ein weiterer auf der Flucht, wird wegen Totschlags ermittelt."
Eine NAZI Demonstration inkl. Ausschreitungen als Trauermarsch zu tarnen ist wohl keine Frechheit gegenüber den Angehörigen?

15.09.2018 14:23 Mediator an REXt (84) 91

Vielleicht sollten sie sich einfach einmal von Begrifflichkeiten lösen und sich auf die Realität konzentrieren.
Ein Mitglied der AfD kann gleichzeitig bei Pegida mit latschen und rechts terroristische Straftaten begehen. Stellt sich die Frage, welches "Label" für diesen Menschen dann angebracht ist.
In der Realität von "Chemnitz" gab es Demonstrationen, die rechtsextremistischen Sprüchen dominiert wurden, aus denen heraus und in deren Umfeld Menschen mit ausländischem Aussehen teils bewusstlos geprügelt wurden, ein jüdisches Geschäft attackiert wurde und politische Gegner sowie Journalisten körperlich angegriffen und ihre Ausrüstung beschädigt wurde. Wer bei so etwas mitläuft, obwohl er jederzeit aus dem Demonstrationszug ausscheiden könnte, der muss sich den Vorwurf gefallen lassen Rechtsextremisten zu unterstützen.
Ein Deutschland wie es in Chemnitz von der AfD inszeniert wurde, kann auch aus meiner Sicht übrigens gerne verrecken. So ein Deutschland braucht tatsächlich niemand!

15.09.2018 13:40 mare nostrum 90

@ 77

Nicht, dass der US-Villenbesitzer in D schwarzer Hautfarbe ist?!

Dann wird er nach neuestem Kenntnisstand - erworben mit dem Fortschreiten der Bauarbeiten - freiwillig die Flucht ergriffen haben! (Gut) verkaufen kann er immer noch. -

Mir kommt jetzt der Verdacht, dass der Respekt vor dem farbigen Mitbürger bei gewissen Unmenschen hier in diesem Bundesland lediglich mit dem Kontostand steigt.

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