Interview mit Autor Robert Claus "Die Chemnitzer Hooliganszene ist eine der gewalttätigsten der extrem rechten Hooligan- und Kameradschaftszenen dieses Landes"

Welche Rolle spielt die Hooliganszene beim CFC bzw. die Chemnitzer Hooliganszene im ostdeutschen Fußball? MDR KULTUR hat darüber mit Robert Claus, Autor des Buches "Hooligans - eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik", gesprochen.

Autor und Moderator Robert Claus
Bildrechte: Robert Claus/www.chloephoto.de

Als sie erstmals Bilder von der sogenannten Trauerfeier im Stadion in Chemnitz gesehen haben, was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?
Ganz offen gesagt war ich geschockt. Dass die rechtsextreme Hooliganszene in Chemnitz einer ihrer Schlüsselfiguren gedenkt, und vielleicht ein Spruchband ins Stadion schmuggelt, das wäre erwartbar gewesen. Dass aber das Foto des Herrn Haller auf der Stadionleinwand auftaucht und es eine offizielle Stadiondurchsage zu seinen Ehren oder an seine Erinnerung gibt, das hat tatsächlich auch meine Vorstellungskraft einfach gesprengt.

Wobei man bei Thomas Haller offensichtlich ganz unterschiedlicher Ansicht sein kann, was das für ein Mensch war. Da kann man sagen, in den 1990er-Jahren war er der Gründer der "HooNaRa", der "Hooligans, Nazis, Rassisten". Man kann sagen, er war vielleicht ein Unterstützer der rechten Szene. Man kann aber auch sagen, das war ein ehrenwerter Unternehmer, dessen Security-Firma gern und auch von großen Auftraggebern in Anspruch genommen wurde, der fair und angenehm war. Was war er denn?
Meines Erachtens kann man das Zweite nicht sagen. Jedes Mal, wenn ein Auftraggeber - sei es der Chemnitzer FC oder die Stadt Chemnitz oder jemand anderes - ein Security-Unternehmen engagiert, in dem Neonazis arbeiten, in dem Moment macht man sich selber zum Finanzkreislauf der extrem rechten Szene. Und jeder muss entscheiden, ob man das selber sein möchte oder nicht. Man muss immer im Hinterkopf behalten, dass es auch die Chemnitzer Naziszene geschafft hat, sich ein stückweit ein wirtschaftliches Rückgrat zu bauen. Zu diesem Rückgrat gehören nicht nur Security-Unternehmen, da gehören auch Kampfsportstudios, Kneipen und Musiklabels dazu. Wie gesagt: Jeder der so eine Firma beauftragt, macht sich selber zum Komplizen - ob gewollt oder ungewollt - eines extrem rechten Finanzkreislaufes.

Jedes Mal, wenn ein Auftraggeber (...) ein Security-Unternehmen engagiert, in dem Neonazis arbeiten, in dem Moment macht man sich selber zum Finanzkreislauf der extrem rechten Szene.

Robert Claus, Autor "Hooligans - eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik"

Das heißt, wer sagt: 'Eigentlich war der ganz nett', stellt sich dumm?
… tut etwas naiv und sieht offensichtlich die ganze Tragweite nicht. Ob Thomas Haller persönlich eine nette Person war, das ist nicht Kern der Debatte. Der dreht sich darum, welche Funktion Thomas Haller für diese Szene innehatte und welche Funktion er dort ausgeübt hat. Und wir reden in Chemnitz immer noch 20, 30 Jahre über eine der bestorganisiertesten und gewalttätigsten extrem rechten Hooligan- und Kameradschaftsszenen dieses Landes.

Die Chemnitzer Nazi- und Hooliganszene ist eine der gewalttätigsten und bestorganisiertesten dieses Landes.

Robert Claus, Autor "Hooligans - eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik"

Und der Chemnitzer FC reagiert jetzt in besonderer Form, hat Strafanzeige gestellt. Wegen schwerwiegender Nötigung. Nach der Devise: Wenn wir das nicht zugelassen hätten, dann wäre noch schlimmeres passiert. So verstehe ich das zumindest. Wie glaubwürdig klingt das für Sie?
Wie gesagt: Die Chemnitzer Nazi- und Hooliganszene ist eine der gewalttätigsten und bestorganisiertesten dieses Landes. Seit vielen Jahren, zweifelsohne, kann sie ein wahnsinnig starkes Gewalt- und Drohpotenzial aufbauen. Es spricht schon eine deutliche Sprache, wenn der Verein öffentlich zugibt, vor diesem Drohpotenzial eingeknickt zu sein oder eingeknickt haben zu müssen. Die Chemnitzer Naziszene ist natürlich auch seit August/September letzten Jahres in einem starken Aufwind. Die Straf- und Gewalttaten der rechten Szene haben stark zugenommen. Das berichten Opferzentralen unisono. Insofern ist das Szenario glaubwürdig. Viel wichtiger aber als die ganzen kleinen Brandherde, die jetzt gelöscht werden, im Laufe des heutigen Tages, ist vor allem die Frage, was der Chemnitzer FC in den letzten 30 Jahren im Bereich der Prävention gemacht hat. Und leider ist die Antwort da sehr, sehr dünn. Es hat sich immer auf plakative, symbolpolitische Maßnahmen beschränkt. Es gab Stellungnahmen auf der Homepage, es gab Aktionsspieltage für Toleranz. Eine langfristige präventive Fanarbeit, die auch Bildungsangebote an Fans richtet, die werden sie beim Chemnitzer FC vergeblich suchen. Da muss der Verein eigentlich investieren. Das ist die Aufgabe für die Zukunft und nicht nur, einzelne Leute zu entlassen.

Selbst beim Chemnitzer FC sind nicht alle Fans rechts. Das wäre Unsinn.

Robert Claus, Autor "Hooligans - eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik"

Die Frage ist natürlich, was kann der Chemnitzer FC in den nächsten 30 Jahren, wenn es denn so sein soll, überhaupt noch tun? Denn die großen Sponsoren verabschieden sich. Da fragt sich jeder: Wenn der Verein so beschädigt ist, ist das dann noch im Sinne von irgendjemandem?
Naja, es gibt andere Beispiele bei anderen Klubs, die tatsächlich auch mal so eine Katastrophe leider durchlaufen mussten, um aufzuwachen. Um zu verstehen, dass sie eine langfristige, präventive Fanarbeit durchführen müssen, um gegen die extreme Rechte zu arbeiten, um den positiven Teil in seiner Fanszene zu unterstützen. Andere Vereine haben zum Beispiel Aktionstage für Zivilcourage mit Workshops ins Leben gerufen, haben Gedenkstättenfahrten begonnen, um auch dort Fans für Menschenrechte und gegen nationalsozialistische Gewalttaten zu sensibilisieren. All solche Maßnahmen braucht es, um langfristig die Fanszene beim Chemnitzer FC zu verändern. Denn man muss im Hinterkopf behalten: Selbst beim Chemnitzer FC sind nicht alle Fans rechts. Das wäre Unsinn. Leider aber ist die Szene von Nazis dominiert und das ist ein Problem. Deswegen muss der Verein die positiven Kräfte unterstützen.

Was erwarten Sie vom DFB?
Da muss man schauen, tatsächlich. Denn vorrangig zuständig ist der Nordostdeutsche Fußballverband, der Regionalverband, weil der Chemnitzer FC in der vierten Liga spielt. Der DFB ist natürlich auch gefragt, sich mal zu den Vorhaben zu äußern. Aber ich kann Ihnen auch eines berichten: Der DFB führt seit vielen Jahren jährlich einen Fachtag Rechtsextremismus durch, wo Vereine und Landesverbände zusammenkommen, um Projekte gegen Rechtsextremismus zu entwickeln und sich über diese Projekte auszutauschen. Der Chemnitzer FC hat in den letzten Jahren vor allem durch Abwesenheit geglänzt. Man muss solche Angebote natürlich auch annehmen.

Quelle: MDR/ms/cnj

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 11.03.2019 | 11:00 Uhr in den Nachrichten

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Zuletzt aktualisiert: 12. März 2019, 10:14 Uhr

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